Auf der Jagd nach Schmetterlingen

Man muss einfach hinsehen. Das Auge und das Gehirn tun sich schwer, beide Informationen flüssig miteinander zu verbinden. Konkrete Malerei an einer Hauswand, bekannte – wenn auch umgedeutete – Kunst hoch über den Köpfen, überdimensionale Farbenpracht, wo sonst grauer Putz in den Stadtteil starrt. Zehn Tage arbeitete Künstler Case Maclaim, geboren als Andreas von Chrzanowski, an der Wand des Hauses Festweg 1 in Ückendorf, die Vorarbeit dauerte bedeutend länger. Für die Projektreihe WALLS OF VISION, die 2019 von der Dr. Hans Riegel-Stiftung ins Leben gerufen wurde, nahm er sich für das Gelsenkirchener Setting Carl Spitzwegs „Der Schmetterlingsjäger“ vor.

Wer Spitzwegs Bilder kennt, weiß, dass der Maler seinen Mitmenschen mit humorigem Blick in Genrebildern ein satirisches Denkmal gesetzt hat. Teilweise erscheinen die Bilder, die Mitte des 19. Jahrhunderts gemalt wurden, wie moderne Comiczeichnungen, oder Spitzwegs Figuren könnten dümmlich schauend einem Computerspiel entstiegen sein. Dieser leicht debile Gesichtsausdruck ziert auch den Schmetterlingsjäger, den Case Maclaim mit Selfiestick, Handy und PET-Flasche am Rucksack in die Jetztzeit geholt hat.

Wir sprachen mit dem Fassadenmaler über seine Kunst, seine Methoden und seine Erlebnisse beim Freiluftmalen:

isso.: Zu Beginn – Was bedeutet Ihnen persönlich Spitzwegs Schmetterlingsjäger?

Case Maclaim: Die Wahl des Motives ging in diesem Falle von der Stiftung selbst aus. Was für mich allerdings den Reiz des Sujets ausmacht, ist Spitzwegs besonderer Bezug zur Natur. Realitätsflucht und die Stellung der Natur als Heiligtum waren um 1840 ein Einfluss auf die Darstellung des Biedermeier bzw. der Romantik. An dieser Grundstimmung wollte ich gerne ansetzen: Die Idee war es, den Schmetterlingsfänger in der heutigen gesellschaftlichen Eigenart, dem heutigen Weltbild entsprechend, darzustellen. Der Inhalt des Bildes, „einen Moment zu verpassen“ soll weitervermittelt werden. Die Darstellung der Person soll den egozentrischen Eskapismus von heute reflektieren.

Sie haben schon überall in der Welt gearbeitet. Hier in Gelsenkirchen haben Sie Spitzwegs Schmetterlingsjäger in die Gegenwart geholt, mit Selfiestick und PET-Flasche. Korrespondieren Ihre Motivwahl und die Stadt, der Sie ihre Kunst schenken, miteinander?

Nicht zwangsläufig, vielmehr beziehen sich meine Bilder oft auf die nähere Umgebung oder auf eine bestimmte Besonderheit eines Ortes. Der Betrachter interpretiert meistens zusätzlich, aufgrund persönlicher Empfindungen, weitere Sichtweisen. Bei dem Bild in Gelsenkirchen liegt der Schwerpunkt in der Neuinterpretation des Originalbildes. Ich persönlich fand die Herausforderung spannend, ein Bild, was im Original nicht größer als ein A4 Blatt ist, mit all den kleinen Details auf die entsprechend vorliegende Größe zu bringen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Hauswand bemalen, welche Arbeitsschritte gibt es da? Was sind Ihre Materialien?

Die Arbeitsschritte variieren von Projekt zu Projekt. In fremden Ländern zum Beispiel sind es die ersten Eindrücke, welche die Thematiken festlegen. Bildideen ergeben sich dabei aus Gesprächen und Situationen vor Ort. Daraufhin werden entweder Bildideen arrangiert und fotografiert, oder es kommt zu bestimmten Schnappschüssen, die ein bestimmtes Ereignis reflektieren, was es wert ist, darzustellen. Meine Materialien bei der Umsetzung sind Streichfarben in Kombination mit Dosen. Die Farbdose verwende ich, um Details auszuarbeiten und bestimmte Bereiche des Bildes brillanter zu machen.

Ein altes Sprichwort sagt: „Wer am Wege baut, hat viele Meister”. Als Fassadenmaler stehen Sie in besonderer Weise in der Öffentlichkeit, das ist so ziemlich das Gegenteil eines intimen Künstlerateliers. Kommen Sie oft in Kontakt mit Anwohnern*innen? Welche Feedbacks bekommen Sie?

In Deutschland sind die Reaktionen unterschiedlich, aber im Grunde positiv. Die Menschen hier sind gerne kommunikativ und sagen, was sie denken, gerade heraus, auch wenn sie mitunter nicht gefragt werden. Kritik ist wichtig, die konstruktive – um selbst andere Sichtweisen zu bekommen – und die destruktive – nun ja, diese Stimmen werden ja nicht so geboren, sondern entwickeln sich dahin. Der US-Amerikanische Comedian Katt Williams, beschreibt es am besten:
„(…)Haters gonna hate(…) Understand PEOPLE gonna hate you regardless, get out of your head that fantasy world where PEOPLE ain’t hating on you. You gotta be grateful, you need haters. Wtf are you complaining about, wtf do you think a hater’s job is?! If you got 14 hating on you, you need to figure out how the f… to get to 16 before the summer gets here!”*

„(…) Hasser werden hassen (…) Verstehe, dass Menschen dich trotzdem hassen werden, schlag‘ dir diese Fantasiewelt, in der dich niemand hasst, aus dem Kopf. Du musst dankbar sein, denn du brauchst Hasser. Also, warum zum Teufel beschwerst du dich? Was meinst Du denn, ist der Job eines Hassenden?! Wenn du 14-mal Hass auf dich gezogen hast, musst du herausfinden, wie du noch schnell auf 16 kommst, bevor der Sommer da ist!“


Case Maclaim wurde 1979 als Andreas von Chrzanowski in Schmalkalden geboren. Er lebt und arbeitet in Frankfurt. In seinen Arbeiten verbindet er fotorealistische und abstrakte Elemente.
Walls of Vision Gelsenkirchen-Ückendorf

Foto: Florian Yeh