Wider den sozialen Tod: Rotthausens Wohnzimmer für Alle

Text: Astrid Becker / Fotos: Ralf Nattermann

Jeden Mittwoch und Freitag hat man in Rotthausen seit kurzem die Gelegenheit, sich unter Leute zu begeben, die nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt sind, sondern altersmäßig irgendwie dazwischen hängen. Neudeutsch euphemistisch gerne als „Best-Ager“ bezeichnet, also als diejenigen, die im besten Alter sind. Für manch einen mag das zutreffen, dieses „beste Lebensalter“, hat Er oder Sie nun keine oder nur noch wenige Berufsjahre vor sich, die Kinder aus dem Haus, selbiges abbezahlt und segelt nun zwischen toskanischer Lebensart und heimischen Gestaden mit relativ stabiler Gesundheit hin und her. Für manch einen kommt es aber auch ganz dicke. Der Mann schon verstorben, die eigenen Bezüge von Witwenrente nicht gerade üppig, die Kinder weit weg oder desinteressiert, mies bezahlte Minijobs als Zubrot oder noch nie für Geld gearbeitet, sprich Hausfrau und Mutter und vielleicht auch schon gesundheitlich angeschlagen – oder man ist ein alleinstehender, arbeitsloser Mann ohne Familie und Freunde – ja, dann, was dann eigentlich? Dann hat man es schwer, denn dann fällt der Kegeltörn mit den Kegelbrüdern flach, die jährliche Reise auf den Campingplatz ist ohnehin schon lange Geschichte, und der Besuch eines Cafés oder ein Kneipenabend wird schon unter Sonderausgaben verbucht.

Was würden Sie dann machen, mal ganz praktisch gefragt? So ohne Geld, Gesundheit, und immer öfter auch ohne saniertes Gebiss? Vermutlich würden Sie für sich bleiben, und das am liebsten zuhause. Auch aus Scham, Minderwertigkeitsgefühlen und Versagensangst. Als Gesellschaft fungieren dann das Frühstücksfernsehen und das Mittagsmagazin, die Tagesschau oder, etwas moderner, Facebook, und das rund um die Uhr, und wenn Sie Glück haben, führen Sie vielleicht einmal auch ein Telefongespräch. Natürlich gibt es noch die vielen guten und kostenlosen Angebote der öffentlichen und kirchlichen Träger, aber die sind eben oft für die etwas älteren Semester, ab 65plus, gemeinhin auch Senioren genannt.

Wenn Sie mehr Glück haben, sprich: eine Frau sind, liegen Ihre Chancen angesichts dieser kritischen Gemengelage etwas höher, nicht schon wochenlang tot in Ihrer Wohnung gelegen zu haben – bei Männern ab 30 Jahren sieht das leider bereits ganz anders aus. Das bekommt man hautnah zu spüren, wenn Pastorin Dr. Zuzanna Hanussek vom Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid, die für die Projektbegleitung und Expertise des „Rotthauser Wohnzimmers“ zuständig ist, im Rahmen einer öffentlichen Gedenkveranstaltung wieder einmal mehrere Dutzend Namen samt Alter von unerkannt in Gelsenkirchen Verstorbenen verliest.

Geld, sagt Projektleiterin und Fachjournalistin Barbara Bienert, und zitiert damit jemanden aus ihrem Freundeskreis, ist eine Bewegungseinheit. Geld bestimmt, inwieweit ich mich bewegen kann – räumlich, mit Eigentum oder Reisen, aber auch gesundheits- und kleidungstechnisch. Habe ich kein Geld, kann ich mich – zumindest nach westeuropäischen Maßstäben – kaum bewegen. Sicherlich gibt es auch virtuose Existenzen, die praktisch ohne Geld ihrem Leben frönen, indes sind sie nicht in der Mehrheit. Noch ist Geld auch und gerade für die Mittellosen der Wert und das Maß aller Dinge – aber dies ist ein Thema für eine Erörterung zu einem späteren Zeitpunkt.

Wie habe ich mir denn nun dieses „Rotthauser Wohnzimmer“ vorzustellen (übrigens nicht zu verwechseln mit dem Kulturort „Wohnzimmer“ in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kaue!) Manchem Rotthauser unter den isso.-Lesern wird der Konfirmandenraum in der evangelischen Kirche an der Steeler Straße ein Begriff sein – diesen erreicht man, indem man längs, und zwar auf der rechten Seite des Kirchenschiffs, jenem folgt, bis sich eine Tür auftut, die zum „Rotthauser Wohnzimmer“. Auch den Schauspielern der Passionsspiele ist dieser Ort noch ein Begriff. Jetzt würden sie allerdings staunen – ist er doch mit viel Einsatz und Liebe zum Detail in einen wirklich als Wohnzimmer gestalteten Raum verwandelt worden.

Bei meinem Besuch dort lockte das Wetter an die frische Luft, und so saßen wir draußen an flexibel erweiterbaren und leicht transportierbaren Tischen. Eine gute Idee, stießen doch im Laufe des Nachmittags immer mehr Menschen zu diesem zweimal pro Woche angebotenen Treffen. Es gab Kaffee, Kuchen und Knabbergebäck und jede Menge interessanter Gespräche. Plötzlich zog eine Dame ein paar Blätter aus ihrer Tasche, selbst geschriebene Geschichten, die mit filigranen Zeichnungen ihrer Freundin illustriert waren, und wählte eine andere Teilnehmerin aus der Runde zum Vorlesen aus. Eine Geschichte über eine glückliche Ehe, über die Beziehung von Birgit und Jürgen, der aber doch etwas fehlte, das waren die Gespräche über das Wesentliche. Leider habe ich sie nicht in Gänze mitbekommen, beim nächsten Mal hat die Dame sie hoffentlich wieder dabei.

Wer Geselligkeit schätzt, die freundlich, zugewandt sowie entgeltfrei gestaltbar ist – es gibt ein Schweinchen für die Kaffee- und Kuchenspenden, in das man, wenn man mag, etwas hineinwerfen kann – ist hier genau richtig. Die Altersbegrenzung von 45 bis 65 Jahren ist eine Richtschnur, aber niemand, der jünger oder älter ist, wird abgewiesen!

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