Alte Musik verschafft neue Hörerfahrungen

„Musik erzählt…“ im Kulturraum „die flora“

Worin besteht historische Aufführungspraxis? – In der Rückbesinnung auf alte, teils seit langem aus der uns heute vertrauten Standardbesetzung der Klassischen Musik verschwundene Instrumente, auf ihre Färbung und Stimmung auf einen Kammerton, der vom heute üblichen (440 Hz) durchaus abweichen darf, schließlich auf historische sprachliche Artikulierung und, ja, auch im Nachempfinden überlieferter Darbietungsformen – mit welchen Gesten unterstrich etwa ein barocker Kantatensänger seinen Vortrag?

Einblicke in derlei musikalische Kultur- und explizit auch Forschungsarbeit gab im Rahmen des dritten Konzertes der diesjährigen Ausgabe der Kammermusikreihe „Musik erzählt… vom Aufbrechen und Ankommen“ in ihrer informativen Moderation die Sopranistin Dora Rubart-Pavlíková, die gemeinsamen mit der Flötistin Michaela Koudelková sowie Marek Kubát (Theorbe) eigens aus Tschechien angereist war, um im Gelsenkirchener Kulturraum „die flora“ einen Abend mit Alter Musik zu gestalten. „Alt“ ist dabei insofern wörtlich zu nehmen, als aus der Perspektive der Akteure des auf Barock spezialisierten Trios die „moderne“ Musik im Grunde bereits Ende des 17. Jahrhunderts einsetzte und man sich hier im Wesentlichen dem Davor widmete.

Der Abend mit Liedern, Sonaten, Kantaten und auch kurzen Instrumentalstücken von Komponisten wie den gut bekannten Georg Philipp Telemann und Antonio Vivaldi aber auch weniger bekannten wie Jacob van Eyck, Thomas Campion und Giulio Caccini entführte dementsprechend in teils ungewohnte Klangwelten, welche etwa die mit ihrer mannshohen Gestalt bereits optisch eindrucksvolle Theorbe, eine historische Form der Laute, durch für ein Saiteninstrument heute nicht mehr übliche Tiefklänge unterstrich. Interpret Marek Kubát, der regelmäßig in verschiedenen tschechischen und polnischen Barock-Ensembles auftritt, erfreute im Verlauf des Abends zusätzlich mit einer Eigenkomposition.

Dora Rubart-Pavlíková brillierte bei den Liedern in deutscher, französischer und englischer Sprache, letztere durch ein betont gerolltes „r“ dem vermuteten tatsächlichen Sprachklang vor Jahrhunderten angenähert. Besonders in stilleren Momenten, in denen die Instrumente für einen Augenblick zurücktraten, wurden die außergewöhnlichen Solo-Qualitäten der Sopranistin, die seit 2016 Rollen in mehreren Barockopern gesungen hat, mehr als deutlich.

Zum heimlichen Star des Abends entwickelte sich jedoch die vielfach ausgezeichnete Flötistin Michaela Koudelková, die dem allgemein unterschätzten Instrument mit fliegenden Fingern virtuoseste Klänge in teils schnellstem Staccato entlockte. Verschiedene Flöten aus jeweils unterschiedlichen Hölzern bewiesen ihre Klangqualitäten, darunter die heute exotisch anmutende, jedoch einer Wiederentdeckung werte „Voice Flute“, die damalige Instrumentenbauer der Klangfarbe und dem Tonumfang einer Knabenstimme nachempfanden. Nach Abschluss des Konzertes hatte man im Publikum einen Spitznamen für Koudelková gefunden – die „Zauberflötistin“.

Eingeleitet wurde der Abend in gewohnter Qualität durch den künstlerischen Leiter des Programms, den Gelsenkirchener Komponisten Michael Em Walter, sowie durch die Leiterin des Kulturraums „die flora“ Wiltrud Apfeld. Als erstes Beispiel von Alter Musik im Programm der bereits im fünften Jahr laufenden Reihe „Musik erzählt…“ konnte das Programm des tschechischen Trios derart überzeugen, dass man sich für die kommenden Jahre durchaus weitere Ausflüge in die Zeit vor Beginn der klassisch-romatischen Musiktradition wünschen würde.

„Musik erzählt…“ indes ist damit in diesem Jahr noch nicht abgespielt. Am Sonntag, den 15. Dezember, folgt zur Matinée-Zeit am Vormittag um 11:30 Uhr der Nachholtermin für das im Oktober aus Krankheitsgründen ausgefallene Konzert von Nikola Komatina (Akkordeon) und Rainer Maria Klaas (Klavier).

 

 

http://www.die-flora-gelsenkirchen.de

 

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