Standortentwickler

Ehemalige Zeche Wilhelmine Victoria in Heßler ist heute Keimzelle für Kultur

von Denise Klein

Sie ist die Blaupause für die Entwicklung im Ruhrgebiet: traditionell, charmant, und manchmal hakt es. Die Kaue in der Wilhelminenstraße. Heutiger Veranstaltungsort, ehemals pulsierender Wirtschaftsfaktor einer boomenden Stadt.

Die Zeche Wilhelmine Victoria wurde am 28. Juni 1960 stillgelegt, rund hundert Jahre, nachdem in Heßler die ersten Mutungsbohrungen durchgeführt worden waren. Auf dem Gelände der heutigen Kaue lagen die Schächte 1 und 4, in Richtung Nordstern, sowie die Schächte 2 und 3. Jahrzehnte lang prägte der Bergbau diesen dörflichen Stadtteil. Mit den ältesten Zechensiedlung im Ruhrgebiet, dem Grawenhof und dem Klapheckenhof, ist die Vergangenheit auch heute noch zu erkennen.

„Der Förderturm von Schacht 1, als weithin sichtbarstes Zeichen der Zeche, wurde leider demontiert und in Dortmund-Bövinghausen auf der Museumszeche Zollern 2/4 wieder aufgebaut“, weiß Helmut Hasenkox, emschertainment-Chef, der seit Jahrzehnten den Wandel vom Malocher- zum Kulturort maßgeblich mitgedacht und mitgelenkt hat.

 

Nach 1960 ging das Grubenfeld der Wilhelmine Victoria an Nachbarzechen, die weiter die noch anstehenden Steinkohlenvorräte abbauten. Von 1962 bis 1973 geschah dies von der Essener Zeche Fritz Heinrich aus. Von 1980 bis etwa 1993 bauten die Zechen Nordstern und Consolidation im Feld Wilhelmine Victoria Kohle ab. Danach waren die Vorräte endgültig erschöpft. Der verbliebene Förderturm wurde 1985 gesprengt. Letzter Akt der rauen Geschichte.

Im letzten Vierteljahrhundert hat sich die ehemalige Zeche mehrfach gehäutet, war, im Besitz des evangelischen Kirchenkreises, Standort der kirchlichen Ausbildungsförderungs- und Qualifizierungsgesellschaft GABS, die letztlich in Insolvenz ging. Helmut Hasenkox, war damals dort angestellt und sollte aus der Kaue einen soziokulturellen Standort machen. Das war 1992.

 

15Jahre später stand die Kaue in der Zwangsversteigerung. „Ich habe das zufällig in der Zeitung gelesen. Und mein erster Gedanke war: Die nicht auch noch“, erinnert sich Ute Trapp, Geschäftsführerin der VEWO Wohnungsverwaltung GmbH mit Sitz in der Boniverstraße in der Feldmark. Mit der VEWO bewarben sich noch ein Moscheeverein und ein Diskobetreiber um das Gebäudeensemble. Spinnt man die beiden letzten Möglichkeiten gedanklich weiter, darf man sich erfreut zeigen ob der letztlichen Entwicklung, denn den Zuschlag bekam 2011 die hiesige Wohnungsverwaltung.

Doch ist die eine Kuh vom Eis, schnallt sich sicher die nächste schon die Schlittschuhe an. „Es gab einen riesigen Investitionsstau, wir hatten ja die letzten Jahre immer nur notdürftig das wichtigste aus Bordmitteln reparieren können“, beschreibt Hasenkox diese Zeit in der Schwebe, und Ute Trapp ergänzt: „Die Elektroinstallationen waren fast schon gemeingefährlich.“

 

Also nahm die Unternehmerin eine Menge Geld in die Hand, sanierte und verschönerte, verlegte Parkett und schuf die Infrastruktur für den weiteren Betrieb des Kleinkunstveranstalters. Der Rückbau des schweren Geräts war zu dieser Zeit schon längst Geschichte, und der Name „Kaue“ wurde eher aus Alleinstellungsmerkmalsgründen, denn aus historisch korrekter Lokalisierung gewählt. „Wir wollten nicht die x-te ‚Zeche irgendwas‘ werden, trotzdem aber das Ruhrgebietsidiom spielen“, so der emschertainment-Chef. Und so spielte sich die „Kaue“ quasi unter falschem Namen in die Herzen des Publikums, ist doch die ursprüngliche Waschkaue auf der anderen Seite des Geländes an der Steinstraße gelegen. Dort, wo heute die Kaue-Gastronomie weilt, war der Markenkontrollraum. Jeder, der unter Tage fuhr, bekam eine Fahrmarke, die er vor der Einfahrt dem Anschläger (1) über Tage aushändigte. So konnte man überprüfen, wer gerade unten war oder eventuell nicht wieder nach oben gekommen war. (2)

Wo es ehemals nach Öl und Eisen, Kohle und Schweiß roch, weht heute ein Mix aus Bier- und Kaffeeduft dem Besucher in die Nase. Maschinen- und Lüfterhalle werden bespielt und besungen, laut wird es nur, wenn die Musik oder der Applaus aufbranden. Und das passiert nicht nur in der Kaue an sich, sondern auch im angrenzenden Wohnzimmer GE. Paul Pillath und Gleichgesinnte suchten nach einem Ort, an dem man zum einen Musik machen und Bands auftreten lassen kann, zum anderen gemütlich zusammensitzen kann. Doch so groß Gelsenkirchen auch ist, so frustrierend erwies sich die Suche. Man fand nichts Schönes und zugleich Bezahlbares, denn Geld hatten die Gründerinnen und Gründer keines. Aber eine gute Idee, Kreativität und letztlich Beharrlichkeit ersetzen so manche finanzielle Potenz. Und so fand man den Weg zur Kaue und zur Vermieterin Ute Trapp. „Unabhängig vom sozialromantischen Blick fand ich die Idee von Paul Pillath gut und realistisch. Aber mir war wichtig, dass von vornherein klar war, dass jeder der Vertragsparteien seinen Teil zu leisten hat“, ergänzt sie.

Seit sechs Jahren ist das Wohnzimmer GE am Standort, und schon nach kurzer Zeit etablierte sich die Idee und wurde begehrte Bühne für nationale und internationale Musikerinnen und Musiker. „Wir ergänzen uns hier wunderbar und graben uns kein Publikum ab“, beschreibt Paul Pillath die Nachbarschaft zur Kaue, und Helmut Hasenkox fügt hinzu: „Durch das Wohnzimmer schließt sich der Kreis der Anfangsidee; nämlich die Soziokultur zu stärken.“
Und das scheint gut zu klappen, stemmt man im Wohnzimmer doch gute 150 Veranstaltungen im Jahr. Und es könnten, geht man nach den Bandanfragen, viele mehr sein. Aber die Wohnzimmer-Leute machen alles ehrenamtlich, eine weiterführende Erklärung erübrigt sich.

Egal, welche Rolle die einzelnen Akteure in diesem Dreiklang spielen – Hasenkox, Trapp und Pillath gehören zu den Menschen, die Stadtleben weiterentwickeln und eine Vorstellung von Urbanität und Lebensqualität haben, die den Erhalt gelungener Architektur und anspruchsvoller und befruchtender Freizeitgestaltung inkludieren. Und da jede Zeit ihre Themen hat, sind es heute nicht mehr Schlägel und Eisen, sondern Kultur und Kontakt, auf die man gemeinsam setzt. Und das schöne Wort des Synergieeffekts wollen wir hier ausnahmsweise mal nennen, oder doch lieber im Sinne des Ursprungs sagen: Kollege, hilf ma! Kennse wen?

1) Ein Anschläger ist ein Bergmann, der im Füllort unter Tage und auf der Hängebank über Tage, den Anschlägen, die Güterförderung, Materialförderung und Seilfahrt durchführt. Der Anschläger bedient die Signalanlage zur Verständigung mit dem Maschinisten. Als Anschläger an Schächten dürfen nur besonders unterrichtete und verpflichtete Personen eingesetzt werden. Vorgesetzter der Anschläger ist der Schachtsteiger bzw. Schachtfahrsteiger. Quelle: Hans Grothe: Lexikon des Bergbaus

2) Auf Wilhelmine Victoria ereigneten sich 1883 und 1899 Schlagwetterexplosionen mit je drei und 1917 ein Seilfahrtunglück mit ebenfalls drei Toten. 1942 starben bei einem Grubenbrand fünf und 1958 drei Bergleute beim Absturz einer Schachtbühne.

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