Rücksicht vorleben – Im Gespräch mit Ina Seidel-Rarreck, Trainerin für moderne Umgangsformen

 Denise Klein: Frau Seidel-Rarreck , weshalb meinen sie, ist es nötig, den Jugendlichen von heute Benehmen beizubringen?

Ina Seidel-Rarreck: Leider impliziert die Frage ja, dass Jugendliche sich heutzutage nicht mehr benehmen können. Das kann man nicht generell so sagen. Allerdings werden in so manchen Familien viele traditionelle Umgangsformen nicht mehr bewusst gepflegt und so auch nicht mehr an die Kinder weitergegeben. Vieles muss über Kita oder Schule nachgeholt werden, was aber nicht so effektiv ist, wie das Vorleben der Umgangsformen und Tugenden innerhalb der Familie. Außerdem mischen sich seit vielen Jahren die Kulturen und wachsen zusammen, so dass man gut hinschauen muss, welche Gemeinsamkeiten wir haben, was wir bewahren wollen oder wo wir etwas Neues in unsere Kultur aufnehmen wollen.

 

War es nicht schon die Klage aller Generationen zuvor, dass die Jugend von heute sich unmöglich benehme?

Schon Goethe beschwerte sich, dass die Jugend sich nicht benehmen könne.
Frühere Zeiten waren sehr stark geprägt durch Disziplin, Respekt, Moral, Gehorsam, Unterwürfigkeit, Dienstbarkeit u.s.w.
Wenn wir mal ehrlich sind, sind wir froh, dass die Gegenspieler dieser Tugenden Freiheit und Gleichheit heißen. Leider wird das mit der Freiheit und Gleichheit oft überreizt. Wenn ein Schüler zum Beispiel zu seinem Lehrer sagt „Mann, Alter, regen Sie sich nicht so auf, ich hab doch nur kurz ´ne what’s App von meiner Mutter beantwortet“, dann muss man eindeutig sagen, dass das Maß an Freiheit und Gleichheit überschritten wurde.

 

Welchen Erfolg erzielen Sie bei den Jugendlichen? Gibt es Aha-Erlebnisse? Auf beiden Seiten?

Mir ist es wichtig, dass die Jugendlichen nicht das Abc der Umgangsformen auswendiglernen, sondern eine Kenntnis über die, in allen Weltreligionen gültigen Tugenden und deren Art der Anwendung erfahren. Wenn sie verstehen, was Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit, Friedlichkeit, Dankbarkeit oder Geduld bedeuten, können sie sich entsprechend verhalten.

Wenn man also die Schüler einer Klasse fragt, wo und wann sie in der Schule Fürsorglichkeit sehen und zur Antwort bekommt: „Die Lehrer zeigen Fürsorglichkeit, indem sie jeden Morgen zur Schule kommen und uns unterrichten.“, dann freue ich mich schon, dass es den Kindern gelingt, die Arbeit der Lehrer anzuerkennen und nicht, wie inzwischen üblich, nur über Lehrer schimpfen. Auch die Wahrnehmung der guten Charaktereigenschaften und Tugenden untereinander stärkt das Selbstwertgefühl, und sie trauen sich mehr zu. Speziell die vielen positiven Bewertungen der Schüler im Praktikum durch die Verantwortlichen in den Betrieben zeigen, dass viele der besprochene Tugenden gepflegt wurden.
Beim Training der Tischmanieren fragte mich ein Schüler, warum sie denn wissen müssten, dass man das Brot bei Tisch im Restaurant nicht als Butterbrot schmiert, sondern Stück für Stück abbricht und mit Butter bestreicht, obwohl dies nur 1 % aller Restaurantbesucher wissen. Ich gab ihm zur Antwort: “ Weil du jetzt zu dem 1% gehörst, die es vorzüglich machen.“
Bei unserem Abschlussessen im Hotel Maritim überreichte er mir einen Blumenstrauß im Namen aller Schüler und bedankte sich für die Chance, die ich ihnen gegeben habe, zu dem 1 % zu gehören.

Sind Manieren heutzutage nicht total veraltet?

Gutes Benehmen erleichtert das menschliche Miteinander, und man punktet immer, wenn man sich als vorzüglich erweist.

 

Welchen gesellschaftlichen Code erachten Sie als besonders wichtig?

Rücksicht. Friedliche gesellschaftliches Miteinander kann nur funktionieren, wenn wir auf die Bedürfnisse des anderen achten und dann mit den entsprechenden Umgangsformen reagieren. Beispielsweise erwartet ein Lehrer in der Klasse ein respektvolles Verhalten von seinen Schülern, damit in Ruhe gelernt werden kann. Also müssen die Schülerinnen und Schüler wissen, dass es für ein erfolgreiches Lernen Ruhe, Aufmerksamkeit und Stille in der Klasse braucht. Es wird heute viel über Spiegelneuronen berichtet. Das ist im Prinzip das Gleiche. Man schaut, was macht der andere und verhält sich ähnlich. Das kann man üben.

 

Was kann Familie, was kann Schule leisten, um Jugendlichen die richtigen Umgangsformen beizubringen?

Vorleben, vorleben, vorleben. Respektvollen Umgang miteinander pflegen, Grenzen setzten und friedlich bleiben. Und dann die Kleinigkeiten des guten Umgangs kurz erklären. Es ist kein Hexenwerk, wenn die Basis der Tugenden angelegt ist.

 

Ist schlechtes Benehmen eine Frage des Alters?

Nein, schlechtes Benehmen ist keine Frage des Alters, sondern des Charakters. Wer nicht gelernt hat Mensch, zwischen anderen Menschen zu sein und auch auf die Wünsche und Bedürfnisse anderer zu achten, ist ein Egoist und benimmt sich auch so. Eltern, die ihren Kindern keine Grenzen setzen, erziehen sie zu kleinen Egoisten. Ihnen wird es s im späteren Leben schwer fallen, auf die Bedürfnisse von Lehrern, Lebenspartner, Freunden und Vorgesetzten adäquat zu reagieren. Sie neigen daher häufiger zu Konflikten, die schwerer zu lösen sind. Ist man geübt im Umgang mit den Tugenden und Umgangsformen, fällt es leichter, eine für alle akzeptable Lösung zu finden und sich im Konflikt ruhig und friedlich zu verhalten. Es geht nicht darum, dass man sich durchsetzt, sondern seine Interessen freundlich und friedlich unterbreitet.

 

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