Auf dem dünnen Eis der Meinungsfreiheit

Ein Balanceakt zwischen Dur und Moll –
Zu Besuch bei Detlef „Magic“ Lauster

von Astrid Becker

Der 12. Mai 2017 auf der Hochstraße in Buer. Große Gruppen von Demonstranten mit Schildern gegen Rechts haben sich positioniert. Trillerpfeifen schrillen. Sprechchöre erschallen: „Haut ab! Haut ab!“ Gemeint ist das Wahlkampfteam der AfD, das hier eine Bühne aufgebaut hat, abgeriegelt von der Polizei. Frauke Petry wird erwartet, letzten Endes schafft sie es jedoch nicht bis zum umbrausten Veranstaltungsort.

Auch „Nazi“ und „brauner Barde“ wird gerufen, teils mit bedrohlich hochgereckten Fäusten – das gilt Detlef „Magic“ Lauster, dem Gelsenkirchener Schlagersänger, der im Vorfeld angekündigt hatte, das Steigerlied singen zu wollen – „für die AfD“. Lauster war bisher eher für schmissige Songs und Partylaune bekannt und auch geschätzt, weniger für politische Statements. Nun aber positioniert er sich öffentlich für eine Partei, die Deutschland spaltet, wie kaum eine zuvor, eine Partei, die fast synonym für einen neuen Rechtsruck im Land steht. Und dann soll es auch noch das Steigerlied sein, ausgerechnet das traditionelle Bergmannslied, die inoffizielle Hymne der Stadt als Wahlkampfsong für eine rechte Partei. Viele empfinden das als besonderen Affront.

Im Steigerhemd betritt Lauster die Bühne, dicht hinter ihm die unablässige Klangkulisse aus Pfiffen, Rufen, Trillerpfeifen. Er sei nicht aggressiv, sagt er ins Mikro, er sei es nie gewesen, und wer ihn kenne, wisse das auch. Genausowenig sei er ein Nazi, und gerade im Moment habe er vor allem Angst, das gebe er offen zu: „Ich hab Schiss, mach‘s aber trotzdem.“ Er wolle in Deutschland ohne Angst und Terror leben können, deshalb stehe er nun hier und nehme all seinen Mut zusammen. Dann stimmt er das Steigerlied an, spielt auch noch weitere Songs aus seinem Repertoire, circa 25 Minuten dauert sein Auftritt letztlich.

Allein die Ankündigung dieses 12. Mai hatte ihn bereits Engagements gekostet. Seither findet er kaum noch Auftrittsmöglichkeiten, Freunde haben sich von ihm abgewendet, seine Karriere scheint vorerst beendet. In der traditionell sozialdemokratisch regierten Stadt hatte es sehr schnell die Runde gemacht: Lauster singt für die AfD. Lauster ist jetzt rechts. In weiten Teilen der Gelsenkirchener Öffentlichkeit ist das praktisch gleichbedeutend mit: Lauster ist gestorben. Passé.

Ein Gespräch mit jemandem, der sich dergestalt ins politische Abseits manövriert hat, ist kein einfaches Terrain. Allein die Tatsache, dass ein Magazin wie isso. mit ihm spricht, gilt manchen in der Stadt vielleicht schon als Unmöglichkeit. Wir aber wollen die Zusammenhänge und Beweggründe verstehen, die einen vormals beliebten Schlagersänger, der noch Monate zuvor für Flüchtlingskinder gesungen hatte, zum Wahlkampfauftritt für die AfD führten. Nicht weniger von Interesse ist dabei die Reaktion der Stadtgesellschaft, von Fangemeinde bis Stadtverwaltung, auf ein musikalisch-politisches Event sowie der Nachgang zu diesem Bueraner Ereignis.

Detlef Lauster, Jahrgang 1962, Gelsenkirchener mit Geburtsort Hagen, ist ein einfacher Mann. Das sagt er von sich selbst und meint damit seine Herkunft mit Hauptschulabschluss und Schlossertätigkeit unter Tage, die er sieben Jahre lang eher ungern ausübte. Viel lieber wäre er, der Jimi-Hendrix-Fan, gleich Musiker geworden, aber davon würde man ja nicht leben können. Das bekam er von den Eltern mit auf den Weg, so machte er konsequenterweise eine Lehre. Aber die Musik blieb Thema, Ende der 70er Jahre wurde eine Band gegründet, und irgendwann folgten die ersten publikumswirksamen Titel und Aufnahmen, bei denen sich die ungeliebte Arbeit unter Tage dann zumindest imagewirksam als „Singender Bergmann“ umsetzen ließ. Rund 300 Titel habe er geschrieben, von denen 200 im aktiven Repertoire seien – von „Nackich hab ich Dich am liebsten“ über „Das Mallorca-Lied“ bis hin zu „Gelsenkirchen – der Weg, der sich lohnt!“

Detlef Lauster produziert Schlagermusik, dementsprechend präsentiert er sich auf den Fotos im weltweit-virtuellen Netz und bei sich zuhause an der Wand im freundlich-persönlich gestalteten Heim – sonnengebräunt, dynamisch, sportlich – ein Typ, auf den Frauen stehen. „Wein, Weib und Gesang“, später Familie und Aufträge im Rhythmus von Schalke, dazwischen Musik auf der „Schinkenmeile von Mallorca“, so beschreibt der Musiker sein Leben – ein Leben, das so schön hätte sein können, wenn, ja, wenn das liebe Geld nicht wäre. Detlef „Magic“ Lauster (das „Magic“ erfanden übrigen die Fans für ihn, als es um einen Künstlernamen ging und ihm so recht keiner einfallen wollte) fühlt sich betrogen. Und das im großen Stil und schon seit geraumer Zeit. Betrogen um Chancen und Mitspracherechte in Hinsicht auf Tantiemen und mediale Öffentlichkeit, die ihm ein Auskommen als Musiker gewährleisten sollten.

Lausters Weg zur AfD oder allgemeiner gesagt: zum Politischen, beginnt schleichend. Der Grat zwischen politischer Orientierungslosigkeit und substantieller Überzeugung ist schmal, und Differenzierung tut not. Holen wir kurz aus.

Als sich im Rahmen von Ruhr2010 die Verantwortlichen mit der Beauftragung lokaler Künstler und Kreativer zur Gestaltung der Festivitäten nennenswert schwer taten (man erinnere sich nur daran, wie die Gelsenkirchener Künstlerin Claudia Lüke damals entnervt das Handtuch warf und ihre Kolleg/innen unter dem Motto „abGEhängt“ frusterprobt ihre Kunst-Banner über die Hauptstraße in GE-City drapierten), da trat das damalige SPD-Mitglied Detlef Lauster kurzerhand aus der Partei aus. Zu sehr enttäuschte ihn die mangelnde Förderung der lokalen Szene, nicht nur der Lausterschen Musik, sondern der gesamten Musikszene des Ruhrgebiets, auch türkische oder Klänge anderer ethnischer Herkunft würden einfach ignoriert. Und das habe System.

Politik als Erfüllungsgehilfin eigener Bedürfnisse?

Hier schlägt die Ernüchterung in Zorn um. Es habe sich seitdem nichts verändert. Und er erzählt, dass die SPD-Anteile am Lokalradio NRW und an Verlagen halte, und von der Rolle eines Heiko Maas, seines Zeichens Bundesjustizminister. Dieser mische kräftig mit bei der Festlegung von Verteilungsgerechtigkeit der medialen Verwertungsinstitutionen. Es gebe da zum Beispiel die GVL, die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten, und diese sei in höchstem Maße ungerecht, unterscheide zwischen stimmberechtigten „Mitgliedern“ und bloßen „Berechtigten“, so dass Detlef Lauster bei für ihn relevanten Entscheidungen nicht einmal beteiligt würde. „Alles elitär“, schimpft Lauster sichtbar erregt.

Der Blick ins Netz scheint Lausters Aussagen zumindest in Teilen zu bestätigen. Das Thema zieht Kreise, und Maas ist kein allzu beliebter Mann. Recherchiert man ein wenig weiter, fallen einem Meldungen ins Auge wie: „Funke Mediengruppe spendet an CDU“ (oder war es umgekehrt?), „Medienminister hält viele Anteile und füttert sich damit selbst“, „Mit Zugeständnissen für Verleger – So will Heiko Maas das Urheberrecht reformieren“ – die Liste könnte endlos weitergeführt werden. Bereicherung ist in manchen Sparten heute offensichtlich weniger als ein Kavaliersdelikt.

Die Lokalradios seien ein Witz, so Lauster weiter, kämen sie doch ihrem augenscheinlichen Auftrag, lokalen Musikern eine Plattform zu bieten, nicht im Mindesten nach. Oder würden uns etwa spontan Titel aus dem Ruhrgebiet einfallen, die dort gespielt würden, fragt er rhetorisch in die Runde. Selbstverständlich(?) fallen uns keine ein. Der Redaktionskollege am Tisch weiß anzumerken, dass eine zentrale Musikredaktion in Oberhausen die Titelfolge für alle Lokalradios festlegt.

Eben deshalb bliebe nichts für den „Kleinen Lauster“, wie er sich selbst bezeichnet. Ohnehin habe der Schlager ja keine Lobby mehr, das sehe man am Profilwechsel bei WDR4. Auch die Öffentlich-rechtlichen kommen bei Lauster nicht besser weg, hielten sie doch ihren „Kölschen Klüngel“ fest beisammen, da würden die lokalen Größen nämlich durchaus gespielt: BAP, die Höhner – aber eben niemand aus dem Ruhrgebiet.

Quo vadis oder das bedenkliche Schlingern im Rechtsaußen

Es sind offenbar nachvollziehbare Gründe, die Detlef Lausters kritische Haltung gegenüber der Medienlandschaft beförderten und befördern. Aber rechtfertigt dies einen Wandel von links nach rechts, vom Bespaßer von Flüchtlingskindern im Rahmen einer von der Taskforce organisierten Feier zum AfD-Supporter bei einer Wahlkampfveranstaltung? Noch im vergangenen Jahr habe er sogar einmal für die MLPD gesungen, erzählt er, ohne im Übrigen gewusst zu haben, dass die ja die Demokratie abschaffen wolle.

Im Laufe des Gespräches wird zumindest eines deutlich: Es geht Lauster um mediale Präsenz, um Verteilungsgerechtigkeit und damit schließlich auch um Finanzielles. All das fehlt ihm, und er hofft, dass die AfD mit ihrer ausgeprägten Anti-GEZ-Haltung und einem von Lauster postulierten Lokalbezug das durchsetzen kann, worauf er seit Jahren wartet – gespielt und bezahlt zu werden, denn nur wer aus dem Radio schalle, habe auch eine Chance auf das richtige Geld.

Banal, könnte man meinen, und so wundert es fast nicht, dass auch die AfD nur eine Chance bei ihm habe. Sollte sie sich nicht bewähren, wobei er hofft, dass sie sich auf Bundesebene durchsetzt, wird Magic Lauster beim nächsten Mal für Sahra Wagenknecht stimmen, das stehe jetzt schon fest, versichert er uns mehrfach. Überhaupt wäre die ideale Bundesregierung für ihn eine Doppelspitze aus Petry und Wagenknecht. Rechts und Links im Gleichgewicht – daran habe es der Politik der Bundesrepublik in seinen Augen immer gemangelt, und darin sehe er viele Fehlentwicklungen der Nachkriegs- und Nachwendezeit begründet.

Noch ein anderer gewichtiger Grund für seinen Sinneswandel kommt ins Spiel – seine Familie, genauer gesagt seine Frau und Tochter, würden sich mittlerweile vor Angriffen und Einbrüchen fürchten, so dass er nun die Tür immer abschließen müsse. Er habe Angst um sie und die Unversehrtheit seines Hauses. Die Gründe dafür? Lauster bleibt vage und beginnt mit dem typischen Bausatz an Rechtfertigungssätzen: Man müsse doch sagen dürfen, dass man keine weiteren Ausländer wolle, das müsse erlaubt sein, und er wird nicht müde zu betonen, dass er zwar rechts, aber kein Nazi sei. Schließlich wäre es wichtig für eine Demokratie, dass es neben Links und der Mitte auch ein Rechts gäbe, sonst würde das System nicht funktionieren. Und Hitler, der wäre ein Nazi gewesen, ein Judenmörder. Und er, Detlef Lauster, sei eben einfach nur rechts.

Unsere Einwände, es sei aber auch konkret höchst rechtsradikales, nationalsozialistisches Gedankengut in der AfD unterwegs, kontert er schlicht mit der Replik, Spinner gebe es überall. Und als Nazi wäre er doch nicht erst kürzlich von einem Griechen und einem Türken gebucht worden, nachdem alle bisherigen Auftraggeber verloren gegangen seien, eine Konsequenz, die er aber bewusst in Kauf genommen habe.

Die wahren Missachter der menschlichen Würde, und da packt es Lauster noch einmal, seien aber diejenigen gewesen, die ihn am 12. Mai niedergebrüllt und vor ihm ausgespuckt hätten. Dass nun seine Karriere vorbei sei, damit habe er gerechnet, nicht jedoch mit dem schweigend zuschauenden Bürgermeister neben dem schreienden Volk, dessen vielzähliges Erscheinen er für SPD-politisch organisiert hält. Wo sei denn da seine Würde als Mensch geblieben, und das verbriefte Recht, in dieser unantastbar zu sein? Warum habe für den Umgang mit ihm auf der AfD-Bühne nicht der unübersehbar am Musiktheater platzierte Ausspruch „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ gegolten? Wo sei da das Recht auf freie Meinungsäußerung gewesen? Frank Baranowski, der Oberbürgermeister, habe ungerührt den Mob gewähren lassen und zugeschaut, wie er, Detlef Lauster, um seine Unversehrtheit bangte.

Aber irgendwann sagt er auch noch Dinge wie, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht gut sei – wo gebe es das denn in anderen Staaten? Gebe es etwa ein Hiroshima-Denkmal mitten in Washington? Und er sei ein Fan von AfD-Politiker Meuthen, der von der christlichen Leitkultur spricht. Und dann erklärt er uns noch, dass es „Dur-Menschen“ gebe, die große Kinder mit glücklicher Kindheit seien, die den Schlager lieben würden, so wie die geistig behinderten Menschen im Wichernhaus, die immer sofort auf diese Musik eingegangen wären. Und die mit der unglücklichen Kindheit seien die „Moll-Menschen“, die mit dem Schlager als Musikform nicht zurechtkämen. Er aber, Detlef „Magic“ Lauster, sei Dur- und Moll-Mensch zugleich.

Und so mischen sich munter Skurrilitäten und persönliche Enttäuschungen mit politischen Ansichten, Wahlprogrammen und Berufszielen, empfundener Ungerechtigkeit, Geldmangel und Geltungsneigung.

Fazit des Gesprächs? Wenn sich Tantiemen und Flüchtlingsproblematik in eins vermischen, muss man schon ganz genau hinschauen. Was letztlich jeder Mensch verdient hat, was jedem Menschen zusteht. Genauso natürlich wie das Recht auf eine freie Meinung und sie zu äußern.
Ist Detlef Lauster ein Nazi? Nein, dieses eindeutige Label sollte man ihm nicht leichtfertig anheften, auch wenn er sich selbst ausdrücklich als rechts bezeichnet.
Tat die Stadtgesellschaft ihm Unrecht, als sie sich von ihm abwandte? Der Systemlogik zufolge konnte sie nicht anders. Was freilich keine Rechtfertigung übler Nachrede sein darf.
Für den Menschen Detlef Lauster spricht seine Offenheit bezüglich seiner Gefühle und des Weges, den er an diesem Punkt seines Lebens eingeschlagen hat. Und wohin der ihn führt, hängt ohnehin weder von Gelsenkirchen ab, noch von der AfD, sondern allein von Detlef Lauster selbst.

Tipp: Keine Berührungsängste vor rechts, links oder Ausländerflüchtlingsmigranten pflegen. Die Menschen und sich selbst ernst sowie mitnehmen: auf dem beschwerlichen und gemeinsamen Weg der Demokratie.

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