Eine starke Gemeinschaft

Beitrag zum „Gelingenden Leben”

Text: Astrid Becker Interviewführung: Alexander Welp

 

Auf den Spuren des Gelingenden Lebens in Gelsenkirchen führte uns der Weg für diese Ausgabe zu einem bereits fest etablierten Netzwerk und einem welt-offenen Haus mit deutlichem Mehrwert. Auskunft erteilten dabei Lisa Heite, die Geschäftsführerin des eingetragenen Vereins Generationennetz, und Meral Aslan, die dem Mehrgenerationenhaus vorsteht. Kurz zu Geschichte und Aufbau des Generationennetzes: Die Gründung erfolgte bereits 2009, damals noch als Seniorennetz, mit der Zielsetzung, älteren Bürgern*innen den Verbleib in ihrem Stadtteil und gewohnten Umfeld so lange wie möglich zu erhalten. Das Ruhrgebiet und insbesondere Gelsenkirchen ist seit langem Vorreiter in diesem Feld gesellschaftlichen Miteinanders, auch dank des Masterplans von Dr. Wilfried Reckert. Praktische Hilfen aber auch Angebote für eigenes bürgerschaftliches Engagement stehen im Vordergrund dieses Netzwerkes, das sich aus privaten, gemeinnützigen, städtischen sowie kirchlichen Akteuren und Institutionen zusammensetzt. Das Mehrgenerationenhaus, gelegen an der Stadtgrenze Ückendorf-Neustadt, ist dabei zudem eine der Ansprechstationen in den jeweiligen Stadtbezirken, die unter der Firmierung Infocenter bzw. Außenstelle zu finden sind.  Frau Heite und Frau Aslan, die getrennt voneinander mit der isso. sprachen, finden sich hier für den kompakten Auftritt vereint.

 

Zehn Jahre Senioren-, seit 2014 Generationennetz: Hat sich die Zielgruppe geändert?

Lisa Heite: Es hat sich einerseits herausgestellt, dass die Anrede „Senioren“ nicht länger erwünscht ist, da sich viele mit dem Begriff nicht mehr identifizieren können, aber auch, dass ältere Menschen häufig intergenerational denken, das bedeutet, sie haben oft ihre Kinder und Enkel und deren Belange mit im Blick, so dass wir dies jetzt auch berücksichtigen. Zudem hat sich gezeigt, dass sich Schnittmengen mit jüngeren Altersgruppen Bedürfnisse wie beispielsweise nach Barrierefreiheit oder bestimmten Angeboten ergeben können. Konkret bedeutet das, dass wir als Generationennetz alle Menschen ab 50 Jahren ansprechen möchten, sofern sie Unterstützung brauchen, aber Engagement begrüßen wir natürlich auch seitens der jüngeren Generation, während die Hilfe in Richtung des älteren Menschen geht.

 

Wie verbessert das Generationennetz die Versorgungsstruktur hier vor Ort?

Lisa Heite: Unser Anliegen ist es, dass Menschen, die einen Hilfebedarf haben oder sich engagieren möchten, direkt geholfen wird. Wir sind natürlich kein Amt oder Pflegestelle, aber von montags bis freitags kann man von 10 bis 16 Uhr unsere Telefonnummer (siehe Infobox auf Seite 18) wählen, um Hilfe zu bekommen. Das läuft dann häufig so, dass wir fragen, ob wir den Wohnort wissen dürfen, damit wir die entsprechenden Ansprechpartner aus dem Stadtteil aktivieren können. Weiterhin wird geschaut, ob es sich dabei um ein Anliegen handelt, das ein ehrenamtlich engagierter Bürger bearbeiten könnte, eine Nachbarschaftsstifterin beispielweise, eine Seniorenbegleiterin oder vielleicht sogar ein Technikbotschafter. Wenn jemand anruft und erst einmal jemanden zum Sprechen braucht, wir im Gespräch aber merken, hier könnte es zum Beispiel auf das Thema Pflege hinauslaufen, fahren die Kollegen auch zu den Personen hinaus oder stehen in den insgesamt vier Infozentren zuzüglich Mehrgenerationenhaus für weitere Beratung zur Verfügung. Die Mitgliedsorganisationen des Generationennetzes e.V. wie Pflegedienste oder karitative Einrichtungen sind in den sogenannten Außenstellen, von denen es insgesamt 30, auf die einzelnen Stadtteile verteilt, gibt, verortet. Die rund 100 Seniorenvertreter und Nachbarschaftsstifter kommen insbesondere auch für das oben genannte Gespräch bei einer Tasse Kaffee infrage, dies sind dann Menschen, die direkt aus der entsprechenden Nachbarschaft kommen und zudem über weitere Kompetenzen verfügen. Das kann Hilfe beim Ausfüllen eines Formulars sein oder auch Begleitung zum Amt oder Unterstützung bei der Bedienung der neuen Medien, wir knüpfen da so ein wenig an die Tradition der Knappschaftsältesten an. (Anm. d. Red.: Für die Besuche von Kulturveranstaltungen gibt es in Gelsenkirchen extra die Einrichtung der Kulturbegleiter*innen, die man dafür anfordern kann). Unsere Ehrenamtlichen werden von uns übrigens auch unterstützt, damit sie ihre Arbeit gut leisten können.

Genau, Stichwort Altersarmut… in Gelsenkirchen.

Lisa Heite: Wir sorgen dafür, dass auch Menschen mit wenig Geld das Gefühl bekommen, mitgestalten zu können, aber es ist weiterhin ein mit Scham besetztes Thema. Viele Ältere argumentieren immer noch häufig, dass sie dem Staat nicht zur Last fallen wollen, oder sind schlichtweg nicht gut informiert. Die Grundsicherung könnte viel öfter angefragt werden, als es tatsächlich der Fall ist, und auch die ZWAR-Gruppen freuen sich über neue Leute in ihren Reihen (Anm. d. Red.: ZWAR steht für „Zwischen Arbeit und Ruhestand“, keine Vereine, sondern in Eigenregie geführte Gruppen zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, selbstverständlich auch von und für Menschen mit Migrationshintergrund, wie alle hier aufgeführten Angebote). Außerdem sind wir mit dem Thema immer aktuell im Prozess, sei es über Umfragen, aber auch über Konferenzen, die demnächst auch digital sein könnten, um auch denen, die nicht mobil oder als pflegende Angehörige nicht mehr fit genug für weitere Termine sind, die Möglichkeit zum Austausch im Netzwerk zu bieten.

 

Gelingendes Leben im Generationennetz bedeutet für Sie … ?

Lisa Heite: … Beispielsweise wenn mir Seniorenvertreter oder Nachbarschaftsstifter berichten, dass sie zwar schon seit Jahrzehnten hier leben würden, aber erst durch diese Tätigkeit ihr Wohnumfeld so richtig kennengelernt und nun das Gefühl hätten, angekommen zu sein. Oder Menschen, die ihr Wissen aus ihrem langjährigen Berufsleben auch anderen weitergeben möchten und damit das Gefühl bekommen, gebraucht zu werden, oder sich noch einmal ganz neu für Dinge begeistern, die sie sich bislang nie zutrauten, aber nun in der Gemeinschaft mit anderen ausprobieren können. Insgesamt ist das Netzwerken und das vernetzte Denken für alle Seiten ein großer Gewinn. Da unser Budget zehnfach kleiner als das in der Stadt Düsseldorf ist, bleibt für manche Ideen allerdings noch Luft nach oben, zukünftig wird auch noch einiges Weiteres zu bedenken sein, wie die zunehmende Isolation der älteren Generation aufgrund fehlender Kinder, aber auch neue Ansprüche an die technische Ausrüstung des Altersruhesitzes mit Internetanschluss und mehr – wir bleiben in jedem Fall am Ball.

 

Frau Aslan, seit wann gibt es das Mehrgenerationenhaus hier auf der Bochumer Straße (Haltestelle Wissenschaftspark)?

Meral Aslan: Seit Oktober 2016, davor war es in der Neustadt beheimatet. Das Projekt „Mehrgenerationenhaus“ gibt es schon seit 2006. Früher im mittlerweile abgerissenen Gesundheitshaus in Bismarck gelegen, wurde es über die Initiative des ehemaligen Seniorenbeauftragten, Dr. Reckert, aus dem Zustand des drohenden Scheiterns in eine Kooperation mit der Caritas gerettet, die aber im Zuge der Flüchtlingswelle keine Kapazitäten mehr für uns hatte, so dass wir dann aus den Räumen in der Neustadt hierhin gezogen sind. Wir wollten damit an unser dort gut angenommenes Angebot anknüpfen und dieses auch erweitern.

 

Wie viele Mehrgenerationenhäuser gibt es eigentlich?

Meral Aslan: Bundesweit 540, deren Vertreter einmal jährlich in Berlin zusammenkommen. In der Amtszeit von Frau Schwesig sind 90 neue Häuser dazu gekommen, es sollte sich natürlich über politische Entscheidungen hinweg verstetigen, denn die Mehrgenerationenhäuser werden einfach gebraucht. Oft werde ich auch mit den Worten „Ach, Sie kommen ja aus der Stadt des Seniorenpapstes“, begrüßt (Dr. Wilfried Reckert, Anm. d. Red.), Gelsenkirchen ist einfach bundesweit sehr weit vorne in der Seniorenarbeit.

 

Wie funktioniert das Mehrgenerationenhaus?

Meral Aslan: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist es auch meine Aufgabe, im Hintergrund zu bleiben, die Menschen nur zu begleiten, selbst Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Einmal in der Woche haben wir das gesunde Frühstück, das wird hier von Frauen organisiert, die nicht nur gut wirtschaften können, sondern es auch echt lecker gestalten. Manchmal werden von den Besuchern Themenwünsche geäußert, dann organisiere ich auch Referenten, das heißt: Wünsche finden hier Berücksichtigung. Von Beruf bin ich Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in der Pflege, da bin ich dann auch oft selbst gefragt. Es gibt hier auch Spiele- und Kreativrunden und ein Erzählcafé, deren Teilnehmer zwischen 51 und 93 Jahre alt sind. Da werden Texte vorgelesen, eigene Sketche vorgetragen, und mittlerweile tourt das Erzählcafé auch schon durch diverse Einrichtungen wie Seniorenheime oder Kitas. Die Textlänge darf 4 bis 7 Minuten Vortragszeit nicht überschreiten, da die Aufmerksamkeitsspanne sehr variiert, je nach Alter und oder Gesundheitszustand. Am 30. November ist hier im Haus der nächste Termin.

 

Wie viele Menschen besuchen denn das Mehrgenerationenhaus?

Meral Aslan: In der Woche sind das so um die 230 Personen, dazu gehören natürlich auch die Menschen, die zu den Beratungen kommen. Beispielsweise auch in Angelegenheiten wie Anträge bei Schwerbehinderung. Ich verstehe notfalls auch mit Händen und Füßen vorgetragene Anliegen, denn nicht alle können genug Deutsch, um sich verständlich zu machen… Es ist hier niederschwellig, aber wer lesen und schreiben kann, darf das auch gerne unter meiner Anleitung selbständig schaffen. Ich mache das wie unsere Reinigungskraft, hauptamtlich, die übrige Arbeit leisten die Ehrenamtlichen. Ab Oktober habe ich dann aber nennenswerte Verstärkung durch Martina Mail, das freut mich sehr.

 

Was wünschen Sie sich vor diesem Hintergrund für die Zukunft?

Meral Aslan: Dass wir vom Bund mehr Geld für dieses Haus bekommen. Seit der Gründung vor 13 Jahren erhalten wir für unsere Arbeit das gleiche Geld. Bis 2020 sind die Mehrgenerationenhäuser noch gesichert…hoffentlich auch darüber hinaus.

 

Gelingendes Leben finden Sie hier an welcher Stelle vor?

Meral Aslan: Ganz konkret: Ich habe hier vier alleinerziehende Mamas mit Migrationshintergrund und geringen Deutschkenntnissen in Arbeit und zwei in Ausbildungen gebracht. Das war nicht einfach, aber die Damen kommen heute noch, sind mit dabei, helfen und das finde ich großartig.

 

Das Generationennetz ist Träger des Mehrgenerationenhauses, dem einzigen offiziell intergenerational angelegten Projekt in diesem Netzwerk.

Zentrale Rufnummer: 0209 169 – 6666
Mo-Fr, 10-16 Uhr

Lisa Heite ist Lehrbeauftragte am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund und seit 2012 beim Generationennetz e.V.

Meral Aslan ist gelernte Krankenschwester und war 20 Jahre in der Pflege tätig, bevor sie als Quereinsteigerin zum Generationennetz kam.

www.generationennetz-ge.de

 

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