Urbanität und strukturelle Armut

Denise Klein im Gespräch
mit dem Stadtsoziologen Frank Eckhardt

Denise Klein: Herr Eckhardt, womit genau beschäftigen Sie sich in Ihrer Eigenschaft als Stadtsoziologe? Welche Daten verwenden Sie, um Ihre Erkenntnisse zu gewinnen?

Frank Eckhardt: Als Stadtsoziologe interessiert mich die Frage, in welcher Weise sich Städte entwickeln und welche Auswirkungen der Wandel auf die betroffenen Menschen hat. Dazu benutze ich alle möglichen Daten, etwa die des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung und anderer Regierungsstellen. Allerdings lassen diese viele Fragen offen, so dass ich mich auch um die Generierung eigener Daten bemühe. Das geht aber in der Regel eher auf der Basis vertiefender Befragungen, die nicht alle Menschen repräsentieren können.

Sie sind gebürtiger Gelsenkirchener und kommen hin und wieder in die Stadt. Ist eine Veränderung für Sie sichtbar? Wenn ja, woran machen Sie das aus? Wenn ja, wo liegt die Hauptproblematik Gelsenkirchens für Sie?

Da ich seit 30 Jahren die Stadt regelmäßig besuche, aber mich nicht permanent in ihr aufhalte, frage ich mich jedesmal, was jetzt wieder anders ist. Das tut man als Bewohner einer Stadt so eher selten. Mein Blick ist natürlich davon geprägt, dass ich vor allem in Bismarck und Schalke meine Familie besuche. Gelegentliche Besuche in Ückendorf oder Bulmke zeigen mir aber kein anderes Bild. Aus meiner Sicht ist die Armut das größte Problem der Stadt. Ich kann leider nicht erkennen, dass sich Entwicklungen zum Positiven abzeichnen würden. Die Armut prägt die Stadt so sehr, dass sie nicht nur als das Ergebnis eines langen Abstiegs vom einstmaligen Industrie-Standort zu verstehen ist, sondern sie ist ein Problem für sich.
Um das zu erklären, vielleicht ein Beispiel: Überall setzen sich die Dienstleistungsgesellschaften zuerst mit Niedrigangeboten durch, wenn Städte sozusagen „die Kurve“ kriegen. Am ehesten fällt dies mit dem Anwachsen von Friseurläden auf. Jede(r) kann so einen Laden aufmachen, zumindest zu Beginn braucht man keinen Meistertitel. Wenn Menschen aber so arm sind, dass sie nichtmal mehr zum Friseur gehen, dann ist die Armut zu einem strukturellen Problem geworden.
Der Friseurladen an der Schalke Meile steht nun seit Jahren leer. Weit und breit wäre auch niemand da, der dort hingehen könnte. Aus der Uechtingstraße sind jene Rentner verschwunden, denen das ein paar Euro wert gewesen wäre. In den drei Jahrzehnten, die ich dort den Abstieg beobachten kann, schmerzt es zu sehen, wie ein Ende nach unten nicht absehbar ist. Erst schlossen die Fachgeschäfte, dann die kleinen Läden, dann die Apotheke, dann der Friseurladen…

Gelsenkirchen ist immer wieder Schlusslicht in vielen städte-, landes- und bundesweiten Rankings. Die Kinderarmut ist mit rund 40% bei den unter 18-Jährigen hier am höchsten. Seit 2011 ist das eine Zunahme von fast 27 Prozentpunkten. Gelsenkirchen rühmt sich, mit dem Landesprogramm „Kein Kind zurücklassen“ viel für Kinder dieser Stadt getan zu haben. Wie ist Ihre Einschätzung zum Status quo in dieser Sache?

Rankings sollte man immer kritisch betrachten. Die dort vorgelegten Zahlen sind aber dennoch aussagekräftig. Für mich unterstützen sie meine Beobachtung, dass sich eine strukturelle Armut etabliert hat, die sich vom Strukturwandel der Wirtschaft als Problemfeld losgelöst hat und auch durch Zunahme von Jobs nicht veringert wird. Steigende Armut trotz sinkender Arbeitslosigkeit passt nicht in die bestehenden Erklärungsmodelle, denen zufolge es irgendwie dann für alle besser gehen sollte, wenn mehr Arbeit entsteht.
Die Anerkennung einer neuen lokalen Exklusion bedeutet, dass man auch die politischen Programme anders einschätzen muss. Mein Eindruck ist, dass es in der Gelsenkirchener Politik nicht an Willen und Einsatz mangelt, um sich mit der Kinderarmut auseinanderzusetzen. Bildung ist aber leider kein Allheilmittel gegen Kinderarmut und die wachsende soziale Ungleichheit.

Die Bundesregierung sieht in Gelsenkirchen eine Stadt mit „unterdurchschnittlichen Lebensverhältnissen“. Teilen Sie diese Einschätzung? Wenn ja, sind diese Probleme hausgemacht?

Gelsenkirchen als „abgehängt“ einzustufen, ist stigmatisierend und dumm. Die Problematik der sozialen Ausgrenzung vieler Menschen in der Stadt hat in erster Linie damit zu tun, dass sich unsere Gesellschaft als Ganzes fragmentiert und so etwas wie der „soziale Kitt“ auseinander geht. Auch in den wohlhabenden Städten Deutschlands ist dies zu erkennen. Die soziale Segregation nimmt überall zu. In einer Stadt wie Gelsenkirchen ist das aber umso gravierender, weil kein genuin bürgerliches Milieu historisch herangewachsen ist, das als Gewinner dieses Prozesses ausgleichend hätte agieren können.
Ich glaube, dass die Spielräume der Kommunalpolitik begrenzt sind. Inwieweit sie sie zu nutzen weiß, müsste man detailliert und differenziert diskutieren. Dringend erscheint mir aber, dass neue Ideen und Initiativen unterstützt werden müssten, die einer fatalistischen Stimmung entgegen wirken.

Die Stadtspitze reagierte auf das Label „abgehängt“ mit einer Presseerklärung. Wie schätzen Sie diese Reaktion ein?

Die Stadtoberen reagieren auf solche Rankings und Etikettierungen immer sehr sensibel. Man kann wirklich die Frage stellen, ob das nützt oder nur zu einer defensiven Haltung beiträgt. Vielleicht fehlt es hier dann doch an einer gewissen Souveränität. Berlin war einmal „arm aber sexy“. Gelsenkirchen sollte eine ähnliche Erzählung über sich finden, mit der sie solche Negativ-Schlagzeilen abwehren kann. Das benötigen die Menschen der Stadt mehr, als eine selbstbezogene Verteidigung.

Kann man Gelsenkirchen überhaupt als „urban“ bezeichnen? Wie definiert die Wissenschaft diesen Begriff? Und trifft er auf uns zu?

Es gibt keinen einheitlichen Urbanitätsbegriff. Viele Stadtforscher werden aber sicherlich zustimmen, dass es darum geht, dass unterschiedliche Menschen einen Ort zum Wohnen und Leben teilen und dabei friedlich – nicht unbedingt freundschaftlich – mit einander umgehen. Wenn sich meine Mutter ein altes Zechenhaus mit einer türkischstämmigen Familie teilt und man sich gegenseitig trotz Sprach-, Kultur- und Religionsunterschieden hift und mit Sympathie begegnet, dann ist das für mich ein urbaner Ort. Wenn man am Kanal eine Siedlung für einen uniformen Lebensstil der Mittelschicht baut, in der es vermutlich keine armen Menschen geben wird, dann ist das wenig urban.

Haben Sie einen „heißen“ Tipp für eine bessere Zukunft Gelsenkirchens und seiner Menschen? Was macht GE richtig? Was falsch?

Der Leerstand in Gelsenkirchen und die teilweise maroden Gebäude in vielen Teilen der Stadt sind der Ansatzpunkt, um nach Freiräumen zu suchen, in denen eventuell etwas Neues entstehen kann. Die sogenannten Armutsmigranten aus Rumänien und Bulgarien haben dies schon längst erkannt, aber sie nutzen dies in vieler Hinsicht sehr problematisch. Die Stadt sollte damit nicht nur restriktiv umgehen, sie müsste auch neue Konzepte entwickeln, wie aus den Schrottimmobilien wieder nutzbare und attraktive Orte gemacht werden können. Hierzu fehlt der Stadt als ehemalige Malocher-Heimat das „kreative Potential“. Ückendorf als Kreativquartier zu benennen, ist ein vager Schritt in diese Richtung. Hier wäre mehr nötig, und auch andere Gruppen sollten angesprochen werden.
In Ostdeutschland hat man überall Rückkehrer-Büros eingerichtet, damit die ostdeutschen Abwanderer in den Westen mit der Rente wieder zurückkehren. Ich hoffe, dass Gelsenkirchen spätestens in 16 Jahren, wenn ich in Rente gehe, einen Gesprächspartner anbieten kann.


Frank Eckardt (*1967) wuchs in Bulmke und Schalke auf und verließ Gelsenkirchen, um seinen Zivildienst in einem Rotterdamer Flüchtlingsheim zu absolvieren. Es folgten eine Psychiatrie-Ausbildung in den Niederlanden und ein Studium der Politikwissenschaften an der Universität Kassel. Seit 2009 ist Frank Eckhardt Professor für Stadtsoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar, wo er Stadtplaner ausbildet.

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