Dichter, Kämpfer, Arbeiter: Neues Lesebuch zu Richard Limpert

von Jesse Krauß

Bei Lesungen ist er geschätzt, bei Diskussionen gefürchtet, bei Aktionen wird er gebraucht” – mit diesen Worten umschrieb WAZ-Redakteur Hans-Jörg Loskill den Gelsenkirchener Arbeiterdichter Richard Limpert einmal. Und tatsächlich war dieser alles das: In seinen Gedichten schrieb Limpert, selbst Maschinist in der Kokerei Zollverein, vom Los der Arbeiter und ihrem Ringen um soziale Gerechtigkeit. Wenn es um das Soziale, das große Ganze, ging, scheute er kein Wortgefecht, kommentierte, demonstrierte, beteiligte sich an Arbeitskämpfen, war stets am Puls der Zeit und Teil der Friedensbewegung, schrieb täglich an gegen die Vernichtung von Arbeitsplätzen, Kommerzialisierung, Turbokapitalismus, Umweltzerstörung, Napalm und Atombombe.
Dem dichterischen Werk des streitbaren Literaten aus Ückendorf ist nun ein neues Lesebuch in der Reihe „Nylands Kleine Westfälische Bibliothek” gewidmet. Ausgesucht und zusammengestellt wurden Gedichte, Dokumente und Limperts sogenannte „Selbstauskünfte” vom Gelsenkirchener Liedermacher, Fotografen und Literaturforscher Karl-Heinz Gajewsky. An den 1991 verstorbenen Richard „Richy” Limpert hat Gajewsky die besten Erinnerungen seit er und Norbert Labatzki in den 1980er Jahren als „Duo Zündholz” viele Gedichte Limperts vertonten. Singend traten sie im Zuge der Friedensbewegung in ganz Deutschland auf, wurden gar von sowjetischen Gewerkschaftlern eingeladen und spielten in mehreren Städten der UdSSR bis hin zum russischen Kohlenrevier im Kusnezker Becken.

Schwerer als der Abbauhammer
ist mein roter Kugelschreiber
doch ich lasse ihn nicht fallen
weil die Hoffnung mir gebietet:
»spreche rede rufe schreie«

Richard Limpert, geboren 1922, hat in Gajewskys Herz auch deshalb einen besonderen Platz, da dessen Herkunft so sehr der seines eigenen Vaters gleicht. Beide finden als junge Männer im Ruhrgebiet keine Lehrstellen und gehen infolgedessen ins Sauerland, wo sie „vor Heimweh fast sterben”. Von den Nazis werden beide in den Reichsarbeitsdienst und gleich anschließend an die Ostfront geschickt. Jeweils acht Jahre verbringen sie erst als Soldaten, dann als Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Doch während es Gajewskys körperlich und seelisch gebrochenem Vater nach seiner Rückkehr geradezu die „Sprache verschlagen” hat (von seinen Kriegserlebnissen konnte er nie sprechen), kehrt Limpert ausgesprochen „friedensbewegt” nach Gelsenkirchen zurück. Durch von Russen über den deutschen Linien abgeworfene Flugblätter hat er Zugang zu Texten von Berthold Brecht, Erich Weinert und anderen gefunden. Bereits in der Kriegsgefangenschaft setzt er sich für die Belange seiner Mithäftlinge ein. Zurück in Deutschland engagiert er sich in der Friedens- und Gewerkschaftsbewegung und tritt der DFU bei (Deutsche Friedens-Union). Auf Zollverein wählt man ihn in den Betriebsrat, er ist Bildungsobmann in der IG Bergbau und fehlt bei keinem Ostermarsch. Zunehmend wächst sein Ruf als Literat. Er gewinnt einen Reportage-Wettbewerb, ist Mitglied der Dortmunder Gruppe 61 sowie des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt und leitet die Literarische Werkstatt in Marl. Er steht in Kontakt mit praktisch allen wichtigen Persönlichkeiten der sogenannten Arbeiter-Literatur. Das dänische Fernsehen berichtet, eines seiner Bücher wird ins Russische übersetzt.
Blättert man durch das nun erschienene „Lesebuch Richard Limpert”, begegnet einem ein nimmermüder Streiter für solidarisches Miteinander. In unbestechlichen Worten dokumentiert er den Niedergang des Ruhrbergbaus und die Lügen seiner Profiteure. Er prangert Lohn-Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen an. Auch zu Chile, Biafra und Vietnam schweigt er nicht, liest Bankern, Kriegstreibern und Putschisten die Leviten und hat als Linker sogar einen Bezug zu Jesus Christus, denn auch der „erstrebte die Änderung der Verhältnisse”. Limpert begeistert bis heute mit seiner Energie, seinem Engagement (immer auf Seiten der Benachteiligten) einem unverstellten Blick für Gerechtigkeit und die Nervpunkte der Gesellschaft sowie – bisweilen –
auch mit schelmisch aufblitzendem Humor.

Aisthesis Verlag
Taschenbuch, 142 Seiten
ISBN 978-3-8498-1388-8
8,50 €

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