Bürgerbeteiligung auf ein neues Level heben – Im Gespräch mit Stefan Rommelfanger

von Tomas Grohé und Michael Voregger

 

Tomas Grohé: Herr Rommelfanger, warum haben Sie Gelsenkirchen als Leiter der Abteilung Stadtentwicklung verlassen und sind nach Witten gegangen?

Stefan Rommelfanger: Zum einen hat mich natürlich die Herausforderung gereizt, nach über 20 Jahren im Bereich Stadtplanung, Stadterneuerung in Gelsenkirchen zum Ende meines beruflichen Lebens noch einmal eine neue Stelle anzutreten, eine neue Herausforderung anzunehmen und eine neue Stadt kennen zu lernen. Außerdem denke ich, in meiner neuen Rolle als Baurat meine Vorstellungen besser umsetzen zu können. Vorher war ich Abteilungsleiter und Leiter einer Koordinierungsstelle. Jetzt kann ich mehr gestalten und meine Vorstellungen von integrierter Stadterneuerung besser umsetzen.

Tomas Grohé: Sie haben jahrelang als „rechte Hand“ des damaligen Stadtdirektors Michael von der Mühlen der Stadterneuerung Impulse und Richtung gegeben. Welche Projekte waren in dieser mehr als 20-jährigen Entwicklung Ihrer Meinung nach die erfolgreichsten?

Stefan Rommelfanger: Am Anfang steht das „kultur.gebiet CONSOL“ in Bismarck. Da hat meine berufliche Zeit in Gelsenkirchen begonnen. Die Stadt hat zusammen mit den bürgerschaftlichen Akteuren des Initiativkreises, den Kulturträgern, die sich dort angesiedelt haben, der Politik und den Akteuren des Stadtteils eine Menge erreicht. Nach der Schließung des Bergwerks wurde eine neue, grüne und kulturelle Mitte geschaffen – ein schönes und sehr erfolgreiches Projekt. Das letzte Projekt war das Quartierszentrum Tossehof, wo wir das ehemalige Ladenzentrum neu beleben und dort ein soziales Nachbarschaftszentrum und eine Beratungseinrichtung unterbringen konnten.Wir haben positive Entwicklungen angestoßen, die meiner Ansicht nach ein Beispiel für andere Quartierserneuerungen sind.

Tomas Grohé: Sie haben jahrelange Erfahrungen mit dem, was Politiker gern Partizipation oder Bürgerbeteiligung nennen. Was kann man hier noch erreichen?

Stefan Rommelfanger:Gelsenkirchen hat in den letzten Jahren unheimlich viele Nachbarschaftsgruppen und „Runde Tische“ in den Stadtteilen hervorgebracht. Zum Teil durch die Arbeit des Seniorenbeauftragten, durch die Stadterneuerung oder aufgrund von Problemen, die es im Quartier gab. Diese Gruppen müssen zusammenarbeiten, ihre Erfahrungen austauschen und auf der städtischen Ebene regelmäßig in einer Anlaufstelle zusammenkommen. Es gibt vielleicht die Chance, eine professionelle Unterstützungsstruktur in einer bürgerschaftlich getragenen Kontaktstelle für Bürgerbeteiligung oder Quartiersentwicklung aufzubauen. Da gibt es Beispiele in der Schweiz, wo das sehr gut funktioniert und die Anliegen von Menschen regelmäßig in den politischen Raum gebracht werden. Es ist wichtig, gemeinsam mit der Verwaltung an Themen zu arbeiten und dort Ansprechpartner zu finden, die bürgerschaftliche Anliegen unterstützen. Ich glaube, in Gelsenkirchen gibt es einen guten Humus, um da weiter zu machen und Bürgerbeteiligung auf ein neues Level zu heben.

Tomas Grohé: Welche offenen Baustellen der Stadtentwicklung sehen Sie für Gelsenkirchen?

Stefan Rommelfanger: Ich halte genau die Themen für wichtig, die schon seit fünfzehn Jahren auf der Agenda stehen: Soziale Integration und der Ausgleich von Disparitäten. Wir haben Stadtteile, in denen sich Probleme überlagern, in denen wir arme Menschen haben, sehr viele Familien in einem schlechten Umfeld, in schwierigen Wohnverhältnissen. Die Differenzen zwischen den „besseren Stadtteilen“ und den Stadtteilen, wo sich die Probleme überlagern, die nehmen zu, und da geht es eben um den Ausgleich der Disparitäten. Wir müssen uns stärker um die Stadtteile kümmern,

die auf der Schwelle stehen und wo man vielleicht durch präventive Aktivitäten erreichen kann, dass es nicht weiter zu einer Abwärtsspirale kommt.

Tomas Grohé: Wie sehen Sie die Zukunft integrierter Handlungskonzepte?

Stefan Rommelfanger: Integrierte Stadterneuerung muss Chefsache sein. Ich denke, der neue Baudezernent und der Bürgermeister müssen sich das Thema auf die Fahnen schreiben. Sie müssen aktiv werden, um ressortübergreifendes Arbeiten, Quartiersentwicklung und Stadterneuerung nach vorn zu bringen. Politisch ist das Thema in Gelsenkirchen gut aufgestellt, weil man in der Vergangenheit gesehen hat, was man mit der Unterstützung integrierter Erneuerungskonzepte erreichen kann.Nur damit sind wir erfolgreich, und da bedarf es einer starken Unterstützung auf der Leitungsebene – sonst kann das nicht funktionieren.

Tomas Grohé: Wie kann diese Politik verstetigt werden?

Stefan Rommelfanger:Wichtig ist, dass es Menschen gibt, die diese Arbeit auch leisten können und die entsprechende Voraussetzungen mitbringen. Sie müssen mit fachlichem Blick ganzheitlich auf die Dinge schauen, in der Lage sein, zu kommunizieren und Kooperationsprozesse zu organisieren. Es braucht also eine ganz bestimmte Art von Mitarbeitern in der Stadterneuerung. Wichtig ist, eine Einheit zu schaffen, die auch in der Struktur der Verwaltung arbeiten kann und den Rückhalt von oben hat. Sonst werden die Egoismen der Ressorts eine gute Arbeit verhindern.

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