Hat Wissen noch Macht?

Über die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft

Molekularbiologe Prof. Dr. Andreas Beyer im Gespräch mit Astrid Becker


Astrid Becker: Herr Prof. Dr. Beyer, Sie sind Molekularbiologe an der Westfälischen Hochschule, kann man sagen, Gelsenkirchen, Abteilung Recklinghausen?

Andreas Beyer: Ja, der offizielle Name lautet „Westfälische Hochschule Gelsenkirchen, Bocholt, Recklinghausen“, da dies unsere Standorte sind. Im Alltagsleben sage ich immer Biochemiker, da können sich die Leute ein bisschen mehr drunter vorstellen. Molekularbiologie ist ein nicht ganz so glücklicher Begriff für molekulare Genetik. Wir sind eine mittelgroße Hochschule, haben knapp 10.000 Studierende, das ist auch dem doppelten Abiturjahrgang geschuldet und geht nun wieder leicht zurück. Mein Standort Recklinghausen ist mit 1.500 Studierenden der kleinste, es ist also sehr schön übersichtlich. Wir haben mit den drei Semesterzügen zwischen 150 bis 200 Biologie-Studierende im Hause, das heißt, man kennt sie vom Gesicht her alle.

Da kann man als Studierende*r nicht übersehen werden…

Ja, das stimmt, aber die Studierenden beurteilen das durch die Bank weg positiv, denn sie werden eben nicht als studierende Matrikelnummer, sondern als Menschen wahrgenommen, und man kann auch auf Arten und Weisen eingreifen und persönlich mal den einen oder anderen Tipp geben, Sachen vermitteln oder einen Knoten lösen, was an einer großen Hochschule oder Universität einfach nicht geht. Bei uns jedoch geht das, und damit werben wir auch, zurecht.

Was bietet der Standort Recklinghausen darüber hinaus?

Wir haben noch die Chemie und bilden Wirtschaftsingenieure und Wirtschaftsjuristen aus und vermitteln ansonsten in der Hauptstelle Gelsenkirchen und in Bocholt natürlich die typischen Hochschulstudiengänge: Das sind die ingenieurtechnischen Studiengänge – Maschinenbau, Elektrotechnik usw.

Das heißt, außer der Journalistik in Gelsenkirchen gibt es keine Geisteswissenschaften.

Richtig, denn Geisteswissenschaften sind nicht die typischen Hochschulstudiengänge. Die Hochschulen haben sich ja aus den Fachhochschulen entwickelt, und diese sind wiederum aus den Bergakademien, das heißt aus den Fortbildungsstätten der Montanindustrie für begabte Arbeiter, hervorgegangen. Aber dieser Unterschied wird immer mehr ausnivelliert, denn auch bei uns gibt es die Bachelor- und Masterabschlüsse, die sich von denen an einer Universität nicht mehr unterscheiden. Die meisten Fachhochschulen sind im Zuge des Bologna-Prozesses (ab 1999, Anm. d. Red.) umbenannt worden. In Bologna hatten sich die europäischen Bildungsminister getroffen und beschlossen, die Ausbildungsgänge zu harmonisieren, dass also Leistungen im Credit Point System quer durch Europa anerkannt werden. Das funktioniert mittlerweile auch ganz gut. Mehr als die Hälfte unserer Absolventeninnen aus der molekularen Biologie wechselt für den Master an Universitäten, und etwa die Hälfte unserer Master-Absolventeninnen geht an ein Institut oder die Universität, um zu promovieren. Einige unsere Leute gehen auch zwischendurch oder für ihre Abschlussarbeiten ins Ausland. Das einzige, was wir noch nicht haben, ist das Promotionsrecht. Aber wir können eine Promotion trotzdem anbieten: Einer der drei Betreuer*innen muss von einer Uni kommen, also faktisch geht auch das Promovieren mittlerweile an Hochschulen.

Sie persönlich sind aber an Universitäten ausgebildet?

Ja, an der Ruhr-Uni in Bochum, meine Forschungszeit habe ich dort und an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf absolviert.

Der Molekularbiologe untersucht…

Was untersucht die Biochemie, wäre die erste Frage, die in diesem Zusammenhang zu stellen wäre: Die Biochemie untersucht biochemische Vorgänge in Lebewesen. Das kann komplexe Systeme betreffen wie ganze Stoffwechselwege, aber auch einzelne Enzyme. Und die Molekularbiologie, resp. -genetik ist ein Teilgebiet der Biochemie, nämlich die DNA-Biochemie, die untersucht Vererbungsvorgänge auf molekularer Ebene. Also: Was passiert mit DNA, was mit einem Gen, wenn es angeschaltet oder abgeschaltet wird, was ist überhaupt ein Gen usw.

Ist das eine mikroskopisch sezierende oder eine eher an Modellen orientierte Arbeit?

Mikroskopisch sezierend ja, allerdings ohne Mikroskop. Es ist ja schon bemerkenswert, dass die Physiker, die sich mit den allerkleinsten Teilchen befassen, die allergrößten Maschinen brauchen, das größte Gerät* dieser Art gehört zum Cern (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire, – Europäischer Rat für Atomforschung, *ein Teilchenbeschleuniger, Anm. d. Red.) in Genf. In der Biochemie und Molekulargenetik benutzt man durchaus das Elektronenmikroskop, um Moleküle oder Interaktionen direkt sichtbar zu machen. Das ist aber die Ausnahme. Meist benutzt man sehr trickreiche Versuchsanordnungen, um bestimmten genetischen Effekten auf die Spur zu kommen.

Könnten Sie das an einem Beispiel illustrieren?

Das ist einem Laien schwer zu schildern, aber ich versuch’s mal. Also, ein Gen ist ein Erbfaktor. Ein Gen ist ein Abschnitt auf der DNA mit ganz vielen A, G, T, C Buchstaben hintereinander. In der klassischen Sichtweise codiert ein Gen für ein Protein. Und das Protein ist dann ein Bio-Katalysator, der eine bestimmte Aufgabe vollbringt. Wenn dann im Körper beispielsweise ein solches Gen für ein Verdauungsenzym angeschaltet wird, weil ich gerade etwas gegessen habe, wird von diesem Gen eine Abschrift erstellt, eine sogenannte mRNA. Diese wird dann in ein Protein übersetzt, und da gibt es dann tatsächlich einen molekulargenetischen Code, das heißt, immer drei Basen bzw. Einheiten auf der DNA bzw. RNA-Abschrift stehen für eine Aminosäure, und aus den Aminosäuren wird dann ein Protein synthetisiert. Dieses Protein verdaut dann beispielsweise Stärke. Was macht man also, um solchen Sachen auf die Schliche zu kommen: Ich nehme mir den Teil des Gens, der wirklich für das betreffende Protein codiert, ich transferiere ihn in unser Laborhaustier, Escheria coli, das ist auch unser Laborarbeitsbakterium…

Aber sicher aus gebührender Entfernung…

Nein, unsere Laborstämme sind harmlos; sie entsprechen dem S1- und S0-Sicherheitsstatus. Ich bringe dann trickreich durch Klonierungsarbeiten das Bakterium dazu, dieses Protein in großen Mengen herzustellen, und dann kann ich es reinigen und untersuchen. Beispielsweise kann ich schauen, welche Temperatur es aushält, wie aktiv es ist, welche Salzbedingungen es mag…

Mag? Woran erkenne ich, ob ein Protein Salz mag?

Durch einen Test: Speichelamylase knackt Stärke, und ich kann Stärke anfärben, mit Iod/Iod-Kali Lösung (das ist übrigens ein Versuch, den man auch gerne in der Schule macht). Die Logik geht so: Wenn ich eine bestimmte Menge Stärke vorlege, gebe Enzym dazu und warte eine bestimmte Zeit, wird die Stärke abgebaut. Wenn ich dann die Färbung mache, dann färbt sich nichts mehr, weil keine Stärke mehr da ist. Jetzt mache ich ein und denselben Ansatz mit unterschiedlichem pH-Wert, das heißt, in unterschiedlich saurer oder basischer Lösung. Nach einer bestimmten Zeit stoppe ich das und schaue, wo die Stärke abgebaut wurde und wo nicht. Ich gebe dann verschiedene Salze dazu und sehe, unter welchen Bedingungen die Stärke abgebaut wird und unter welchen nicht. Auf diese Art und Weise kann ich ein Enzym charakterisieren. Eine praktische Anwendung erfolgt dann beispielsweise in der Reinigungstechnologie, sämtliche modernen Waschmittel haben auch Enzyme, und die müssen natürlich die Bedingungen in der Waschmaschine überstehen. Die meisten Verdauungsenzyme gingen sofort kaputt. Nun kann man aus verschiedenen (z.B. hitzetoleranten) Bakterien die Enzyme isolieren, gucken, welche Enzyme das mitmachen, und die dann industriell einsetzen. Heutzutage kann man die dann noch mal genetisch verändern, also mutagenisieren, und kann dann nach Kandidaten suchen, die noch stabiler sind.

Das würde ich gerne genauer wissen, was kann man heutzutage, was man vorher nicht konnte?

Also, mutagenisieren kann man schon seit Jahrzehnten, heutzutage sind die Technologien einfach besser, gezielter und genauer. Und was man im Gegensatz zu früher kann: Es gibt sogenannte High Throughput-Technologien, also Hochdurchsatz-Verfahren. Wenn man sich früher anstrengen musste, damit man eine Handvoll verschiedener Mutanten zusammenbekam und charakterisieren konnte, kann man das heute faktisch am Fließband machen. Der Molekularbiologe macht dann die Arbeit mit der DNA, der Biochemiker schlägt sich anschließend mit dem Enzym rum.

In welchem Arbeitsumfeld findet das statt? Im Labor?

Ja, typischerweise. Der Biochemiker oder Molekularbiologe hat entweder ein Arbeitslabor, in dem er Projekte macht, oder hat sein Diagnoselabor, wenn er in der Diagnostik arbeitet.

Die Arbeitsbedingungen sind ja nun auch noch die einer Hochschule, das bedeutet, es finden sich auch immer wieder viele sich wiederholende Elemente…. Das ist in der Lehre nun einmal so üblich. Was wir immer mal wieder von Jahr zu Jahr tun, ist, dass wir die Vorlesungsinhalte, die wir haben, updaten und auch neue Inhalte hinzunehmen. Es gibt Hunderttausende verschiedener molekularbiologischer Techniken, von denen jeder sowieso nur einen Ausschnitt kennt. Es gibt grundlegende und weniger grundlegende Technologien und solche, die nach ihrer Etablierung ungeheuer wichtig wurden – Beispiel: Die Polymerase-Kettenreaktion wurden in den 1980er Jahren erfunden, und mittlerweile findet sie Verwendung in der Diagnostik, der Forensik, Molekulargenetik, Ahnenforschung, Umweltanalytik, ist also ein unverzichtbares Werkzeug geworden, und wenn eine solche Technologie hochkommt, dann muss man sie natürlich in die Lehre mit hineinnehmen. Ansonsten muss man einfach schauen, dass man in der Lehre einen guten Überblick über die Prinzipien schafft und die allerwichtigsten modernen Technologien vermittelt.

Als Hochschullehrer ist Forschen neben der Lehre angesiedelt, wie kommt man denn dann überhaupt dazu, intensiv zu forschen?

In diesem Fall ist der Unterschied zwischen Hochschulen und Universitäten sehr prägnant: Der Universitätsprofessor hat die Aufgabe, Forschung und Lehre zu betreiben. Der Hochschulprofessor lehrt und forscht – die Gewichtung ist also eine andere. Vom Universitätsprofessor verlangt man, dass er forscht, dementsprechend ist seine Lehrbelastung relativ gering. Bei uns ist es so, dass wir die doppelte Lehrbelastung im Vergleich zu unseren Kollegen an der Universität haben. Gemessen wird das in Semesterwochenstunden (SWS), das bedeutet eine 45-minütige Einheit pro Woche über das gesamte Semester. Die Universitätsprofessoren haben eine Lehrverpflichtung von 9 SWS, und wir haben demnach eine von 18 SWS, wobei die meisten von uns mehr leisten, in der Regel sind es 25 SWS, ich hatte auch schon einmal 30 Semesterwochenstunden.

Das ist eine volle Woche…

Das ist eine ziemlich volle Woche. Vor allen Dingen, weil man auch mit einrechnen muss, dass in diesen SWS solche Verpflichtungen, die wir nebenbei noch haben, nicht mitgerechnet werden. Der Professor an der Hochschule hat das Recht und die Pflicht zur Selbstverwaltung, das heißt, wir geben uns unsere Prüfungsordnung selbst und konzipieren auch unsere Studienordnung. Das Justitiariat unterstützt uns zwar insofern, dass es prüft, ob es juristisch alles wasserdicht ist, aber erstellen müssen wir sie selbstständig. Außerdem die Akkreditierung, die Stundenpläne. Neue Curricula und Studiengänge entwickeln gehört auch noch dazu… Meine persönliche Aufgabe ist es außerdem, den Studiengang nach außen zu vertreten. Das bedeutet, dass ich im Jahr noch zusätzlich 5-10 ganztägige Schülerpraktika habe, eine gleiche Anzahl an Tagen verbringe ich zusätzlich bei Vorträgen über unseren Studiengang im Arbeitsamt und an Schulen. Ich bin auch noch Evaluationsbeauftragter, das heißt, ich befrage Kolleg*innen und Studierende, wie zufrieden sie sind, aber z.B. auch nach Angaben wie Herkunft und Leistungsstand. Selbstverständlich besteht darüber hinaus die Verpflichtung zur Weiterbildung, beispielsweise zum Lesen von Fachliteratur. Das heißt, die tatsächliche Arbeitsleistung ist kaum zu erfassen.

Das hört sich nicht nach Wissenschaft im Elfenbeinturm an, nicht nach Rückzug in die Forschung…

Richtig. Den Elfenbeinturm hat man in Instituten wie Max-Planck oder Fraunhofer, da gibt es dann zum Teil überhaupt keine Lehrverpflichtung, oder man lehrt ausschließlich vor fortgeschrittenem Auditorium als Spezialvorlesung: Dort findet sich dann auch der hochspezialisierte Typus des Professors. Den muss es auch geben, denn die Zeiten, in denen man als Universalgelehrter oder Universalgebildeter in der Forschung weiterkommen konnte, sind vorbei: Man braucht sehr viel Geduld, Spezialwissen und jahrzehntelange Erfahrung, um international vorne mitspielen zu können. Durch die gestiegene Konkurrenz der Hochschulen untereinander ändert sich natürlich auch einiges für die Lehrenden. Bei uns an der Hochschule sind schon Studiengänge dicht gemacht worden, da Lehrkräfte nicht genügend in die Außendarstellung investiert hatten und nur ein Drittel der möglichen Kapazität, gemessen an der Zahl der Studierenden, belegt war. Der verbeamtete Dozent kann zwar nicht entlassen werden, wird dann aber versetzt und muss etwas anderes machen, was nicht unbedingt in sein Interessensgebiet fällt. So ist dann auch der Hochschulleitung die Möglichkeit gegeben, einen gewissen Druck auf Professoren ausüben zu können, damit sie nicht tun und lassen können, was sie wollen. Viele von uns, mich eingeschlossen, halten auch immer wieder popularwissenschaftliche Vorträge. Als Wissenschaftler, dessen Arbeitgeber und Financier letztlich der Steuerzahler ist, habe ich auch die moralische Verpflichtung, mein Wissen mit der Allgemeinheit zu teilen.

Der Molekularbiologe – ist eher eine Frau oder ein Mann? Trägt die „Mädchen und Frauen in MINT–Berufe!“ – Kampagne (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, Anm. d. Red.) Früchte?


Das ist ein komplexes Feld. Erst einmal ist sämtliche Wissenschaft, historisch gesehen, männlich. Wenn man das sagt, muss man dabei jedoch im Hinterkopf haben, dass es schon seit der Frühen Neuzeit immer mal wieder die eine oder andere bedeutende Physikerin, Mathematikerin oder Chemikerin gab, aber es blieb eben ein kleinerer Anteil. In den letzten Jahrzehnten ist der Frauenanteil unter den Studierenden drastisch gewachsen, wobei wir den geringsten Prozentsatz in den Ingenieurs- und mathematischen Wissenschaften verzeichnen, in der Physik, der Chemie und in den Geowissenschaften sind es schon deutlich mehr und in Biologie über die Hälfte.

Wie kommt das?

Da habe ich meine Privattheorie… Ich glaube, dass ein Teil unserer Studentinnen in Wirklichkeit verkappte Physikerinnen oder Chemikerinnen sind, sich das aber nicht so recht zutrauen, weil es „zu männlich“ ist. Ich rechne aber damit, dass sich das in den nächsten Jahrzehnten noch angleichen wird, es gibt da einen konkreten Punkt, der das erhärten würde: Wir haben in Bocholt die Bionik das ist Ingenieurwissenschaft nach Vorbildern in der Natur. Das „Bio“ in Bionik klingt nach Natur, nach Zusammenhängen und Komplexität, ist also womöglich darum attraktiv für Frau. Frau denkt gerne in Zusammenhängen, in komplexen Kategorien und in Übersichten. Ein erheblicher Anteil der Frauen, die die Bionik abschließen, macht dann aber einen Master in Maschinenbau! Diese Frauen hätten sonst nie Maschinenbau studiert.

Einen Moment, Bionik…?

…ist eine reine Ingenieurwissenschaft, die sich die Natur zum Vorbild nimmt und sich fragt, welche Strukturen aus der Natur abgeguckt werden können. Bei der Haifischhaut beispielsweise gibt es die Hautzähnchen, die sogenannten Placoidschuppen, die das Wasser „durchschneiden“ und damit den Gleitwiderstand verringern. Oder der berühmte Lotusblüteneffekt – kleine Oberfläche, kleine Oberflächenenergie: alles perlt ab, dann bestimmte Arten der Leichtbauweise….

Wenn Frauen sich in diese Gebiete von allein nicht trauen, wessen Aufgabe wäre es denn, dieses männerdominierte Image tatsächlich loszuwerden?

Es gibt den Girls‘/Boys‘ Day, an diesem Tag laden wir aus der Mittelstufe Jungen ein, denn wir haben einen Männer-Unterschuss bei einem konstanten Frauen-Überschuss. Die Physiker und Chemiker laden ausschließlich Mädchen ein. Da gibt es dann Modellversuche, und man stellt das Studium inhaltlich vor. Persönlich glaube ich allerdings nicht, dass das je komplett ausgeglichen sein wird, denn ich denke, dass es auch eine genetische Komponente gibt: Wenn man kleinen Affen Spielzeug gibt, Puppen sowie technisches Gerät, nehmen sich die Mädchen Puppen und die Jungs das technische Spielzeug. Der Punkt ist nur, selbstverständlich gibt es auch Jungs, die ein echtes Herz für Kinder haben, die auch einen Sinn und eine Wahrnehmung dafür haben, wie Kinder ticken – warum sollen die nicht Erzieher werden? Und natürlich gibt es Mädels, die brillante Ingenieurinnen oder Mathematikerinnen werden können. Diejenigen, die diese Begabung haben, die sollen sie erkennen und ausleben können. Mir ist es letztendlich völlig egal, bei welcher konkreten Frauenquote wir landen, es ist nur wichtig, dass diejenigen, die diese Begabung haben, sie auch entwickeln können.

Welche Berufsaussichten haben sie denn dann als Molekularbiolog*innen?

Das ist schwer zu beantworten. Warum: Wer beispielsweise Medizin studiert, kann Facharzt für Anästhesiologie werden, er oder sie kann dann nichts anderes und darf sich auch auf nichts anderes bewerben, ist dann aber auf diesem Gebiet vollständig konkurrenzlos. Bei uns ist die Situation genau umgekehrt: Es gibt eine riesige Anzahl von Berufsfeldern – Wissenschaft, Forschung, Entwicklung, Industrie, Arbeitssicherheit, Verwaltung: Laboratorien, Projektmanagement. Das ist Verwaltungsarbeit, und dafür braucht man entsprechende Fachkräfte. Etliche unser Absolventen wechseln in die Lehre, nicht wenige machen einen Quereinstieg in die Schule. Diagnostik, diagnostische Laboratorien, Umweltlaboratorien, nicht zu vergessen Außendienst in der Pharmaindustrie, das sind nicht nur „Pillenverkäufer“. Es gibt auch den technischen Außendienstler, der Produkt- oder Applikationsspezialist ist. Wenn also ein Gerät gekauft wird, kommen sie zum Kunden und schulen ihn und richten die Geräte ein. Die Felder sind also sehr vielfältig, das ist der Vorteil. Aber der Nachteil ist, in keinem dieser Felder sind wir unter uns. Nicht wenige landen auch im Marketing oder in der Marktanalyse, aber dort finden sich dann wiederum auch Ökonomen – wir konkurrieren also mit klassischen Biologen, Pharmakologen, Toxikologen, Chemikern, Ingenieuren … Übrigens: Die Zeiten, in denen Wissenschaftler richtig viel verdienten, sind längst vorbei, da muss man in die Wirtschaft oder ins Management gehen.

Wie sehen die Kooperationen mit Betrieben oder Unternehmen dann beispielsweise aus?

Im Bereich der Universitäten ist da in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Die Hochschulen kooperieren traditionellerweise schon immer mit Industrie, denn sie kommen ja historisch aus den Bergbauakademien, deswegen ist es gerade in den ingenieurtechnischen Studiengängen eher üblich, dass die Professoren Forschungsentwicklungsarbeiten für die Industrie machen. Ich habe jetzt gerade ein Projekt aufgelegt, da geht es um die Prozesssteuerung in kleinen Kläranlagen – es gibt Betriebe, die ihre eigenen Kläranlagen haben, die sind ingenieurtechnisch meist gut im Griff, man weiß aber nicht, was da biologisch passiert. Das Umweltbewusstsein wird immer stärker und auch der finanzielle Druck, nachhaltiger zu sein. Das bedeutet in diesem Fall, wie kommt man a) mit weniger Wasser aus, also wie kann man Prozesswasser sparen und b) wie kann man dafür sorgen, dass der biologische Abbau des Schmutzes effizienter ist? Das ist also ein Beispiel für ein Forschungsprojekt als Kooperationsprojekt mit mittelständischen Betrieben. Die Forschung findet in unseren Laboratorien statt oder aber in der Industrie vor Ort, also arbeiten die Absolventen in letzterem Falle außerhalb der Hochschule. So oder so – für die betreffenden Absolventen ist dies ein guter Einstieg in Industrie und angewande Wissenschaft. Die Industrie finanziert solche Forschungsprojekte (was oft bedeutet, dass wir unsere Ergebnisse vertraulich behandeln müssen). Letztendlich wird das früher oder später aber doch publiziert, so dass dieses Wissen allen zugute kommt. Es bleibt ein Spannungsfeld, denn die Firmen erhoffen sich ja einen Wettbewerbsvorteil durch solche Forschungsprojekte. Forschung kann aber nur dann funktionieren, wenn der, der forscht, auch belohnt wird, womit auch immer, das muss nichts Materielles sein. Ich habe nichts von dieser Kooperation außer zusätzliche Arbeit, ich verdiene nichts damit. Aber es ist natürlich gut für mein Renommee, und die Studierenden haben ein schönes Thema „aus der echten Welt“. Daneben gibt es die öffentlichen Geldgeber, was an öffentlichem Geld kommt, muss auch in die public domain gehen, das heißt, die Ergebnisse werden sofort publiziert und sind damit öffentlich.

Was könnte das für ein Projekt sein?

Grundlagenforschung. Zum Beispiel das Humangenomprojekt, also die Sequenzierung des Humangenoms. Das war ein öffentliches, sogar ein globales Projekt, da haben auf allen Kontinenten Arbeitsgruppen mitgearbeitet, und diese Informationen wie auch die bioinformatischen Analysen sind sofort in die öffentlichen Datenbanken gegangen.

Ist dieses konkrete Projekt denn nun abgeschlossen und entgeheimisiert, also entschlüsselt?

Entgeheimisiert ja, am Humangenomprojekt war nie etwas geheim, das einzige, was es zuweilen gibt, ist, dass bestimmte Aspekte patentiert werden. Wenn also jemand ein Gen gefunden hat, das mit irgendeiner Krankheit in Zusammenhang steht und die Forschung mit privaten Geldern betrieben wird, dann kann eine bestimmte Anwendung patentiert werden. Das, was also an wissenschaftlichen Informationen in der Genetik erarbeitet wird, landet sofort in öffentlichen Datenbanken. Ist es entschlüsselt? (lacht) Das ist so eine typische Frage, die man nicht mit Ja oder Nein beantworten kann, denn es sind hier mehrere Ebenen zu unterscheiden. Die erste Frage müsste lauten: Ist das Humangenom, also alle Buchstaben, komplett bekannt? Antwort: Fast. Es gibt noch ein paar Ecken im Humangenom, die notorisch schwer zu bestimmen sind.

Wie groß ist denn das Humangenom?

3,2 Gigabasen, das heißt, 3,2 Milliarden Buchstaben.

EIN Genom?!

Ja, ein haploides Genom, wir haben in unserem Zellkern von unseren Eltern jeweils 3,2 Milliarden Basenpaare.

Wer hat die gezählt?

Das war zuerst natürlich eine Schätzung und Hochrechnung, indem man Karyogramme angefertigt hat, man hat also erst einmal Chromosomen unter dem Mikroskop gezählt und dann von bekannten Ausgangsmengen von Zellen die DNA einfach vermessen, also geschaut, wieviel ist da drin, und ist ziemlich genau auf die korrekte Zahl gekommen. Das hat sich also bewahrheitet, das Humangenom ist jetzt sequenziert, also gelesen, das bedeutet, den allergrößten Teil des Humangenoms kennen wir in den einzelnen Buchstaben. Und noch mehr als das: Es hat danach das Tausend-Genome-Projekt gegeben. Das heißt, wir kennen mittlerweile mehr als tausend Humangenome, also nicht nur den grundsätzlichen Aufbau, sondern auch die meisten genetischen Varianten, die es gibt.

Wurde Gott gefunden?

(lacht.) Also Gott findet man in der Wissenschaft grundsätzlich nicht, das hat zwei Gründe. Das eine ist ein methodologischer Grund: Wissenschaft bedeutet, dass man naturalistisch arbeitet, also versucht, alles ohne übernatürliche Komponenten zu erklären. Wir schauen mal, wie weit wir mit unseren Erklärungen kommen, wenn wir auf so etwas nicht Bezug nehmen. Es ist erstaunlich, wie weit man damit kommt. Und die Logik lautet dann: Wenn ich also ohne Gott und Geister und Dämonen oder Naturteleologie* einen Vorgang oder eine Gegebenheit befriedigend erklären kann, dann werden diese Wesen – so es sie überhaupt gibt – wohl auch nicht teilgehabt haben. Wenn ich sagen kann, ich behandele eine eitrige Entzündung mit einem Antibiotikum und einem trockenen Brötchen auf dem Bauch, und dann wiederhole ich das nur mit einem Antibiotikum, und stelle dieselbe Wirkung fest, dann wird das Brötchen wohl nicht wirksam gewesen sein. Was man jetzt insgesamt weltanschaulich damit anstellt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Eine Naturbeschreibung hat nie die Qualität einer Letztbegründung: Ich kann nie begründen, wo die Welt herkommt, wo die Naturgesetze- und konstanten herkommen. Und was ich damit mache, ist dann einfach meine Privatsache. Ich bin ein gläubiger Mensch, andere sind Atheisten oder Agnostiker, und das ist wirklich Privatangelegenheit. Die Forschung gibt auf all das keine Antwort. Wir können aufgrund unserer wissenschaftlichen Erkenntnis allerdings sagen: a) Die Welt, so, wie sie ist, funktioniert ohne Eingriff von außen, b) wo die Welt herkommt, was sie letztendlich treibt, kann man aus prinzipiellen Gründen nicht herausfinden. Das heißt, man kann weder einen Gott nachweisen oder finden noch widerlegen. Auch Plausibilitätsargumente helfen nicht weiter. Ich kann einerseits sagen, in der Welt geht es mit natürlichen Dingen zu, ganz offensichtlich, denn ich brauche keine Zauberei, um Naturvorgänge zu verstehen. Ergo wird der Urgrund für diese Welt wohl auch ein natürlicher sein. Genau so gut kann ich umgekehrt sagen, in der Natur hat immer alles eine Begründung, die eine Ebene dahinter steht. Das heißt, das, was wir jetzt hier machen, beruht letztendlich auf der Arbeit unserer Neuronen. Dahinter stehen die Biochemie und die Genetik, dahinter die Chemie und die Physik, dahinter die Quantenphysik. Hinter all dem stehen die Naturgesetze. Wer steht hinter den Naturgesetzen? Das heißt also, es gibt immer eine Ebene dahinter, also muss es auch bei der letzten innerweltlichen Ebene eine Ebene geben, die dahinter steht, außerweltlich, also Gott. Das sind beides nette Argumente, sind beides Plausibilitätsargumente, die aber nicht ziehen. So. Und wo man sich da jetzt selber positioniert, das ist und bleibt Privatsache. Antoine de Saint-Exupéry lässt den Fuchs im „Kleinen Prinzen“ sagen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar“. Die Weltsicht kann nicht aus der Wissenschaft kommen, sie liefert keine Kriterien für Gut und Böse, schlecht und richtig und falsch – Sinnkriterien, die findet man dort nicht, die müssen woanders herkommen. Fortsetzung folgt







Die Westfälische Hochschule im Netz:
www.w-hs.de

Prof. Dr. Andreas Beyer:
www.w-hs.de/erkunden/fachbereiche/ingenieur-und-naturwissenschaften/ansprechpartner/professoren-und-mitarbeiter-le-molekulare-biologie/prof-dr-andreas-beyer

Zahlen & Daten zur WHS im Hochschulranking:
ranking.zeit.de/che/de/ort/83

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