Wie wollen wir leben? – Warum gutes Benehmen die Gesellschaft stärkt

 

Dummschwätzer. Psychopathisch. So war zuletzt im Ratssaal in unserer Stadt zu hören. Die feine Art ist das nicht. Die politische Sprache spiegelt letztlich auch die Art des Umgangs der Gesamtgesellschaft wider. Im Netz, in den Kommentaren wird immer mehr drauf gedroschen. Nur wenig findet eine angemessene Diskussion mit sachlichen Argumenten statt. Schnell zur Hand sind Beleidigungen wie Hetzer, Gutmensch, Aluhutträger, Dreckspack, Nazi; man mag es nicht mehr lesen. In den Schulen sind es eher die „bitch“ oder „schwul“, um zu verunglimpfen. Haben Beleidigungen und schlechter Umgang, Respektlosigkeit und sowohl verbale als auch körperliche Übergriffe tatsächlich zugenommen? Ist das ein neues Phänomen? Oder nur die subjektive Wahrnehmung der einzelnen, die aber die gesamte Realität nicht abbildet? Alles nur durch das Internet präsenter? Wahr ist sicherlich, dass Gesellschaft schon immer eine wandelnde Sache war. Jugend rebellierte, schockierte, begehrte gegen Vorgelebtes der älteren Generation auf.

Dafür musste man schon ordentlich empören. Doch leben wir alle noch nach denselben sozialen Codes, die einvernehmlich unser Miteinander bestimmen? Spielt Höflichkeit, spielen Manieren eine immer untergeordnete Rolle? Das wird wohl an jedem einzelnen selbst liegen. Setzen wir unser Recht, Vorfahrt zu haben, konsequent durch oder lassen wir den Wartenden mal eher einfädeln? Sind wir dabei, wenn gemobbt wird? Die Grundlage, ob wir uns als Teil eines Ganzen sehen, ob wir in der Lage sind, uns zurückzunehmen und anderen den Vortritt lassen, ob wir uns einsetzen für den Schwachen, ob wir uns gegen Ungerechtigkeit einsetzen, wird durch unsere frühesten Erfahrung in der Familie gelegt. Den Rest erledigt das weitere Umfeld. Wenn es da verpasst wurde, wird es umso schwerer, sozial in kompatiblesVerhalten zu korrigieren.

Freundschaftlich, solidarisch, kulturübergreifend, gemütlich, spaßig – so wollen wir leben.

 

Ina Seidel-Rarreck ver sucht es. Sie hat ein Konzept entwickelt, um Jugendliche auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nicht, dass sie diesen zuvor verlassen hätten, vielmehr sind viele nie auf ihm gewandelt. Über zwei Jahre lang besuchte die gelernte Tanzlehrerin einmal in der Woche die neunte und zehnte Klasse der Malteserschule, um mit ihrem Kurs den Jugendlichen ein bisschen Handwerkszeug für ihre berufliche und gesellschaftliche Zukunft mitzugeben. Finanziert wurden der Kurs und der durchaus edle Restaurantbesuch im Maritim durch die Manuel-Neuer-Stiftung, die in dem Angebot großes Potenzial und viel Bedarf sieht.

„Gutes Benehmen resultiert ja aus der menschlichen Tugendhaftigkeit. Ich benehme mich also so, dass ich niemandem schade, sogar behilflich bin“, erklärt die Tanzlehrerin, die sehr gut weiß, worauf es ankommt, damit es zwischen Menschen klappt. Dabei ist Tugend beileibe kein feststehender Wert, in jeder Gesellschaft wird er verhandelt, entwickelt sich, wird lässlich, neue kommen hinzu. Seien es die stereotypen weiblichen Tugenden, die männlichen Tugenden, die deutschen Tugenden, die weltlichen, die geistlichen Kardinaltugenden. Sie sind sicherlich auch ein Instrument, dem einzelnen ein Stück individueller Freiheit zu nehmen oder feste Machtstrukturen zu erhalten. Doch sie dienen auch dazu, den größtmöglichen sozialen Frieden zu erhalten.

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