„Die Stadt hat nichts zu verlieren“

Den Coronabeschränkungen geschuldet fällt der Wahlkampf zur kommenden Kommunalwahl quasi aus. Straßenwahlkampf, Infoveranstaltungen, Tingeln, Händeschütteln, die eigenen politischen Positionen rauf- und runterbeten, das alles gibt es nicht. Aus dem Stand, mit kaltem Motor, unaufgewärmt und ungestretcht muss es in die heiße Phase gehen. Eine Art Wahlkampfauftakt lieferte nun jedoch der Rote Salon des Consol Theaters, der die Vertreter*innen der Parteien eingeladen hatte. Thema des Abends: Kulturpolitik. Geladen waren auf der politischen Seite der CDU-Kandidat für den Oberbürgermeisterposten, Malte Stuckmann, die Kandidatin der FDP, Susanne Cichos, und Ali Riza Akyol, ebenfalls Anwärter auf das Amt des OB. Seine Partei ist die Wählerinitiative NRW, kurz WIN. Bündnis90/Die Grünenentsandten Adrianna Gorczyk, und für die SPD sprach Ratsmitglied Taner Ünalgan. Oberbürgermeisterkandidat der Linken, Martin Gatzemeier, fehlte aus Krankheitsgründen. Für ihn sprang Hartmut Hering ein, Kreissprecher der Linken. Doch da das Format des Roten Salons nicht als Projektionsfläche für eindimensionale Darstellungen bekannt ist, gesellten sich den Politiker*innen Vertreter einiger Kulturorte dieser Stadt dazu. Bemüht um Austausch, nicht immer bemüht um ein Wohlfühlen des politischen Gegenübers. Einig waren sich alle darin, dass kulturelles Leben einer Stadt nicht nur gut tut, sondern existenziell für das Selbstverständnis einer Stadt wie Gelsenkirchen ist. Und so weit weg voneinander die Teilnehmenden physisch an ihren Plätzen waren, so nah waren sich alle in ihrem Bekenntnis, das Kunst- und Kulturangebot einer Stadt sei so elementar, dass ihm eine besondere Aufmerksamkeit im politischen Prozess zukommen müsse.

„Was braucht Ihr als Künstler und Kulturort?“

Auf die konkrete Frage der Gastgeber, was als erstes zu tun sei, würde man nach der Wahl zum OB gewählt worden sein, schlug Susanne Cichos (FDP) vor, einen Künstlermonat zu etablieren: „Ich könnte mir vorstellen, dass die Kreativen und Künstler einen Monat lang beispielsweise in öffentlichen Gebäuden, auf Plätzen oder in leerstehenden Ladenlokalen ihre Arbeit vorstellen, Workshops anbieten oder Lesungen veranstalten. “Für Hartmut Hering (Die Linke) muss die vorangestellte politische Diskussion sich mit der Aufgabe für die Gesellschaft befassen: „Kulturpolitik ist nicht nur da, um Vorhandenes zu verschönern, sondern um Gesellschaft besser und gerechter zu machen. Gerade in unserer Stadt sind viele Menschen von der kulturellen Teilhabe komplett abgeschnitten. Sie nehmen nicht teil. “Auch über die Tatsache, dass Kultur für viele Menschen der Broterwerb sei, über die Löhne von Dozenteninnen und Schauspielerninnen und den Beitrag, den die Stadt dazu leistenkann, müsse gesprochen werden. Hering unterstützte den Vorschlag der Grünen nacheinem Kulturentwicklungsplan ausdrücklich: „Eine Bestandsaufnahme ist dringend nötig. Wir müssen alle Beteiligten fragen, was gewünscht, was gebraucht wird. Sowohl auf der Künstler- als auch auf der Konsumentenseite.“ Für Taner Ünalgan (SPD) steht die Kulturelle Bildung ganz oben auf der To-do-Liste: „Ich glaube, eine Stadtgesellschaft ohne kulturelle Einrichtungen, ohne Menschen, die Kultur machen, ist nichts wert.“ Gerade junge Menschen, die von zuhause nicht die entsprechende Unterstützung bekommen, sollten kulturell gefördert werden. Das könne beispielsweise ein kostenloser Kinderbibliotheksausweis sein. Für Ünalgan gehört, wie von Malte Stuckmann (CDU) in die Diskussion eingebracht, ebenfalls die Kneipenkulturmit ins Spektrum, unter anderem aber auch die Kleingartenkultur. Da es an diesem Abend aber nicht um einen sehr weit gedehnten Kulturbegriff, sondern um den Kern des allgemeingebräuchlichen Kulturbegriffs, der geistigen, künstlerischen und gestaltenden Leistung einer Gesellschaft ging, waren mit den Vertretern verschiedener Gelsenkirchener Kultureinrichtungen Menscheneingeladen, die aus ihrer Innensicht eine Menge zur politischen Meinungsbildung – auch bei den Politikerinnen selbst – beitragen konnten. Dass Politik mehr auf die Stimmen auch von Bürgerinnen hören sollte, dafür setzte sich Ali Akyol (WIN) ein. Hier sei in den letzten Jahren viel bürgerschaftliches Engagement und Kreativität seitens der Stadt Gelsenkirchen und der Politik durch mangelnde Unterstützung guter Ideen vergrätzt worden: „Wir haben nichts zu verschenken in dieser Stadt, und wenn wir schon kein Geld haben, dann haben wir eine Menge engagierter Bürger“, appellierte Akyol, mehr auf die Stimmenaus der Bevölkerung zu hören. Malte Stuckmann (CDU) möchte die Expertise der Kulturschaffenden mehr in den Blicknehmen und sich enger über den tatsächlichen Bedarf austauschen. Dafür würde es einer Stabstelle bedürfen, die die Entwicklung der hiesigen Kultur enger in den Blick nimmt. Ihre Idee des Kulturentwicklungsplans (KEP)beinhalte eigentlich schon die ersten Schritte für die Gelsenkirchener Grünen, so ihre Vertreterin Adrianna Gorczyk. So müsse eine klare Bestandsaufnahme allem vorangestellt werden, um sich klar darüber zu sein, was es gibt und was es braucht. Sie machte sich stark für eine Stärkung der dezentralen Kulturförderung, die Kunst und Kulturangebote in die Stadtteile bringt: „Es ist utopisch, zu meinen, dass die Bürger*innen aus dem Norden extra nach Ückendorf anreisen, um ein kulturelles Angebot wahrzunehmen“, so Gorczyk. Wie man diese Strukturen in den einzelnen Quartieren ausbauen könne, würde im KEP analysiert werden können. Zuckerbrot und Peitsche zückte nachdieser ersten Vorstellungsrunde Thomas Schöps als Vertreter des Kulturortes Bleckkirche, der sich erfreut zeigte ob der großen Einigkeit seitens der Politik, die hiesige Kulturlandschaft zu unterstützen. Doch das skeptische Aber folgte sogleich, denn da er seit mehr als 25 Jahren Kulturentwicklung in Gelsenkirchen erlebt habe, bat er, die gezeigte Einigkeit bis ins städtische Parlament hinein zu retten, wo Konsens eher die Ausnahme sei: „Ein Kulturentwicklungsplan ist aber wirklich nur sinnvoll, wenn man die Akteure hier vor Ort miteinbezieht, denn sie sind die Fachleute. “Konkrete Wege aus dem kulturellen Straucheln nannte Christoph Lammert, Künstler und Initiator des Kunst- und Kulturfestivals Szeniale: „Wir brauchen die strukturelle Förderung. Die Krise hat ganz deutlich gemacht, dass überall versucht wird, Geld herzubekommen, es werden zuhauf Anträge gestellt, und jeder versucht, der erste zu sein.“ Außerdem müsse man den Begriff der Kulturals einen sozialen begreifen, der eben auch Nacht- und Kneipenkultur miteinbeziehe. „Nur das Miteinander kann die Gelsenkirchener Kulturlandschaft künftig weiterentwickeln“, appellierte Georg Kentrup als Vertreter des Consol Theaters an eine Beibehaltung des offenen Diskurses über Oppositionsgrenzen hinweg. Auch er unterstützte die Forderung Christoph Lammerts nach einer strukturellen Förderung der Kultur: „Es gibt in Gelsenkirchen keine nennenswerte kulturelle Förderung, die einer Großstadtwie unserer entspricht. “Es gebe so viele versprengte, externe Töpfe, seien es Sparkasse oder Bürgerstiftungen, die kleinteilig Geld zu verschiedenen Projektenzuschössen, um Finanzierungslöcher zu stopfen. Nur aus den städtischen Mitteln könne kein Consol Theater, kein Wohnzimmer GE, keine Szeniale vorankommen. „Und deshalb brauchen wir einen ernstzunehmenden Kulturhaushalt. Das Einsparen von Mitteln in den letzten Jahrzehnten hat unsere Kulturszene hier sehr klein werden lassen“, so Kentrup. Das konnte auch Paul Pillath vom Kulturort Wohnzimmer GE nur unterstreichen: „Wir alle brauchen eine gewisse Sicherheit. Eine strukturelle Förderung ist das A und O, denn wir kämpfen jedes Jahr, dass es weitergeht. Und das mittlerweile im achten Jahr.“ Als Vertreter der Künste fragte Komponist Michael Em Walter die Politiker*innen nachihrer konkreten Idee, die Kunst in dieser Stadt zu fördern: „Die Idee eines kostenlosen Bibliotheksausweises unterstütze ich sehr, aber das gehört zum kulturellen Feld. Kunst ist das, was ich IN der Bibliothek finde.“ Leider habe man gerade in der Coronakrise gesehen, dass Kunst und Künstler der Politik nicht wichtig seien, erwiderte Susanne Cichos (FDP). Nicht umsonst ginge es dieser Gruppe derzeit so schlecht: „Aber unabhängig davon, dass schnellfinanzielle Hilfe fließen muss, um diese Leute zu retten, muss Kunst mehr in den öffentlichen Raum, muss Kunstsichtbarer werden, für alle. “Dem stimmte Malte Stuckmann (CDU) zu und betonte darüber hinaus, dass man Kunst und Kultur zumindest aus politischer Sicht nicht trennscharfabgrenzen sollte: „Wir haben in Gelsenkirchen eine sehr vielfältige Szene, seien es Musik, Malerei, Inszenierungen oder Poetry Slams. Der Bedarf ist da, und jeder Bedarf ist gerechtfertigt,“ so der CDU-Kandidat. Auf die Frage von Moderator André Wülfing nach der Systemrelevanz, die Kunst und Kultur für eine Stadtgesellschaft hätten, betonte Adrianna Gorczyk (Grüne), dass sie schlicht zur Daseinsvorsorge dazugehöre. Und sie müsse, wie sie Susanne Cichos beipflichtet, in die Öffentlichkeit: „Nur so wird Kunst sichtbar, und nur so können wir Existenzen sichern.“ „Auch heute und hier ist künstlerisches Dasein im Wesentlichen prekär“, konstatierte Hartmut Hering (Linke). Auch die Strahlkraft auf potenzielle künftige Kunst- und Kulturschaffende sei verheerend. Er plädiert dafür, Planbarkeit zu schaffen. Das gelänge vor allem über Festanstellung von Künstler*innen anstelle kleinteiliger Projektmittelvergabe. Den Einwand Taner Ünalgans (SPD), Gelsenkirchen sei durch seine finanzielle Situation ohne Altschuldenlösung quasi handlungsunfähig, um Geld in die Kulturszene zu pumpen, ließ Susanne Cichos nicht gelten: „Ich vermisse dabei die Fantasie und den politischen Willen. Wir müssen versuchen, die freie Wirtschaft mit ins Boot zu holen. Unternehmen vor Ort haben kein Interesse daran, dass hierkulturell nichts mehr los ist. “Als erfahrenes Ratsmitglied gab Ali Akyol (WIN) den Kulturschaffenden im Raum einen guten Rat mit auf den Weg: „Holen Sie sich jetzt verbindliche Zusagen aus der Politik! Ich sage es mit einem Schmunzeln, aber nach den Wahlen sind solche Versprechen gerne wieder vergessen. “Das sei unter anderem wieder ein guter Grund, einen Kulturentwicklungsplananzugehen, so Adrianna Gorczyk. Schließlich könne man dort eine Verbindlichkeit von Förderungen und Aufstockung des Etats für die nächsten zehn Jahre festschreiben. Dass Gelsenkirchen, sollte sich in der Förderung nicht eklatant etwas tun, kurz davorstehe, viele Kreative zu verlieren, brachte Georg Kentrup mit in die Diskussion ein: „Es gibt keinen attraktiven Standort Gelsenkirchen, um hier künstlerisch zu arbeiten. Diese Menschen werden gehen, da es woanders einfach bessere Möglichkeiten gibt. Man muss Gelsenkirchen schon sehr, sehr, sehr wollen, dass man hier arbeitet und hier so viel Energie und Lebensmut reinsteckt.“ Michael Em Walter brachte die Erkenntnis des Abends auf den einfachen Punkt, dass Gelsenkirchen neue Wege beschreiten muss: „Die Stadt hat nichts zu verlieren.“
POSITIONEN DER PARTEIEN :
FDP: Kunst und Kultur muss frei bleiben, zweck- und ideologiefrei. Kultur ist das Rückgrat der Gesellschaft. Kultur ist für eine Stadt nicht nur geistige Nahrung, sondern „Überlebensmittel“. Kulturszene braucht einen verlässlichen finanziellen Rahmen bürokratischer Abbau bei Antragstellung. Bewährtes muss erhalten bleiben, Neues unterstützt werden. CDU: Auch die Kneipen- und Nachtkultur muss gefördert werden, damit die Attraktivität der Stadt gesteigert wird. Kultureinrichtungen müssen erhalten bleiben, das bedarf aber eines Schulterschlusses aller Akteure. WIN: Diversität der Stadtgesellschaft soll sich im kulturellen Angebot der Stadt widerspiegeln (hier besonders des Musiktheaters und der emschertainment). Interkulturelle Angebote der freien Szene, der Religionsgemeinschaften und von bürgerschaftlichen Initiativen sollen reell gefördert werden. Neben der Schauburg soll die Kulturmeile als Raum für die Angebote der Freien Szene genutzt werden, ähnlich der Flora im südlichen Gelsenkirchen. Grüne: Installation eines Kulturentwicklungsplans. Weitere mittelgroße Kultur- und Kunsteinrichtungensollen eingerichtet und eine dezentrale Struktur sollgefördert werden. Schulen sollen unterstützt und animiert werden, die vorhandenen Angebote verstärkt zu nutzen, beispielsweise mit festen Vorgaben wie dem verpflichtenden Besuch aller 5. Klassen im Museum Schloss Horst oder im Kunstmuseum. Stärkung der Freien Szene auf finanzieller und partizipatorischer Ebene. Die Linke: Gleichsetzung der Hochkultur mit Off- und Soziokultur. Nachhaltige und auskömmliche Finanzierung der Kunst- und Kulturschaffenden. Festanstellung von Künstler*innen an Schulen, Musikschulen und Volkshochschulen. SPD: Anstreben einer Altschuldenlösung, um finanziellen Spielraum für die Kulturförderung zu schaffen AUF: Integrationspotenzial von Kunst und Kultur in einer multi-ethnischen Gesellschaft nutzen und stärken. Erkennen, dass die Förderung von Kunst und Kulturkeine Subvention ist, sondern Investition. Altschuldenlösung für finanziellen Spielraum der Kommunen.

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