Emscherinsel? Was soll das denn sein?

Oder: Eine Insel ist Land, das vollständig von Wasser umgeben ist.

von Horst Wnuck

Neulich habe ich mal wieder was gesucht in meiner Kiste, da wo die Zettel und Papiere drin sind, die ich nicht so oft brauche. Ihr wisst schon. Und da war er wieder, dieser merkwürdige Auto- Aufkleber. So ähnlich wie der von Sylt, nur mit Gelsenkirchen in der Mitte. Sylt in Gelsenkirchen? Der Aufkleber soll tatsächlich eine Insel zeigen, aber die liegt nicht in der Nordsee, sondern direkt vor unserer Haustür – es ist die Emscherinsel. Aber der Reihe nach…  

Mit der Fertigstellung des Rhein- Herne-Kanals 1914 wurde im Ruhrgebiet zwischen der Emscher im Norden und dem Kanal im Süden künstlich ein inselartiger Landstreifen geschaffen. Um es vorwegzunehmen: Dieser Landstreifen ist keine Insel die ein durchgehendes Ufer besitzt. Im Westen bildet theoretisch der Rhein das Ufer, weil die Emscher bei Dinslaken dort mündet und der Rhein-Herne Kanal über den Hafenkanal in Ruhrort ebenfalls mit dem Rhein verbunden ist. Somit würde der gesamte Duisburger Norden streng genommen ebenfalls zu dieser Insel zählen.

Das ist aber nicht der Fall, vermutlich, weil das Stück Land, das heute immer häufiger als Emscherinsel bezeichnet wird, wohl eher als ein Produkt von lyrisch ambitionierten Landschaftsplanern und Projektentwicklern gesehen werden muss. Irgendwer verlegte deshalb das Westufer der Insel mit der Begründung, dass sich Emscher und Kanal hier beim „Emscherknie“ räumlich voneinander entfernen, kurzerhand nach Oberhausen ans Stadion von RWO. Damit ist diese Emscherinsel also eigentlich bestenfalls eine Halbinsel.

Weil sich Emscher und Kanal am Durchlass in Castrop-Rauxel nicht berühren, sondern die Emscher hier unter dem Kanal hergeführt wird, befindet sich das Ostufer der Insel hier auf zwei verschiedenen Ebenen. Auch dies ist nicht grade typisch für eine Insel. Hier könnte der Artikel bereits enden, mit der Feststellung, dass eine Emscherinsel überhaupt nicht existiert.

Dass dies nicht der Fall ist, liegt auch daran, dass ich vor gut fünf Jahren nach längerer Abwesenheit zurück ins Ruhrgebiet gezogen bin. Natürlich nicht irgendwohin ins Ruhrgebiet, sondern auf diesen Streifen, für den ich nun die Bezeichnung Emscherinsel übernehme. Nicht erst seither bin ich diesem Phantom auf der Spur.

Entlang von beinahe 35 Kanalkilometern erstreckt sich diese konstruierte Insel, die bis heute auf dem Terrain der beteiligten „Inselstädte“ Oberhausen, Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Herten, Recklinghausen und Castrop-Rauxel nicht als Eiland wahrgenommen wird. Obwohl sie durchaus über topografische Reize verfügt, ist sie über weite Strecken weniger als 50 Meter breit. An anderen Stellen beträgt der Fußweg bis zu zwei Kilometer, um von einem Ufer zum gegenüberliegenden zu gelangen. Wer sie in ihrer ganzen Länge bereist, kreuzt neunmal eine der Grenzen zwischen den Regierungsbezirken Düsseldorf, Münster und Arnsberg, ohne es zu merken. Was viele in Gelsenkirchen sicher auch nicht wissen: Die Mitte der Insel liegt in der Nähe der Kurt-Schumacher-Straße. Ob das nun eine Bildungslücke ist? Vielleicht. Jedenfalls werde ich versuchen, sie gewissenhaft und umfassend zu schließen. 

Hallo Emscher! Hallo Kanal!
Nur einen Katzensprung breit ist die Emscherinsel in Oberhausen auf Höhe des Gasometers.

Die genaue Zahl der Menschen, die auf dieser Insel wohnen und leben, ist nicht bekannt, aber insgesamt sind es wohl rund 7.000. Sie verteilen sich auf die Städte Bottrop, Gelsenkirchen, Herne und Castrop-Rauxel. Die Fläche der Insel liegt wohl bei etwa zwölf Quadratkilometern. Von den Gelsenkirchener Stadtteilen entspricht diesen Zahlen am ehesten Scholven.

Die meisten Menschen leben in den ehemaligen Bergbausiedlungen Ebel in Bottrop, Dannekamp und Pantringshof mit dem Eichenforst in Herne sowie im ländlichen Bereich Pöppinghausen in Castrop-Rauxel. Zudem gibt es einige Wohnhäuser in Bottrop, die sich eingepfercht in ein Gemenge von Industriehäfen am Kanal, Emscher, Auto- und Eisenbahn nur von Essener Gebiet aus erreichen lassen und einige in Herne, deren Zugang nur über das Gebiet von Recklinghausen möglich ist. In Gelsenkirchen leben wohl weniger als 50 Menschen in einer Häuserzeile bei „Karl am Kanal“ auf der Insel, und es gibt ein Wohnhaus nahe der Münsterstraßen-Brücke, das ich fast übersehen hätte, weil ich es zunächst dem angrenzenden Ruderverein zugeordnet hatte.

Es ist sehr schwierig, exakte Aussagen über die Sozialstruktur der Insulaner zu treffen. Es ist unumstritten, dass sich die Insel in einem Gebiet befindet, dass am härtesten vom Niedergang der Schwerindustrie im Ruhrgebiet betroffen ist. So verwundert es nicht, dass sich Prunk und Protz auf der Insel nicht finden lassen. Aber auch die wirklich üblen Ecken suche ich vergeblich. Die Hauptsiedlungen wurden saniert und punktuell um kleinere Neubaugebiete ergänzt.

Eine Gemeinsamkeit fällt bei näherer Betrachtung auf. In Bottrop-Ebel gab es Widerstand gegen Straßen- und Eisenbahnlärm, der zu Lärmschutzmaßnahmen führte. Im Herner Dannekamp gibt es Aktionen gegen die Verkehrsbelastung durch die Mülldeponie und ihre drohende Ausweitung. In Pöppinghausen geht’s grade gegen die geplante Erweiterung eines Umspannwerks. Irgendwie fühlt sich dieses weit verstreute Inselvölkchen offenbar schnell wie die krawalligen Gallier. In Anbetracht ihrer Randlage in den jeweiligen Städten wäre dies nicht verwunderlich. Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass die Emscherinsel auch der Ort ist, an dem die Buslinien enden. In Ebel ist es die Linie 261, im Dannekamp die 312 und im Eichenforst ist es der 362er.

In den einzelnen, voneinander getrennten Lagen der Emscherinsel, lässt sich jeweils durchaus ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Insellage feststellen. In Ebel singen sie sogar ein Lied: „Ebel, du Insel der Träume…“ Dieses Bewusstsein erstreckt sich jedoch eher nicht auf die gesamte Länge der Emscherinsel.

Als ich mal mit einer Frau im Kiosk in Ebel ins Gespräch kam und ihr sagte, dass ich auch auf der Emscherinsel lebe, allerdings in Wanne-Eickel, erntete ich jedenfalls einen sehr erstaunten, eher ratlosen Blick.

Aufgrund der Daten der Wahl zum RVR-Parlament habe ich soweit möglich eine Analyse zur politischen Stimmung auf der Insel angestellt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Emscherinsel sowas wie einen Gegenentwurf zu „Jamaika“ (Achtung, Insel) darstellt. Schwarz, Gelb und Grün schneiden hier schwächer ab, als im Rest des Ruhrgebiets. Berücksichtige ich die im Ruhrparlament vertretenen Parteien, dann hätte die SPD nach Sitzen etwa 50,5 Prozent, die CDU 15,5 Prozent, Grüne 12 Prozent, Linke 4 Prozent, die FDP 3,5 Prozent und die AfD 14,5 Prozent bekommen. Eine Spielerei, denn es gibt ja kein Inselparlament.

In Bottrop-Ebel, der „Insel der Träume”, lässt man es am Emscherufer sichtlich locker angehen.

Wo ich mich umhöre, heißt es oft, dass früher mal mehr los war. Im Dannekamp gibt es beispielsweise keine Schule mehr, auch keinen Arzt und der letzte Kiosk hat vor drei Jahren dicht gemacht. Aber freitags kommt immer noch der Eiermann, wie es sich für eine Zechenkolonie gehört. In Pantringshof gibt es einen Hausarzt und eine Massagepraxis, in Ebel eine Heilpraktikerin und einen Pflegedienst. Sowohl Ebel als auch Pantringshof verfügen über Grundschulen. In Ebel existiert im Gemeindehaus ein reges Vereinsleben, in Pöppinghausen steht neben der Dorfkirche, einem sehenswerten Kleinod, der Stadtteiltreff. In Pantringshof betreiben die Falken ein Jugendheim, es gibt Kitas und Spielplätze auf der Insel. Mehrere Frisörgeschäfte und ein Fitnessstudio habe ich registriert. Poco, Aldi und Lidl betreiben Filialen, dazu finden sich zwei, drei Kioske. Insgesamt lässt sich von einer mehr als soliden Nahversorgung für die nur 7.000 Menschen sprechen. Nun ist es nicht so, dass irgendwer von Ebel 30 Kilometer zum Hausarzt nach Eichenforst fahren würde, aber die Insel liegt ja auch mitten in einem dicht besiedelten Gebiet, und niemand ist ausschließlich auf die Angebote auf der Insel angewiesen.

Der Kleingartenverein Emscherland fungiert u.a. als Wahllokal.

Apropos:
Die Emscherinsel teilt nicht nur die
nördliche von der südlichen Emscherzone,
sie teilt auch die nördlichen von den südlichen
Gelsenkirchener Stadtbezirken. Jetzt müssen
die Buerxit-Freund*innen ganz stark sein.
In Gelsenkirchen verläuft die Grenze entlang
der Emscher, deshalb gehört die Emscherinsel
vollständig zum Stadtbezirk Mitte.

Ein besonderes Merkmal der Insel sind ihre Brücken.Es sind deutlich über 100, vielleicht sogar über 200, über die man auf die Emscherinsel gelangen kann. Viele führen auch einfach über die Insel hinweg, oft entsteht bei der Benutzung nicht der Eindruck, dass gerade eine Insel überquert wird. Von West nach Ost queren die Autobahnen 42 und 43 sowie die Bundesstraßen 223, 224, 227 und 226 und viele weitere Straßen die Insel, zudem ungezählte Brücken für den Fuß- und Radverkehr, Eisen- und Straßenbahnbrücken sowie Rohrleitungsbrücken. Besonders hervorzuheben sind zahlreiche Neubauten, die über den Kanal auf die Insel führen, wie die Spiralbrücke „Slinky Springs to Fame“ ganz im Westen der Insel, die unverwechselbare Tausendfüßlerbrücke und die geschwungene Ripshorster Waghalsbrücke in Oberhausen, die imposante Doppelbogenbrücke im Nordsternpark mit ihrem Zwilling über die Emscher, die halbkreisförmige Grimberger Sichel als Abschluss des Erzbahnradwegs oder die bunte Papageienbrücke in Unser Fritz. Am Ostufer der Insel soll bald eine futuristische „Silberpfeilbrücke“ den „Sprung über die Emscher“ bewerkstelligen. Es gibt wohl keine andere Insel, die über so viele Brücken in so kurzen Abständen zueinander verfügt. An manchen Stellen scheint es, als sei die Insel versteckt unter diesem schieren Brückengewimmel.

Die „Papageien-Brücke” unweit der Künstlerzeche Unser Fritz verdankt ihren Namen den berühmten Dannekamper Papageien, die vor allem abends auf dem Brückengeländer aufgereiht sitzen und Karten spielen.

Die Emscherinsel ist übersät mit Landschaftskunst. Dies hat eine lange Vorgeschichte. Von 1989 bis 1999 wirkte die IBA Emscherpark. Mit einem Volumen von 2,5 Mrd. € sollte sie ein Zukunftsprogramm für die Emscherregion sein. Sie erhielt alte Industriedenkmäler und führte sie neuen Funktionen zu. Halden wurden zu künstlerisch verzierten Landmarken. So entstand die Route der Industriekultur. Zudem schuf die IBA den Emscher Landschaftspark als eine Verbindung der Grünzüge von Duisburg bis Bergkamen. Ein weiteres Aktionsfeld war die bis heute andauernde Renaturierung der Emscher mit einem Volumen von 5,4 Mrd. €.

Im Jahr 2005 initiierten die Emschergenossenschaft und der RVR eine Werkstatt Neues Emschertal. Hier rückte die Emscherinsel als zentrales Element im Emscher Landschaftspark in den Mittelpunkt. Die Emschergenossenschaft formulierte mit einem Masterplan, in dem weit über 100-mal das Wort „Insel“ steht, den Anspruch, nicht nur eine neue Kanalisation fürs Ruhrgebiet zu schaffen, sondern auch Verantwortung für die gesamte Entwicklung im Emschertal zu übernehmen. 2010 gab es dann das Kulturhauptstadtjahr. Ein Leitprojekt von Ruhr 2010 war hierbei die Emscherkunst, die den Emscherumbau begleiten sollte und 2013 und 2016 fortgesetzt wurde. Ein weiteres Leitprojekt war der Kulturkanal, mit dem der RVR den Rhein-Herne- Kanal zwischen Duisburg und Datteln als Tourismus-, Freizeitund Kulturraum erschließen will. Die jährliche Schiffsparade im April musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden.

Die Semaphoren und die Blaue Emschersäule in Oberhausen gehören zu den vielen Kunstwerken auf der Insel. Im Berne-Park in Ebel wurde eins der beiden ehemaligen Klärbecken der Kläranlage mit Blumen bepflanzt, in dem anderen schwimmen heute Goldfische.

Unter einer schattigen Brücke des Emscherschnellwegs, der von Ebel aus ein kurzes Stück bis nach Essen über die Insel verläuft, steht eine Herde weidender Schafe, allerdings aus Beton.

Als Wilde Insel nahe der Schleuse Gelsenkirchen wird eine Art Wäldchen bezeichnet, in dem sich das „Monument For A Forgotten Future“ befindet. Es ist die Nachbildung einer Felsformation im Yoshua Nationalpark bei Los Angeles. Die schottische Band Mogwai komponierte ein 23-minütiges Musikstück, das aus dem Inneren des Bergs erklingen soll. Weil dies bei meinen bisher drei Besuchen dort leider nie der Fall war, habe ich mir das schräg-melancholische Stück schließlich auf Youtube angehört.

Nahe der Uechtingstraßen-Brücke steht das Kunstwerk „Der Ball“ auf der Insel. Der Gelsenkirchener Künstler Rolf Glasmeier setzte diesen Kugelgasbehälter mit gelben Punkten auf blauem Grund bereits Mitte der 80er Jahre in Szene, als an IBA und Emscherkunst noch kein Mensch dachte.

Gegenüber des Stölting Harbour, dem ehemaligen Hafen Graf Bismarck, steht eine große Tafel, auf der mit weißer Schrift auf rotem Grund das Wort „Mut” zu lesen ist.

„MUT” – eine von 15 Tafeln, die im Zuge des Projekts „Kulturkanal” aufgestellt wurden.

Diese Tafel gehört zum künstlerischen Leitsystem „Bilder am Kanal“. Sechs der 15 Tafeln stehen auf der Insel, so auch diese. Vor einer dieser Tafeln wurde ich mal Zeuge, wie ein bekannter Schauspieler seiner Ex-Frau, die mit ihrer Agentur an diesem Kulturkanal arbeitet, mit dem Ausspruch: „Das ist doch alles Mist“ ins Wort fiel. Ich erwähne das, um zu zeigen, dass sich in die Freude über die vielen Kunstwerke auf der Inseln immer wieder auch ablehnende Stimmen mischen. So habe ich über die fünf Picknickplätze aus Waschbeton, die ebenfalls entlang des Kanals geschaffen wurden und die einen eher trostlosen Anblick abgeben, auch schon den Satz gehört: „Da wären fünf Parkbänke netter gewesen.“

Die Zeche Unser Fritz ist sogar sowas wie die Blaupause für die kulturelle Nutzung von Industriegebäuden. Als die Zeche noch ausschließlich als Werkstatt und Lager gewerblich genutzt wurde, kaperte Helmut Bettenhausen hier Mitte der 1960er Jahre Räumlichkeiten im Kauengebäude, in denen er sein künstlerisches Schaffen ausübte.

In den 1970er Jahren wurde die Zeche dann nach und nach zum Anziehungspunkt namhafter bildender Künstler und Musiker. Es war hier damals mal richtig was los. Heute befinden sich im gesamten restaurierten Kauengebäude Künstlerateliers. Außen sind einige Kunstwerke zu entdecken, so der Triumphbogen der Kohle von Helmut Bettenhausen oder eine beinahe zugewachsene Brücke, die den ursprünglichen Übergang des Gahlenschen Kohlenwegs über die Emscher thematisiert. Die Bushaltestelle an der laut Wikipedia „ersten kulturell genutzten Zeche der Welt“ heißt heute „Künstlerzeche”.

In Herne an der Stadtgrenze zu Recklinghausen zeigen auf einem Faulturm des alten Klärwerks große Bilder die Geschichte der Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet.

Zu erwähnen ist in diesem kleinen Auszug von West nach Ost noch die gelbe Skulptur „Reemrenreh”, die am Herner Meer aus dem Kanal ragt.

Ein weiteres großes Thema auf der Insel sind die Radwege. Die grün-weißen Schilder gehören noch zum alten R-Wege-Netz der Landschaftsverbände aus den 80er Jahren. Es gibt den sehr gut ausgeschilderten Emscherweg der Emschergenossenschaft, mit blau-weißen Schildern. Er ist nicht zu verwechseln mit dem Emscherpark Radweg, der zusammen mit dem Rundkurs Ruhrgebiet zur Route der Industriekultur per Rad zusammengefasst wurde. Seit neuestem ist diese Route der Industriekultur per Rad der zentrale Radfernweg des Radrevier Ruhr, so die neue Bezeichnung des Trägers RVR für das Radwegenetz im Ruhrgebiet. Und dieses Radwegenetz wird nun analog zur rot-weiß beschilderten Systematik im gesamten Bundesland NRW mit 250 Knotenpunkten, die durch rote Hütchen markiert sind, versehen. Drei dieser Knotenpunkte befinden sich auf der Emscherinsel. Im Rahmen der Ruhr 2010 wurde ein weiterer Radweg ausgeschildert: die Emscherinseltour. Die Trägerschaft von Emschergenossenschaft und RVR entschied sich für eine Ausschilderung in orange-weiß. Nicht selten verlaufen alle diese Radwege auf identischen Strecken. Es sind auch diese Radwege, die für das erdrückende Gewimmel von Hinweisschildern, Wegweisern, Infotafeln, Infostehlen, Infobrammen, immer mit dem Hinweis, welche Institutionen zur Finanzierung beigetragen haben, überall auf der gesamten Insel verantwortlich sind. Vermutlich gibt es wohl nirgends auf der Welt eine derartige Dichte dieser Ausschilderungen wie auf der Emscherinsel.

Trotz der vielen Radwege ist es keineswegs so, dass die Insel durchgehend zu befahren oder begehen ist. An fünf Stellen muss ich die Insel verlassen, wenn ich sie von West nach Ost durchqueren will. Hier finden sich unüberwindliche Landschaftszäsuren in Form von Raffinerietanks, Containerhäfen, Bodenaufbereitungsflächen, Silos und sogar noch Kohlelagern.

Obwohl diese Nutzungen deutlich sichtbar sind, nimmt der Freizeit-Aspekt auf der Insel zu. So warb die SPD in Wanne-Eickel hier zuletzt mit dem Slogan „Freizeit am Kanal“, in einer Gegend mit einer der höchsten Arbeitslosenraten in der Bundesrepublik. Ein Campingplatz ist hier am Kanalufer geplant, und der Kulturpark an der Zeche Unser Fritz bietet einen Seil- und Klettergarten, ein Kleinfußball- und ein Beachvolleyballfeld, Tischtennisplatten und einen Streetballkorb. Und diese Angebote werden angenommen.

Überall auf der Insel lassen sich besonders bei gutem Wetter neben den Radlern auch Nordic Walker, Gassigänger und Flaneure beobachten. Der Kanal wird von unzähligen Kanuklubs, von Anglern, von Ausflugsschiffen und von Badenden genutzt. Es wird gegrillt, gefeiert oder relaxt. Wer vor 30 Jahren prognostiziert hätte, dass beispielsweise aus der Industriebrache der Zeche Nordstern mal ein sehr beliebter Freizeitort mit Konzerten im Amphitheater wird, wäre schlicht für verrückt erklärt worden.

Und auch das gehört zu Freizeit auf der Emscherinsel: Der einst vom 2012 verstorbenen Bergmann Karlheinz Rebuschat initiierte monatliche Motorrad-Teilemarkt auf dem größten Parkplatz der Emscherinsel erfreut sich in Bikerkreisen bis heute größter Beliebtheit. Auch, wenn er wegen der Corona-Pandemie einige Male ausfiel und auch, wenn vom einstigen Motorradmuseum nur noch das Schild am Haus und ein verwilderter Garten zurückgeblieben sind.

Auch die Gastronomie auf der Emscherinsel hat einige interessante Orte vorzuweisen. Die Röhrenhotels und das Restaurant in der ehemaligen Kläranlage in Berne sind ein echtes Alleinstellungsmerkmal und machen das alte Klärwerk vielleicht zur romantischsten Kläranlage der Welt.

Da wären das Ristorante im Bootshaus in Oberhausen, das versteckte Restaurant Bootshaus an der Schleuse Wanne-Eickel mit guter Balkan- Küche, die Strandbar im Stadthafen Recklinghausen mit Liegestühlen in hellem Sand, fast wie in Holland, nur, dass es statt der Nordsee den Blick auf den alten Hafenkran zu genießen gibt. Wer’s urig mag, ist in der Gaststätte „Zur Schleuse“ in Herne-Ost bestens aufgehoben.

Seit neuestem gesellt sich auch „Oskar am Kanal“ dazu. Mitten in der Corona-Zeit hat der ansonsten durch seinen Gummibärchen-Schnaps auf der Cranger Kirmes bekannte Gastronom Steinmeister die lange darbende Kanalseite der Künstlerzeche wachgeküsst. Seine Biergarten- Strandbar ging auf Anhieb durch die Decke. In den ersten Wochen war kaum ein Platz zu ergattern. Apropos Cranger Kirmes: Das größte Volksfest weit und breit wird auf der Emscherinsel eröffnet, auf dem Pferdehof Gut Steinhausen.

Auch die grünen Ecken der Insel sollen erwähnt werden. Industrienatur ist hier ein Stichwort. Immer wieder finden sich grüne, verwilderte Brachen, es gibt das Resser Wäldchen und am Ostrand der Insel dominieren weite Raps- und Getreidefelder, Wiesen und Bauernhöfe. Die Insel ist durchzogen mit Kleingartenanlagen. Allein im Dannekamp, der über keinen echten Ortskern verfügt, gibt es drei Anlagen in direkter Nachbarschaft. Hier spielt sich mitunter das gesellschaftliche Leben ab. Da lassen sich auch schon mal Bundestags- oder Landtagsabgeordnete im Vereinsheim blicken. In einem Kleingarten befindet sich hier sogar das Wahllokal. Corona-bedingt standen Wahlkabinen und die Wahlurne bei der Kommunalwahl unter freiem Himmel. Das Ganze ist zudem eingerahmt vom oftmals grünen Kanalufer im Süden und dem häufig schon grünen Emscherdeich im Norden. Weitere Hoffnungen richten sich auf die naturnahe Umgestaltung der Emscher.

Mittlerweile scheint sich so etwas wie eine Aufbruchstimmung um die Emscherinsel breit zu machen. Unter dem Schlagwort „Freiheit Emscher“ planen die Städte Bottrop und Essen zusammen mit der RAG auf einer riesigen Fläche mit der Emscherinsel in der Mitte eine neue gewerbliche Nutzung. Die Stadt Essen spricht von Investitionen in Höhe von 1,3 Mrd. €. Dagegen sehen die 45 Mio. €, die BP im Stadthafen Gelsenkirchen investieren will, fast bescheiden aus.

Nachdem die Emscherinsel in Gelsenkirchen bereits 1997 Teil der Bundesgartenschau war, heißt es nun zur IGA 2027, bei der Gelsenkirchen einen Schwerpunkt bildet, soll die „Zunftsinsel zwischen Emscher und Rhein- Herne-Kanal stärker in den Fokus rücken.“

In Wanne-Eickel soll an der alten Dannekamp- Schule unter der Schlagzeile „Wohnen am Wasser“ ein kleines Wohngebiet entstehen. Der Herner OB Dr. Dudda weist auf der Webseite der Stadt Herne auf die Vorzüge hin: „Die Emscherinsel, die wir gemeinsam mit der Emschergenossenschaft zum Landschaftspark entwickeln, ist nur einen Steinwurf entfernt.“ Verwirrend ist an dieser Aussage, dass die Dannekampschule auf der Emscherinsel steht.

Einen Sonderfall stellt Castrop-Rauxel dar. Wer immer sich mit der Emscherinsel beschäftigt, stößt dabei sehr schnell auf den Namen Oldengott. Da gibt es den Stadtentwickler in Castrop- Rauxel, Martin Oldengott. Er ist seit vielen Jahren darum bemüht, Pläne zur Neugestaltung des Gebiets am Ostufer der Insel durchzusetzen. Und es gibt eine Frau Prof. Dr. Dr. Martina Oldengott. Sie ist unter anderem Sprecherin der Emschergenossenschaft bei der Arbeitgemeinschaft Neues Emschertal und führt seit vielen Jahren das Wort von der Emscherinsel. Sie war es auch, die die Bewerbung der Städte Herten, Recklinghausen, Herne und Castrop-Rauxel um die Landesgartenschau 2020 übergab. Ein Kernpunkt des Konzepts war das von ihrem Ehemann in Castrop-Rauxel betriebene Projekt „Sprung über die Emscher“. Die Bewerbung scheiterte, die Landesgartenschau ging nach Kamp-Lintfort.

Immerhin sieht es nach Meldungen aus dem Jahr 2019 nun so aus, dass es doch noch zum Bau der „Silberpfeilbrücke“ kommt. Frau Professorin Oldengott saß in der Jury, die den Entwurf auswählte. Finanziert wird die 10 Mio. € teure Brücke zu 90 Prozent vom Bund, zu 10 Prozent von der Emschergenossenschft. Wie Martin Oldengott diese Brücke gefällt, ist mir nicht bekannt.

In einem Memorandum der Werkstatt Neues Emschertal zur Emscherinsel von 2005, das acht Punkte umfasst, ist von einer Freiraumachse als verbindendem Element zwischen den traditionellen Grünzügen im Emscher-Landschaftspark die Rede. Die Emscherinsel wird als zentrale Entwicklungsachse der Emscherregion und als Herzstück des neuen Emschertals bezeichnet.

Es heißt auch, die Emscherinsel sei eine „positive Provokation“, und der achte Punkt ist überschrieben mit den Worten: „Die Emscher- Insel ist und bleibt ein Stück Utopie“.

Jetzt könnten sie losgehen die Geschichten, die alle auf der Emscher- Insel spielten, von dem Fußballverein am Westufer, der vier Jahre in der Bundesliga kickte auf dieser Insel und nach deren Emscherkurve sich eine Punkband benannte, von den anderen drei Vereinen auf der Insel, VfR Polonia Ebel, SC Pantringshof und SuS Pöppinghausen, von dem Emscher-Zufluss, dessen Teil ein Denkmal wird, damit sich Wehmütige später noch die Betonschalen der Köttelbecke angucken können, von Gebietsverkäufen, Grenzgeschacher, verwilderten Grundstücken im Niemandsland, vom Fährunglück mit 21 Todesopfern auf dem Kanal, vom Freibad, in dem 1958 die Deutschen Schwimmmeisterschaften stattfanden, von der Brücke, unter der kein Wasser mehr ist, weil mitten im Ruhrgebiet ein Fluss verschwand, von Wildpferden im Emscherbruch, von Fischen, die 150 Jahre Industrialisierung überlebten, von falsch beschrifteten Ortseingangsschildern, von einem verrottenden Schiff, das auf dieser Insel gestrandet ist, von einem der grausamsten Morde, die in Deutschland im 21. Jahrhundert verübt wurden, von einem Likör, der nach einem Hafenkran benannt wurde oder von der berühmten Kanalromantik. Aber das wäre vielleicht ein bisschen viel für eine Insel, die ungefähr so groß ist wie Scholven.

Ach ja, der Autoaufkleber aus meiner Zettelkiste. Davon hatte mir mal der aus Mühlheim stammende Künstler Peter Güllenstern bereitwillig einige Exemplare zugeschickt. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit ihm. Auch ihn schien diese fiktive Insel mal gepackt zu haben. 2013 entwarf er diesen Aufkleber mit der Emscherinsel, vermutlich inspiriert von dem bekannten Sylt-Aufkleber. Noch nie habe ich diesen Aufkleber auf einem Auto gesehen in den gut fünf Jahren, die ich nun auf der Insel lebe. Und auch die Webseite, die er damals dazu einrichtete, ist nicht mehr online und nur noch über Archivfunktionen abrufbar.

Ich habe nach Gemeinsamkeiten gesucht, die die Menschen auf der Insel verbinden. Die wichtigste hätte ich dabei fast vergessen. Wir alle wissen, wie die Emscher stinkt, besonders im Sommer. Damit soll nach der Fertigstellung des über 50 Kilometer langen unterirdischen Abwasserkanals Ende 2021 endgültig Schluss sein. Dann soll die Emscher vollständig frei sein von Abwässern.

In Essen beim Blick von der Insel auf das RWE-Müllheizkraftwerk mit einer sich anschließenden Ballung von Hochspannungsmasten lässt sich noch erahnen, was der 1983 in der Emscher ertrunkene Bestsellerautor Michael Holzach meinte, als er die Gegend beschrieb:
„Nach dem jüngsten Gericht, stelle ich mir vor, oder nach dem Inferno einer Atomkatastrophe, muss es auf der entvölkerten Erde ähnlich aussehen wie hier und jetzt.“

Aber es gibt nicht mehr viele dieser Ecken auf der Insel, so viel ist sicher. Nicht sicher ist, ob es eine Insel ist oder nicht. Wenn ich am Wasserkreuz in Castrop-Rauxel stehe, am Ostufer, dann sieht es aus wie eine Insel. Dann wieder denke ich, dass ich auf einen wirklich miesen PR-Trick reingefallen bin. Doch jetzt hier, wenn ich an der Stadtgrenze zwischen Herne und Recklinghausen das Schild sehe, auf dem steht „Emscherinsel-Park Herne/Recklinghausen”, dann denke ich wieder, es muss sie doch geben, diese verdammte Insel –

Es steht doch auf dem Schild.    

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code