Alle Hoffnung begraben

Vivawest GmbH macht Waagehaus dem Erdboden gleich

Ein Nachruf von Jesse Krauß
Foto: Wolf Hoffmann

Am Ende ging es überraschend schnell, eilig geradezu. Am Morgen des 20. März hatte Vivawest es einzäunen lassen, kurz darauf begann man mit der Entkernung des Waagehauses, eines Gebäudes, auf dessen Erhalt viele Menschen in der Stadt bis zuletzt gehofft hatten. Am 26. März rückte der Bagger an, am Abend des Folgetages war sein Werk getan. Das Waagehaus ist Geschichte. An seiner Stelle entsteht nun eine Kita.

Seit über einem Jahr hatte eine Bürgerinitiative aus engagierten Privatmenschen, Kaufleuten und Vereinen von der Horster Werbegemeinschaft, über das Geschichtsforum Nordsternpark, den Handwerksmeisterverein, den Runden Tisch und den Heimatbund bis hin zum Förderverein Schloss Horst versucht, den Abriss dieses stadtgeschichtlich bedeutsamen Gebäudes zu verhindern. Letztlich vergeblich. Briefe, Apelle, Eingaben, Unterschriftensammlungen sowie eine Onlinepetition, die zuletzt von 849 Personen unterzeichnet worden war (Stand 29. März), hatten NRWs größten Wohnungsanbieter nicht von seinem Plan abbringen können. Keiner der vielen, konkret ausgearbeiteten Vorschläge der Horster Aktiven, wie man das Haus erhalten, als Stadtteilzentrum neu beleben und zusätzlich auch die Kita hätte bauen können, fand Gehör. Sogar dass die Sanierung des Waagehauses insgesamt kostengünstiger gekommen wäre, als Abriss und Neubau, hatte man errechnet. Dennoch, das Waagehaus musste fallen. Alternativlos.

Dass ein Wohnungsunternehmen, dessen Wurzeln zum Teil in der historischen „Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten“ (später THS GmbH) liegen, also in einem Unternehmen, das einstmals von Arbeitnehmern mit aufgebaut wurde, ein Unternehmen, dessen Zentrale selbst sich in einem historischen Gebäude befindet, der zu THS-Zeiten aufwändig restaurierten Zeche Nordstern – dass so ein Unternehmen heute den erklärten und umfänglich demonstrierten Willen vieler Menschen ganz einfach ignoriert – ist ernüchternd. Vivawest hat sich mit dem völlig unnötigen Abriss des Waagehauses einen Imageschaden zugefügt. Auch wenn das im Unternehmen selbst vielleicht noch niemand bemerkt hat.

Ein weiteres Schlaglicht wirft die Tatsache, dass auch der Dialog der Bürgerinitiative mit der Politik völlig fruchtlos blieb. Zwar bedauerten Rat und Stadtverwaltung den Abriss – doch dabei blieb es, stets mit dem Verweis auf die Tatsache, dass das Haus nunmal nicht der Stadt, sondern der Vivawest GmbH gehöre, und die könne mit ihrem Eigentum tun, was sie wolle. Dabei ist schwer zu glauben, dass es in einer „vernetzten Stadt“ wie Gelsenkirchen keine Ebene geben soll, auf der Politiker und die Verantwortlichen von Vivawest hätten miteinander sprechen und gemeinsam eine konstruktive, zukunftsgerechte Lösung finden können. Wo ein politischer Wille ist, da ist immer auch ein Weg. Hier war nichts von beidem vorhanden.

Gelsenkirchen hat in seiner Vergangenheit durch blinden Eifer und Profitstreben eine Reihe wichtiger Bauten verloren. Nur langsam konnten, nicht zuletzt durch bürgerschaftliches Engagement, ein Umdenken bewirkt und eine neue Kultur im Umgang mit unserem baulichen Erbe erreicht werden. Hierfür steht z.B. das gemeinsam gerettete und wiederbelebte Schloss Horst. Der „Fall Waagehaus“ jedoch wirft unsere Stadt diesbezüglich um Jahre zurück.

Es wird in der Bürgerschaft nicht vergessen werden, dieses kleine, hübsche Haus, was es hätte sein können und wie man mit ihm umging. Und welche Bedeutung Bürgerwille in dieser demokratisch regierten Stadt letzten Endes hatte.


Foto: Volker Bruckmann

Ein Gedanke zu “Alle Hoffnung begraben

  1. Ich wohne zwar nicht mehr in Horst, habe aber fast 30 Jahre dort gewohnt. Damals war es ein schöner Stadtteil . Die Rennbahn gehörte natürlich dazu, sowie das schöne Häuschen. Es war so schön. Etwas das uns die Vergangenheit erzählte. Es tut mir sehr leid das es einfach vernichtet wurde.

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