Neue Mobilität – Ein Selbstversuch zum Thema „Gut gemischt mobil“

von Volker Bruckmann

Bis ich Anfang 20 war, habe ich so gut wie jeden Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt. Problemlos!
Anfang der 90er-Jahre, mit dem Führerschein und dem ersten eigenen Auto, kam es, wie es kommen musste: das Fahrrad verstaubte langsam aber sicher in der Kellerecke. Dann und wann im Hollandurlaub erlebte es eine kurzzeitige Renaissance, aber das war‘s dann auch schon. Die Bequemlichkeit und vor allem der Vorteil der Schnelligkeit, den unzweifelhaft – manchmal aber auch nur trügerisch – das Auto bietet, hatten gesiegt.

Bis vor einigen Monaten wurde also so gut wie jeder Weg – zum Briefkasten auf der gegenüberliegenden Straßenseite bin ich dann doch noch gelaufen und zur Bank an der nächsten Straßenecke auch – mit dem Auto zurückgelegt. Die meisten von uns kennen das: zu jeder Tageszeit, unabhängig von der (Un-)zuverlässigkeit von Bus und Bahn, in der eigenen Komfortzone „Auto“ von A nach B. Das ist was Feines! Und da wird sogar der nicht allzu seltene Stau auf der täglichen Fahrtstrecke zur Arbeit als das Normalste der Welt hingenommen.

So sollte es dann also auch bei mir weitergehen, und zwar so lange, bis ich nicht mehr im Stande sein sollte, ein Auto zu lenken. Doch wie sagt man so schön? „Erstens kam es anders, und zweitens als man denkt.“ Zugegebener Weise „mit Ankündigung“ fuhr mein treues automobiles Gefährt auf dem Weg in den Osterurlaub seinen letzten Kilometer. Motorschaden mit 295.000 Kilometern – da war klar, dass der Zeitpunkt des Abschieds gekommen war.

Die Mitgliedschaft in einem Automobilclub ermöglichte die Rückreise mit einem kostenlos zur Verfügung gestellten Leihwagen, so dass die Osterreise automobil und gewohnt komfortabel beendet werden konnte.
Nach Ostern ging es wie gewohnt „an die Schüppe“, aber jetzt mit Bus und Bahn. Das Viererticket macht‘s möglich. Das Unattraktivste an der Fahrt mit Bus und Bahn schien mir das lange Warten am Hauptbahnhof auf den Anschlussbus. Tagsüber alles noch im Rahmen, aber nicht selten habe ich, wenn es abends mal später wurde, bis zu einer halben Stunde dem bunten Treiben auf dem Busbahnhof beiwohnen dürfen, bis der 383er endlich um die Ecke bog, um mich nach Ückendorf zu fahren.

 

Wer mal genauer hinschaut, bemerkt, dass es am Hauptbahnhof abschließbare Fahrradboxen gibt. Ein Schild verrät, dass sie sogar kostenlos nutzbar sind. Ein Anruf beim zuständigen städtischen Referat ergab, dass man lediglich ein ÖPNV-Abo nachweisen muss und – schwupp – steht man auf der Warteliste. Der Bedarf an den Boxen ist jedoch größer als das Angebot. Also blieb keine andere Möglichkeit, als das Fahrrad an den Fahrradständern am Südausgang anzuketten und dann per pedes, Bus oder Bahn die Reise fortzusetzen. So war eine schnelle An- und Abfahrt zum Hauptbahnhof sichergestellt – Yippiii.

Ob das Rad abends unversehrt wieder angetroffen wird, war natürlich ungewiss. Aber Alternativen waren nicht zu sehen. Zwar wurde kein einziges Mal die Luft aus den Reifen gelassen oder anderer Schabernack getrieben, doch eines Abends war ausgerechnet mein Gefährt der zentrale Versammlungspunkt der Menschen, die sich im Bereich des Südausgangs zum regelmäßigen Bierkonsum treffen. Die Menschen waren von meiner Freundlichkeit, mit der ich darum bat, einmal zur Seite zu treten, damit ich meine Drahtesel aus seiner Lage befreien konnte, sehr angetan, und wir hatten einen lustigen und freundlichen Plausch – am späten und kalten Abend. Aber mir wurde nun deutlich, dass hier nicht der perfekte Platz ist, um mein Gefährt dauerhaft und sicher zu parken.

Da das Lösen von 4er-Tickets der Preisstufe B mit der Zeit doch ein kostspieliges Unterfangen wurde und auch ein neuer motorisierter, fahrbarer Untersatz nicht kurzfristig in Sicht war, beschäftigte ich mich dann doch einmal mit dem Tarifwerk des VRR für Wochen- und Monatstickets. Ich nahm aufgrund der doch nicht ganz so günstigen Preise für die 4er-Tickets an, dass auch Monatstickets nicht viel größeren Vorteil brächten. Doch wurde ich hier positiv überrascht. Ich benötige für die Fahrt nach Essen ein Ticket der Preisstufe B, und wenn ich mich für das Ticket 2000 entschiede, wäre es mir erlaubt, jederzeit ein Fahrrad mitzunehmen, jederzeit in den Tarifgebieten rund um Gelsenkirchen zu reisen und montags bis freitags nach 19 Uhr sowie am ganzen Wochenende im gesamten VRR-Gebiet unterwegs zu sein und zu diesen Zeiten sogar einen Erwachsenen und drei Kinder auf meinem Ticket mitfahren zu lassen. Sogar eine Fahrt bis nach Venlo wäre drin! Mit 119,75 € ein für mich recht attraktives Angebot, das ich so nicht erwartet hätte. Durch die erlaubte Fahrradmitnahme war auch das Parkproblem gelöst, und ich konnte sogar in Essen mein mitgenommenes Fahrrad für die Weiterfahrt nutzen. Oder aber nach Feierabend die ca. 16 Kilometer lange und größtenteils über ruhige Straßen und grüne Wege verlaufende Strecke ohne die Zuhilfenahme von Bus und Bahn zurückfahren. Für die Fitness sicher nicht der schlechteste Plan. So war relativ schnell der Entschluss gefasst, an die glorreichen früheren Fahrradzeiten anknüpfend, das Experiment „Bike and Ride“ zu starten. Das 30 Tage-Ticket darf an einem beliebigen Tag im Monat seine Gültigkeit beginnen und gilt ab da 30 Tage. Für das Experiment eine schöne Erfindung.

Von Tag zu Tag entdeckte ich auf meinem Weg zum Hauptbahnhof optimalere Möglichkeiten, mein Fahrrad durch den dichten morgendlichen Verkehr zu lenken, in erster Linie über wenig frequentierte und ungefährlich befahrbare Strecken und welche, die mit günstigen Ampelschaltungen locken. Anders als an den ersten Tagen, hatten sich mittlerweile einige sehr attraktive Routen zwischen Zuhause und dem Hauptbahnhof herauskristallisiert. Versuch macht klug!

Während ich an den ersten Tagen und Wochen in Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen meinen Drahtesel (Baujahr 1986 und dementsprechend schwer) teilweise noch treppauf, treppab getragen habe, kenne ich nun auch an diversen Bahnhöfen die besten Wege von Aufzug zu Aufzug, so dass ein Tragen nur noch vonnöten ist, wenn mal die Technik versagt. In Aufzügen und den Nahverkehrszügen warten immer wieder kleine und nette Begegnungen mit den Mitreisenden. Das Pläuschchen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen!

Kann der Automobilist den Griffel fallen lassen, wenn es gerade passt, ist der ÖPNV-Nutzer natürlich gut beraten, seine Reisezeiten an den Fahrtzeiten der Züge zu orientieren. Die „Mutti“-App ist da eine prima Hilfe. Einen vor der Nase weggefahrenen Zug sollte man ebenso einplanen, wie einen unvermittelt ausgefallenen Zug. Ebenfalls eine längere Umsteigezeit mit dem Fahrrad, da die Kinderwagen- und Rollator-Fahrer ebenso wie Reisende mit großen Gepäckstücken Begehrlichkeiten auf den wenigen Aufzugsplatz hegen, so dass man gut beraten ist, mit Ruhe und Gelassenheit zu reisen.

Da sogar in U-Bahnen die Fahrrad-Mitnahme erlaubt ist, ist sogar die abendliche An- und Abreise per Bahn und Rad zu Orten, die sich weiter weg vom nächstgelegenen größeren Bahnhof befinden, sehr gut machbar. Und ist mal wieder die Bahn vor der Nase weggefahren, wartet man geduldig auf die nächste oder fährt die Strecke mal komplett mit dem Rad. Wenn‘s mal bergauf geht, darf auch mal geschoben werden. Der nächste Zug ab Hauptbahnhof kommt bestimmt!

Weniger schön war das Erlebnis, unabsichtlich als Schwarzfahrer bei einem Tagesausflug nach Hamm „geschnappt“ zu werden. Die wirklich leichtsinnige Annahme, dass Hamm in Westfalen zum VRR-Gebiet gehört, stellte sich leider als fataler Irrtum heraus, so dass das sogenannte „erhöhte Beförderungsentgelt“ von 60 € fällig wurde. Ärgerlich, aber sowas gehört wohl dazu, wenn man sich noch in der „Ausbildung“ befindet. Das Ereignis muss wohl in der Kategorie „Lehrgeld“ abgelegt werden.

Alles in allem ist aber mein bisheriges Resümee „Daumen hoch“. Da bisher extrem schlechtes Wetter noch nicht vorherrschte, sind noch nicht alle Eventualitäten ausgetestet, aber bisher ist das Experiment durchweg positiv. Die Staunachrichten sind plötzlich mehr als uninteressant, die Gelassenheit wächst und – last but not least – die Fitness ebenso. Warum das Ergometer treten, wenn man auch auf dem Weg zu Arbeit oder zur Uni „so ganz nebenbei“ in die Pedale treten kann? Meiner Meinung nach ist übrigens für den normalen Weg ein gut gewartetes Drei-Gänge-Rad völlig ausreichend. Der Mechaniker des Vertrauens (da gibt es in Gelsenkirchen jenseits der „Großen“ eine größere Auswahl, als man so erwartet) sollte einen regelmäßigen Blick auf das Gefährt werfen. Ich hätte es nicht erwartet, aber der Effekt, wenn der Fachmann tätig war, ist schon enorm. Die kleine Investition lohnt sich auf jeden Fall.

Auch nicht ganz unwichtig: Es macht großen Spaß, mit dem Fahrrad durch die Gegend zu sausen. Ein Hauch von Freiheit und Abenteuer weht um die Nase!

Für alle, die nun vortragen, dass man z. B. für größere Besorgungen doch mal ein Auto benötigt, sei die Empfehlung gegeben, mal einen automobilen Freund um Hilfe zu bitten oder sich mit Carsharing-Angeboten zu beschäftigten. Wer diesbezüglich von Erfahrungen berichten kann, ist herzlich eingeladen, dies hier in der isso. zu tun.

Der leidenschaftliche Ückendorfer Volker Bruckmann ist (neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit für ein Essener Unternehmen) Heimatforscher- und Sammler, sowie Vorsitzender des Heimatbundes Gelsenkirchen e.V.

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