„Es kann sich jeder engagieren“

Gelsenkirchener Aktionsbündnis will den 8. Mai zum Feiertag machen

Nun ja, vielleicht ist „Feiertag“ das falsche Wort, und vielleicht würde es der Begriff „Gedenktag“ besser treffen. Aber die Macht des Räderstillstehens, des Innehaltens ist nun mal nur mit dem Feiertag zu machen, der garantiert, dass an diesem Tag nicht gearbeitet wird, dass hier nicht Alltag, sondern Ausnahmetag sein soll. Das Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung unterstützt damit den Vorschlag der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano, die für den 8. Mai als gesetzlichen Feiertag plädiert. Seit mittlerweile 75 Jahren steht dieser Tag als Zäsur in der Geschichte für die Niederschlagung des Nazi-Regimes. Und somit für die gegenseitige Abmachung, die Menschenrechte demokratisch zu verteidigen und im Einvernehmen gegen Rassismus und Faschismus einzustehen. Doch offensichtlich können wir uns noch nicht auf der sicheren Seite wähnen, schauen wir uns das Wiedererstarken der Rechten in Deutschland und Europa an, oder blicken wir auf die eigenen Rassismen. Durch die Schwarze Bewegung in den USA durchsticht das Bewusstwerden auch hierzulande das dünne Häutchen des verschwiegenen Rassismus.


Paul M. Erzkamp und Hartmut Hering als Vertreter des Bündnisses stellten am Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtgarten die Idee des Bündnisses vor. Flankiert werden soll dieser Tag mit einer Fokussierung auf Bildung und Sensibilisierung in diesem Bereich. „Denn dass es Gelsenkirchen heute noch so schlecht geht, hängt zum großen Teil mit der Nazizeit zusammen“, erklärt Hartmut Hering den langen Arm der Geschichte. So sei die Konzentration auf die Montanindustrie eindeutig politischer Wille gewesen. „Gelsenkirchen konnte gar keinen anderen Weg als den der Kohle gehen. Es konnten sich keine alternativen Wirtschaftsfelder bilden. Und auch das trägt zu der heutigen Situation bei. Und leider ist das vielen Menschen, denen es heute nicht so gut geht, die keinen Job haben und den Versprechen der Rechten verfallen, nicht bewusst. Aber eben eine solche Politik, die nicht die Menschen in den Mittelpunkt stellte, hat die Grundlagen für die heutige Armut Gelsenkirchens gelegt.“


Dass Menschen sehr interessiert an der Geschichte ihrer Stadt sind, kann auch Paul M. Erzkamp bestätigen: „Wir haben einmal einen antirassistischen Spaziergang durch Gelsenkirchen angeboten, auf dem wir Orte besucht haben, an denen in der Nazizeit schreckliche Verbrechen verübt wurden. Das hat die Menschen sehr interessiert und natürlich aufgewühlt.“
Doch der 8. Mai ist quasi nur das Flaggschiff für die Thematik, die durch Bildungsangebote an die Stadtbevölkerung, gerade auch an die jüngere, wieder stärker zu einem modernen Diskurs werden soll.
„Und es kann sich jeder engagieren. Sei es im Verein, in seiner Partei oder im privaten Umfeld“, meint Hartmut Hering und betont, man könne eine Menge machen aus dem Vermächtnis der Antifaschisteninnen von ’45. Einen offenen Brief haben die Initiatorinnen schon an OB Frank Baranowski geschrieben, auch die demokratischen Parteien im Stadtparlament hatte man zur Unterstützung aufgefordert. Vorgetragen wurde das Anliegen im Rat Ende Juni. Leider konnte sich in der letzten Ratsitzung für eine Auseinandersetzung an diesem Tag keine Mehrheit finden.
„Es wäre ein mutiges und deutliches Zeichen gegen Rechts aus Gelsenkirchen gewesen. Wir werden aber weitermachen!”, so Marc Meinhardt, ein Sprecher des Bündnisses. FOTO: Jonas