Denkmal unter Druck

Wer rettet das historische Bahnwerk Bismarck?

von Jesse Krauß

Spricht Paul Lindemann, Vorsitzender der Freunde des Bahnbetriebswerks Bismarck e.V., über die Situation vor Ort, legt sich seine Stirn in Sorgenfalten. Seit bald 30 Jahren setzen er und sein Verein sich für den Erhalt dieses technischen Denkmals ein. Doch seit vielen Jahren kämpfen die ehrenamtlichen Bahnwerker fast nur noch gegen den fortschreitenden Verfall des weitläufigen Areals, des Gebäudes aus den 1920ern und seiner technischen Anlagen. Von Stadt und Politik seit ehedem weitgehend ignoriert sieht Lindemann die Schuld vor allem beim Hausherrn, dem Regionalverband Ruhr (RVR). Dieser tue bei weitem nicht genug für den Erhalt, vernachlässige die Auflagen des Denkmalschutzes, und zudem hätten viele der an der Bausubstanz durchgeführten „Sicherungs- Maßnahmen” bei genauem Hinsehen eher gegenteilige Effekte.

Es sei ein Verfall auf Raten, dem man nicht nur billigend zusehe, sondern den man durch unsachgemäßes Handeln eher noch befördere. Es ist ohne Frage eines der wichtigsten technischen Denkmale von Gelsenkirchen – das historische Bahnbetriebswerk in Bismarck. Der 16-ständige Ringlokschuppen ist der größte erhaltene seiner Art in Deutschland, die funktionstüchtige historische Drehscheibe eine Seltenheit. Ab 1926 wurden in Bismarck in großzügig ausgelegten Hallen Loks und Züge gewartet und repariert, tankten Dampfloks Kohle, Wasser und Sand. Als 1981 die Werkstätten geräumt und der Betrieb seitens der Deutschen Bundesbahn offiziell eingestellt wurde, hatte das Bahnwerk das Dampflokzeitalter bereits um einige Jahre überlebt. Seitdem arbeiten Eisenbahnfreunde auf dem weitläufigen Gelände, ab 1992 vor allem die Freunde des Bahnbetriebswerks Bismarck e.V. mit ihrem Vorsitzenden Paul Lindemann. Sie pflegen und restaurieren „alte Schätzchen” – Schienenfahrzeuge älterer, aber auch jüngerer Bauart, darunter mehrere historische Dampfloks. Die umfangreiche Sammlung ist ein Anziehungspunkt für Eisenbahn-Begeisterte aus dem In- und Ausland. Doch was anderswo wohl seit langem eine gut ausgebaute und entsprechend geförderte Besucher-Attraktion wäre, fristet in Gelsenkirchen seit Jahrzehnten das Dasein eines Geheimtipps für Szene-Kenner.

Kaum ausgeschildert liegt das Bahnwerk versteckt hinter den Besucherparkplätzen der „Zoom-Erlebniswelt” an der Gleisharfe des Bahnhofs „Gelsenkirchen- Zoo”. Das Areal ist nur über eine einzige schmale Zufahrt zu erreichen, der Besuch zudem nur samstags und nach Anmeldung möglich. In der Vergangenheit öffneten die Bahnwerker einmal jährlich im September zum „Tag des offenen Denkmals” die Schuppen-Tore, präsentierten die Fahrzeuge, boten Führungen an – doch 2020 war auch dies nicht mehr möglich. Und die Zukunft sieht düster aus, denn geht es nach dem Willen des Hausherrn RVR, dürfen die Bahnwerker in Zukunft überhaupt keine Besucher*innen mehr empfangen. Ein neuer Mietvertrag droht, die Arbeit an Gleisen und Fahrzeugen drastisch einzuschränken, wenn nicht ganz zu verhindern.  Paul Lindemann kennt sich aus, hat als junger Mann in verschiedenen Gelsenkirchener Industriebetrieben gelernt, konnte die verschiedenen Gewerke kennenlernen, führte als Dipl.-Ingenieur 50 Jahre lang den Fachhandwerksbetrieb „Lindemann – Sanitär – Heizung – Solar”. Auch das Bahnwerk Bismarck hat er noch in Betrieb erleben dürfen, als Loks und Waggons zu Wartung und Überholung einfuhren, als der Kanonenofen bullerte und der Geruch von Kohle, Dampf und Schmieröl in der Luft lag. Das aber ist lange her, heute müssen die Bahnwerker sich täglich um ganz grundlegende Dinge sorgen, etwa die Abwehr von Vandalismus, Einbruch und Diebstahl auf dem weitläufigen, nicht eingezäunten Gelände.

Dazu kommt der oftmals fragwürdige Umgang der Verantwortlichen beim RVR mit der denkmalgeschützten Bausubstanz. Das habe schon in den 2000er Jahren begonnen, erzählt Lindemann. Bei einer ersten groß angelegten „Sanierung” sei am Gebäude im Grunde mehr Schaden als Nutzen entstanden. So habe man aus unerfindlichen Gründen die dicken alten Glasscheiben rundum durch Plastik ersetzt. „Stellen Sie sich mal vor, es brennt, was geschieht dann mit dem Plastik?” fragt Lindemann. Auch die Dachaufbauten seien zu benennen: kenntnisreiche Konstruktionen, die ursprünglich für Belichtung und Belüftung der Werkshallen dienten, durch nicht sachgerechten Umbau aber quasi unbrauchbar geworden seien. Jüngste Maßnahme des Hausherrn RVR diesbezüglich übrigens: Den langen, im Halbrund gezogenen Dachaufbau auf dem Ringlokschuppen ließ man komplett mit Platten vernageln. Nun herrschen darunter Finsternis und dicke Luft. Doch Lindemann kann weiteres aufzählen. So habe man kürzlich die Fallrohre an den Außenmauern knapp über dem Boden gekappt und lässt das Regenwasser nun einfach auf den Platz sprudeln. So spare man sich wohl die Reinigung der im Boden verlegten Abflussröhren, vermutet Lindemann, gefährde durch die ständige Nässe aber langfristig die Gebäudefundamente.  Eine augenfällige Neuerung am Bahnwerk stellen die pittoresken Holzstützen in allen Fensteröffnungen des Ringlokschupppens dar (oben).

Laut dem neuen Mietvertrag verboten: Das Öffnen der Schuppen-Tore

Der RVR betrachtet die Betonunterzüge der Fenster als einsturzgefährdet, weil dort rostende Moniereisen offenliegen. Lindemann weiß: Die Eisen liegen so schon seit vielen Jahren offen, weil eine ursprünglich begonnene Sanierung mittendrin einfach abgebrochen worden sei. Einsturzgefährdet sind die Unterzüge in seinen Augen aber nicht: „Es handelt sich dabei tatsächlich um einen einzigen, durchlaufenden Stahlbetonzug rund um den Lokschuppen, das sieht man nicht gleich, weil die Fassade verklinkert ist. Einfach einstürzen kann das also gar nicht!” – Wirklich angebracht wäre hier jedoch eine echte und umfassende Beton-Sanierung. Auch im Innenraum glaubte der RVR erst kürzlich gegen Einsturzgefahr vorgehen zu müssen. Oberhalb eines auf Stahlbetonstützen stehenden Bereichs in der sogenannten Mittelhalle klafft seit langem deutlich sichtbar ein Spalt im Mauerwerk – Bergschäden aus alten Tagen, das sei seit Jahrzehnten so und stelle allein schon deshalb keine Gefahr mehr dar, sagt Lindemann und weiß sich darin von der Unteren Denkmalschutzbehörde wie auch durch die Begutachtung Fachkundiger bestätigt. Der Hausherr sah es anders: Eine massive Betonmauer wurde unter den Unterzug gezogen, steht nun wie ein Fremdkörper mitten im Bahnwerk und versperrt den Durchgang zum Werkzeugmagazin der Bahnfreunde.

Im Bahnwerk zuhause: Die von Grafitti-Künstler Beni Veltum gestaltete „Blaue Eule”

Doch diesbezüglich folgte gleich die nächste Überraschung: Dieser Bereich der Halle sei eigentlich niemals Teil des Mietvertrags gewesen, die Bahnfreunde hätten ihn rund 30 Jahre lang zu unrecht genutzt. In der Folge lagerten vom RVR beauftragte Kräfte das Eigentum des Vereins in den anderen Hallenteil um – und präsentierten eine Rechnung: über 2.000 € sollen für die Aktion gezahlt werden. Für die Bahnwerker ein Schlag in den Nacken und kaum zu schultern. Generell ist das Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter hier seit langem angespannt. Vor diesem Hintergrund mehr als belastend ist auch der neue Mietvertrag, welchen der RVR nun dem Verein zur Unterzeichnung vorlegte. Darin wird der den Bahnwerkern zur Verfügung stehende Bereich drastisch beschnitten, quer durch die Mittelhalle verläuft plötzlich eine unsichtbare Grenze. Im Ringlokschuppen selbst werden scheinbar willkürlich und ohne nähere Erläuterung zwei Gleise ausgespart. Besonders schmerzhaft aber ist, dass man den Bahnfreunden den Außenbereich mit den sternförmig zulaufenden Gleisen und die historische Drehscheibe nehmen will: „Die sich vor dem Ringlokschuppen befindliche Drehscheibe ist nicht Bestandteil dieses Vertrages und darf weder manuell noch unter Strom bewegt werden” heißt es unter §10 Bauliche Veränderungen – und dies vor dem Hintergrund, dass es ja vor allem der kontinuierlichen Pflege seitens der Bahnfreunde zu verdanken ist, dass die Drehscheibe heute überhaupt noch intakt und beweglich ist! Doch noch andere Dinge werden durch den neuen Vertrag zum Stillstand verdammt, wo es weiter heißt: „Die Hallentore zum Außengelände dürfen nicht vom Mieter geöffnet werden.”

Für Dipl.-Ingenieur Paul Lindemann sind das Bahnwerk Bismarck und die historischen Schienenfahrzeuge eine bereits 30 Jahre währende Leidenschaft. Foto: Jesse Krauß

Demzufolge kann hier in Zukunft kein Fahrzeug mehr rollen, die Tore (und damit die Gleise) sind versperrt. Zwar wird der Ringlokschuppen laut §2 Vertragszweck als „Werkstatt und Lager” vermietet, wie aber ein Bahnwerkerverein unter diesen Bedingungen mit seinen Fahrzeugen arbeiten soll, bleibt Geheimnis der Verfasser. Und das betrifft im Übrigen noch eine weitere Partei: Der mit den Bahnwerkern befreundete Hespertalbahn e.V. aus Essen nutzt seit vielen Jahren vom RVR geduldet mehrere Gleisstände im Schuppen zur Restaurierung historischer Waggons – nun also hinter dauerhaft verschlossenen Toren?
 außerordentliches, fristloses Kündigungsrecht, sofern „der Mieter vorsätzlich oder grob fahrlässig gegen eine Bestimmung des Vertrages verstößt.” Im Falle einer Kündigung wäre das Objekt natürlich umgehend zu räumen. Wie die Bahnfreunde dies jedoch mit rund 16 historischen (nur zum Teil beweglichen) Schienenfahrzeugen sowie umfangreichem sonstigem Material bewerkstelligen sollten, bleibt der Phantasie überlassen. Paul Lindemann will sich eine solche Situation naturgemäß lieber nicht ausmalen. Zu allem, was er im Zusammenhang mit dem RVR seit Jahren erlebt, fällt ihm nur eines ein: „Die wollen uns hier raushaben. Warum, wissen wir nicht.” Die Situation in Bismarck ist verfahren, die Fronten sind teils verhärtet. Man steht unter Druck. Einerseits wissen Lindemann und die Seinen den Denkmalschutz hinter sich. Auch die Wirtschaftsförderung der Stadt Gelsenkirchen hat in der Vergangenheit versucht, zwischen Verein und RVR zu vermitteln, und seit kurzem will sich auch der CDU-Politiker Werner Wöll für den Erhalt des Bahnwerkes einsetzen. Doch von Seiten des RVR war noch Anfang September in einem entsprechenden Beitrag der WDR-Lokalzeit nicht viel mehr zu hören, als dass man vor Ort eine geregelte, vertraglich abgesicherte Situation schaffen wolle, was doch beiden Seite zugute käme, und dass man wieder ins Gespräch kommen müsse. Im Gespräch ist Paul Lindemann jederzeit und gern – mit jedem, der Hilfe verspricht – und das nicht in letzter Konsequenz für seinen Verein, sondern für das Bahnwerk an sich, das außergewöhnliche technische Denkmal, das es zu erhalten gelte.

Dafür braucht es angesichts aller Umstände wohl nicht weniger als eine leidenschaftliche Vision, und die hat Lindemann: „Uns ist seit langem klar, dass wir im Ruhrgebiet kein zweites historisches Eisenbahnmuseum à la Bochum-Dahlhausen brauchen. Deshalb sehen wir das Bahnwerk Bismarck eher als einen Ort, an dem Technik im Allgemeinem erlebbar gemacht wird, auch und gerade über die Eisenbahn-Thematik hinaus. Also eine Art offene Werkstatt, in der Besucher Geräte und Maschinen selbst ausprobieren können, einmal an einer Drehbank stehen, einen Druckluftbohrer betätigen, an der Feueresse Eisen schmieden. Gerade junge Menschen wieder an Handwerk, Technik und somit die Ingenieur-Berufe heranzuführen, sollte uns in der heutigen Zeit des allgegenwärtigen Fachkräftemangels unbedingt ein Ziel sein!” Doch für die Umsetzung dieser Idee bräuchte es deutlich mehr als nur einen Status Quo zwischen Mieter und Vermieter, nämlich eine umfassende, kompetente Projektplanung und vor allem eine entsprechende Finanzierung – niemals allein leistbar von einem Verein, wie dem Lindemanns. Die Neuerfindung des Bismarcker Bahnwerks ist vielmehr eine Aufgabe für mutige Investoren und/oder die öffentliche Hand. Werden aber die historische Bausubstanz und die technischen Anlagen weiterhin so stiefmütterlich behandelt, wie bisher, könnte die Zeit hierfür bald endgültig ablaufen.

Das Bahnwerk ist eine weitläufige Anlage mit verschiedenen Gebäudeteilen, einige stehen komplett leer und werden mit Schutzblenden merhr schlecht als recht konserviert.

DAS STÖRENDE DENKMAL

Ein Kommentar von Jesse Krauß

Setzt man sich mit dem Bismarcker Bahnwerk auseinander, stößt man allenthalben auf große, schier unüberwindlich scheinende Probleme: Die Überforderung eines zahlenmäßig kleinen Vereins, das riesige historische Werkstattgebäude und sein Außengelände vor dem Verfall zu bewahren. Das scheinbare Desinteresse von Politik und Verwaltung, das Objekt als ein wichtiges Erbe der Stadt und (bei richtiger Entwicklung) potentiellen Leuchtturm zu betrachten. Vor allem aber auch das Gebahren des Hausherrn RVR, der seinen Pflichten in Bezug auf die Instandhaltung eines denkmalgeschützten Gebäudes allenfalls sehr grundlegend nachkommt – hier wird nichts ernsthaft repariert oder gar saniert, hier ist im Laufe von Jahren nichts besser geworden, sondern immer nur irgendwie gesichert und notdürftig zusammengehalten. Ganze Gebäudeteile, wie etwa der historische Verwaltungsbau des Bahnwerks, wurden mit Platten vernagelt und schlicht sich selbst überlassen.

Man geht den Weg der geringstmöglichen Investition, anstatt dem Denkmal die ihm zustehende Pflege und Entwicklung zukommen zu lassen. Dabei ist diese Haltung vielleicht auch nachvollziehbar. Der RVR hat das Bahnwerk nicht freiwillig in Besitz genommen, sondern es in seiner Eigenschaft als Regionalverband 2001 von der Bundesbahn-Sondervermögen-Behörde praktisch übernehmen müssen, nachdem die DB sich 1989 von dem Gelände zurückgezogen hatte. Allein die Grundsteuer für das 100.000 km² große Gelände schlägt jährlich mit einer sechsstelligen Zahl zu Buche. Eine echte Zukunftsstrategie liegt nicht auf dem Tisch, und der RVR hat noch viele andere Felder, in die er seine Gelder investiert. Es ist daher sicher keine Unterstellung zu sagen, dass ein solches Erbe seinem Besitzer auch einfach lästig sein kann.

Erst recht, wenn man dazu noch den Erfordernissen des Denkmalschutzes gerecht werden muss. Dabei bräuchte es zum Anfang doch erst einmal nur eines: einen guten Willen und ein offenes Ohr gegenüber den Akteuren vor Ort, die das Objekt seit Jahrzehnten wie ihre Westentasche kennen und leidenschaftlich erhalten wollen. Auch wenn die für eine echte und grundlegende Sanierung faktisch erforderlichen Millionenbeträge jetzt und in naher Zukunft nicht im Raum stehen, könnte durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und eine sachgerechte Herangehensweise doch zumindest der stetige Verfall aufgehalten werden. Denn unabhängig davon, wie die Zukunft des Bahnwerkes aussehen mag, ist heute der Zeitpunkt zu handeln, um sie nicht unmöglich zu machen.

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