Timewarp Records: Ein Plattenladen für Rock- und Heavy-Fans

Ein Interview von Alexander Welp Musik zum Anfassen, zum Zelebrieren, zum Genießen – ein Gefühl von purer Lebensqualität, das man nur beim Auflegen der guten alten Schallplatte geboten bekommt. Klar, in den letzten Jahren hat sich das Hörverhalten vieler Leute durch Spotify, Amazon Music und Co. stark verändert: Fast alle Alben und Songs sind online, stets verfügbar und auf Knopfdruck hörbar. Doch das Erlebnis, wenn man die kreisrunde Scheibe aus der Hülle holt, das Artwork des Covers betrachtet und die Nadel des Plattenspielers sanft in die Rillen des Tonträgers fährt, ist durch nichts zu ersetzen. Für Musikliebhaber*innen war es deshalb ein riesengroßes Geschenk, als im August Timewarp Records seine Tore öffnete. Beim Besuch des Plattenladens in Gelsenkirchen-Horst wird schnell klar: Hier wird Musik gelebt! Die liebevolle Einrichtung, eine große Auswahl von Vinyls und CDs sowie der kundenfreundliche Service von Inhaber Thorsten Kotzan überzeugen auf den ersten Blick. Im Gespräch erzählt der gebürtige Bielefelder und Musikexperte wie er auf die Idee für den Laden kam, warum Vinyl nie aussterben wird und was es mit der „Local Hero Box“ auf sich hat.

Einstiegsfrage für Musikfans: Stones oder Beatles?

Thorsten Kotzan: Stones, ganz klar! Die sind einfach härter. (lacht) Die Beatles waren mir immer zu soft.

Klare Antwort! Timewarp Records gibt es jetzt seit August und ist der einzige Plattenladen, den wir in Gelsenkirchen haben. Woher kam die Idee?
Ich lebe ja jetzt seit knapp 20 Jahren in Gelsenkirchen, habe zuvor als Friseur- Meister und im Informatikbereich gearbeitet. Nachdem die letzte Firma, bei der ich angestellt war, geschlossen wurde, war ich zwei Jahre lang arbeitslos. In dieser Zeit war ich bei über 250 Vorstellungsgesprächen – ohne Erfolg. Irgendwann dachte ich mir nur: „So kann es ja nicht weitergehen!“ Da ich seit den 80ern privat schon immer mit Musik zu tun hatte und eine große Schallplattensammlung besaß, reifte die Idee für den Laden. Also habe ich mich hingesetzt, 80 Seiten Businessplan geschrieben und meiner Bank vorgelegt. Der Sachbearbeiter war sofort auf meiner Seite, fand den Plan super ausgearbeitet und gab mir direkt das OK. Nachdem alles Bürokratische geklärt war, wollte ich ja eigentlich schon am 1. März öffnen, nur dann kam ja leider meine Freundin Corona zu Besuch. Deswegen hat sich das leider bis in den August verzögert, aber seitdem läuft das hier rund. Mir macht jeder Tag Spaß, und ich bin mit Herzblut dabei!
Hat Gelsenkirchen ein Plattenladen überhaupt gefehlt?
 Aber absolut!
Woran machst Du das fest?
Das sehe ich bei meinen Kunden. Die sagen ja alle: „Hey, endlich gibt’s auch hier einen vernünftigen Plattenladen!“ Die Leute sind einfach heiß drauf. Als Beispiel: In den Kaufhäusern auf der Bahnhofstraße gibt es ja auch Platten. Das Problem ist aber, dass man dort nicht wirklich Probe hören kann. Ich habe hier ja Plattenspieler und CD-Player, mit denen man vor Ort direkt testen kann – wie früher halt! Man kann die Platten ansehen, das Booklet aufklappen und darin blättern. Das kann man in anderen Läden nicht.

Hier ist es halt gemütlicher!
 Richtig! Die Atmosphäre ist einladend, und die Leute sollen sich wohlfühlen. Einfach auch mal etwas stöbern und Musik entdecken – das macht die Kunden happy.
Ist es aber in unserer Zeit nicht doch etwas gewagt, einen Plattenladen aufzumachen?
Eigentlich ja. Aber das ganze Feeling von Vinyl wird mir online einfach nicht geboten. Allein die Cover kommen bei einer 30 cm Platte ganz anders rüber. Hologramme oder andere künstlerische Facetten beim Artwork sind für Liebhaber schon relevant. Das Hören einer Schallplatte ist ja auch irgendwie ein Ritual: Du nimmst die Scheibe aus der Hülle, legst sie auf den Plattenteller und setzt den Arm vorsichtig drauf – herrlich! Und das Wichtigste ist natürlich der Klang. Du kannst mir erzählen, was du willst, aber der Sound einer Schallplatte ist unerreicht. Das merkt man auch daran, dass immer mehr Vinyls wieder auf den Markt kommen. Natürlich haben mich viele Leute trotzdem für verrückt erklärt, aber davon habe ich mich zu keinem Zeitpunkt beirren lassen. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann mache ich das auch!
Wenn man sich hier ein wenig umschaut, merkt man ja sofort, dass es bei Dir musikalisch in eine bestimmte Richtung geht. Der Rock hat hier Vorrang, oder?
(lacht) Schlager und Klassik kommen hier nicht rein!
Warum?
Ganz einfach, weil ich mich damit nicht identifizieren kann. Wenn ich als Anbieter etwas verkaufen möchte, dann muss ich dahinter stehen. Ansonsten könnte ich nicht beraten und empfehlen – geht einfach nicht. Deswegen gibt es bei mir auch nur rockige Sachen. Punk, Heavy-Metal und ausgewählte Platten aus dem Bereich Pop, zum Beispiel Alben von New Order. Das liegt aber auch an meinem eigenen musikalischen Hintergrund. Ich war früher jahrelang Bassist in mehreren Metal Bands – (lacht) groß rausgekommen sind wir leider nie.
Obwohl Timewarp Records von der Fläche ja nicht der allergrößte Laden ist, die Auswahl ist schon mächtig. Wie baut man sich das eigentlich auf, wenn man einen Plattenladen eröffnen möchte?
Ich hatte durch meine private Sammlung schon ein gutes Standbein. Für den Laden habe ich mit verschiedenen Labels Kontakt aufgenommen und Kooperationsverträge geschlossen, damit ich die Neuware bekomme. Da ich auch An- und Verkauf anbiete, kommen aber auch immer wieder Kunden mit eigenen Platten vorbei. Ganz fair gehe ich dann mit den Leuten zusammen alles durch und nehme einige Stücke in meine Sammlung mit auf. Kundenkontakt, Service und Ehrlichkeit stehen bei mir an erster Stelle, und die Resonanz ist bisher durchweg positiv. Das liegt aber auch daran, dass ich auf Facebook sehr aktiv bin, und auch einige Aktionen gestartet habe.
Thomas Such von Sodom (eine der erfolgreichsten deutschen Metal Bands; Anm. d. Red.) war schon in Deinem Laden, nicht wahr?
Tom und ich sind schon seit Jahren dicke Kumpels. Als er hörte, dass ich den Laden eröffne, wollte er mir etwas unter die Arme greifen. Zum Beispiel gibt es nur bei mir und in seinem Shop die Schutzmasken mit dem Sodom Aufdruck. Oder wenn ein Kunde eine Sodom-Platte kaufen möchte, haben wir das auch schon mal so gemacht, dass Tom ein Autogramm mit beigesteuert hat – er ist ja sowieso öfter mal hier im Laden. Am 27. November kommt ja auch die neue Scheibe der Band raus. Danach wird es dann auch hier im Laden eine Autogramm-Session mit der ganzen Band geben. Dazu kommt dann natürlich rechtzeitig noch eine Ankündigung.
Ein anderes Projekt ist ja die sogenannte „Local Hero Box“. Was hat es denn damit auf sich?
Da ich ja selbst aus der Musikbranche komme, kenne ich die Probleme der Bands. Aufgrund von Corona gab es keine Auftritte, die als Einnahmequelle für die kleineren Bands so wichtig sind. Bei diesen Konzerten verkaufen die Bands sonst ihre Alben und Merchandise – fiel auch weg. Als Besitzer eines Plattenladens will ich diese Bands unterstützen. Mit der „Local Hero Box“ habe ich die Scheiben eben solcher lokalen Bands aufgenommen und verkaufe sie hier im Laden. Der Erlös geht dabei auch komplett an die Bands, ich selbst verdiene daran nichts. Das ist reiner Support, der auch in Zukunft fortgesetzt wird. Die Musik der Bands lasse ich auch hin und wieder im Hintergrund laufen, damit meine Kunden darauf aufmerksam werden. Manche Bands waren sogar schon ausverkauft und mussten mehrfach nachliefern.
Das ist wahre Leidenschaft für die Musik! Vielen Dank für das tolle Gespräch. www.timewarp-records.de Essener Str. 37, 45899 Gelsenkirchen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code