Digitaler Paradigmenwechsel – Virtueller Realaufschlag in Ückendorf

Es mag pathetisch klingen; doch sicher ist, dass sich die Digitalisierung rasant verändert, und mit der Virtuellen Realität als Kampfbegriff scheint ihre Revolutionierung bevorzustehen. Manche kommen heute schon nicht mehr mit. Das geht nicht nur Menschen ab 40 Jahren so, die sich nicht als „digital natives“ bezeichnen können, sondern die Komplexität und das schier unendliche Angebot von digitalen Anwendungen können schon hin und wieder überfordern.

Doch das Potenzial, welches die Weiterentwicklung der Virtuellen Realität (VR) birgt, ist nicht zu unterschätzen. Und hier geht es weit über das Feld des Spielens hinaus. Was lange Zeit als reine Science Fiction die Fantasie und Begehrlichkeiten der Menschen geweckt hat, ist mittlerweile durch die immer weiter entwickelte Technologie greifbare Wirklichkeit geworden. Seit rund zwei Jahren ist das Eintauchen in künstliche Welten wirklich attraktiv geworden. Schnellere, leistungsstarke Grafikkarten, Smartphones und VR-Brillen sind nicht mehr nur den Freaks zugänglich. Doch wie können die normalen Nutzer, die nicht über Spezialwissen verfügen, sich diese Welt zueigen machen? Am besten mit der traditionellsten Methode schlechthin: dem Ausprobieren. Und das kann der interessierte User vom 19. bis 22. April ganz einfach mal selbst testen. Beim ersten VR-Festival.

Und dieses Ereignis kommt nicht nur erstmalig nach Deutschland und nicht einfach nur nach Gelsenkirchen, sondern mitten in die raue Reality Ückendorfs. Dieses charmante Aufeinandertreffen von hipper Digitalkultur und bröckeligem, angegrautem Schmuddelkindimage ist seit einiger Zeit das Pfund des sich entwickelnden Stadtteils. „Places_2018“, so der Titel der ersten frei zugänglichen Großveranstaltung, die, über drei Tage und verschiedenste Orte verstreut, zum Mit- und Schlaumachen einlädt. „Wir spielen hier den Underdog-Faktor aus“, sagt Matthias Krentzek, Mitglied der Insane Urban Cowboys. Der Verein aus jungen Künstlern, Kulturschaffenden und Unternehmern veranstaltet gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Gelsenkirchen das Festival und will damit VR als Szene am Standort verankern. „Unsere Idee war, dass wir Hightech in Lowtech-Orten anbieten“, ergänzt Vereinskollege Roman Milenski.

Einen ersten Pionieraufschlag machten im Jahr 2017 die Brüder Florian und Patrick Becker, als sie den VRoom in der Bochumer Straße 102 eröffneten. Hier können sich Besucher mittels einer VR-Brille in andere Welten begeben. Und beim Thema VR geht noch mehr, sind sich Milenski und Krentzek sicher. Man stehe kurz vor dem Durchbruch zur großen Kommerzialisierung, sprich: die VR ist ein riesiger Wachstumsmarkt, den die Insane Urban Cowboys gerne ins Quartier holen, halten und weiterentwickeln möchten. Und die Bedingungen dafür sind gut. Die muss man auch bieten, wenn man Startups, die gerade in diesem Sektor besonders aktiv sind, herholen will. Interessant sind da weniger die Büroparks auf der grünen Wiese, sondern vielmehr kurze Wege, kurze Drähte, günstige Mieten, gute Bus-, Bahn-, und Autobahnverbindungen und – nicht zu unterschätzen – ein bisschen Subkulturflair.

Der Fokus des Festivals, das dezentral entlang der Bochumer Straße geplant ist, wird auf der Anwendung liegen, weniger auf der Hardware. „Wir wollen zeigen, was VR alles kann. Wir initiieren Fachvorträge und Workshops und loben auch einen Entwicklerwettbewerb aus. Wir wollen die guten Leute hierher holen“, so Matthias Krentzek. Und das zu beackernde Feld ist ein riesiges. Wissenschaft, Architektur, Medizin, Forschung, hochspezialisierte Anlageplanungen; das sind nur einige Anwendungsbereiche, die sich immer mehr der VR-Technik bedienen. In der Psychologie und Neurologie wird die VR bei der Therapie von Phobien oder bei der Reha von Schlaganfallpatienten eingesetzt. Im Geschichtsunterricht könnte man sich auf den Straßen von Paris im Jahr 1789 umschauen – obwohl das wohl nicht jugendfrei wäre.

Das Programm steht soweit, doch noch ist so viel zu tun, so viel zu planen, zu mailen und zu telefonieren, da die Veranstalter quasi noch bis kurz vor Schluss alles rausholen wollen. Denn die Insane Urban Cowboys sind nicht nur hochmotiviert, sondern sie wollen auch die ersten sein. Sie wollen diese Möglichkeit, Geld und Knowhow nach Ückendorf zu holen, nicht an sich vorbeiziehen lassen. Ein bisschen hat das Ganze den Verve einer Goldgräberstimmung, den nicht nur Ückendorf, vielmehr Gelsenkirchen dringend nötig hat.

Link zum Places Festival

 

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