Braune Hochburg Gelsenkirchen? Ein Blick auf die Zweitstimmen, oder: Warum man Zahlen auch interpretieren sollte

14.739 Gelsenkirchener Wählerinnen und Wähler (14%) haben ihre Zweitstimme der AfD gegeben, und in den Wahlgebieten Nord (12,6%), Süd (14,9%), West (15,5), Ost (15,1%) und Mitte (15,3%) unterscheiden sie sich nicht eklatant. Damit hat die Partei nach der SPD (38%) und der CDU (23%) die meisten Stimmen eingefahren. Schnell und gerne fanden sich die Medien am Tag nach der Auszählung in Gelsenkirchen ein, um zu ergründen, warum hier die AfD einen solchen Zuspruch hat. „Die Arbeitslosen- und AfD-Hochburg Gelsenkirchen am Tag nach der NRW-Wahl“, titelte der Focus am 15. Mai. Braunes GE? Natürlich nicht. Schließlich wurden die rechten Parteien NPD, die REP und Die Rechte zusammen von 0,7% der Gelsenkirchener gewählt. 

Vielmehr offenbart das hohe Abschneiden der AfD, dass einiges falsch läuft. Hier in NRW, hier in der Stadt, hier in einigen Stadtteilen. Doch sind nicht alle Probleme hausgemacht. Gelsenkirchen ächzt unter der hohen Arbeitslosigkeit, der durch die EU durchgesetzten EU-Ost-Erweiterung mitsamt der am Ideologie-Reißbrett erdachten Arbeitnehmerfreizügigkeit und der Verteilung, Verwaltung und Integration der Flüchtlinge.

Demokratie zeichnet sich aus durch die freie und geheime Wahl, die Bürgerinnen und Bürger in einer pluralen Parteienlandschaft haben. Man sucht sich die Partei aus, deren Positionen den eigenen nahe kommen, selten decken sich diese mit ganzen Parteiprogrammen. Wer einmal den Wahl-O-maten ausprobiert hat, kennt sicher das teilweise verstörende Ergebnis. So hatte man sich mit seinem politischen Selbstbild vielleicht nicht verortet. Aber einfach ist Politik eben nicht. Sichere Koordinaten haben sich in den letzten Jahren verschoben, manch einer hat gar seine sichere Bank, seine politische Heimat verloren, geht er doch nicht konform mit der Parteilinie.

Doch ist derzeit kein Platz für Differenzierung. Ja oder nein. Links oder rechts. Nazi oder Gutmensch. Wenn es doch so einfach wäre. Wenn es doch nicht so fatal wäre, den Begriff „Nazi“ dermaßen inflationär für Menschen zu wählen, die ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben. Die Gründe sind sicher sehr unterschiedlich, und ein nicht unerheblicher Anteil wird aus Protest gewählt haben, weniger weil man sich erhoffte, die AfD könne tatsächlich Regierungspartei werden. Vielmehr wählen Menschen zumeist aus Gründen, die in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld erzeugt werden. Das müssen nicht immer die viel beschworenen Abstiegsängste und Existenzsorgen sein. Das kann die zunehmende Vermüllung des Stadtteils sein (Schalke), das kann die gestiegene Aggressivität auf von Großfamilien okkupierten Spielplätzen sein (Feldmark) oder auch die Diskrepanz zwischen eigener Erfahrung und relativierender Aussagen seitens Polizei und Justiz. Durch das Leugnen von Tatsachen wird der Nährboden für Übertreibung und Extremismus bereitet.

Das AfD-Wahlergebnis sollte der Stadt Anstoß sein, nachzuhaken, in welchen Stadtteilen und Straßen das Alltagsleben nicht mehr klappt, wo Menschen sich von den Verantwortlichen nicht ernst genommen sehen. Wo Bürgerinnen und Bürger sich von den Volksparteien nichts mehr erhoffen. Denn wahrscheinlich sind nur die wenigsten der AfD-Wähler hier in Gelsenkirchen Glatzen, Nazis oder alte, tumbe, weiße Männer mit mangelndem Bildungshintergrund. Wir wissen so gut wie nichts über die Gelsenkirchener AfD-Wählerinnen und -Wähler, denn die wenigsten werden es öffentlich kundtun.

3 Gedanken zu “Braune Hochburg Gelsenkirchen? Ein Blick auf die Zweitstimmen, oder: Warum man Zahlen auch interpretieren sollte

  1. Hmm, ich hatte jetzt tatsächlich den Versuch einer Analyse erwartet, in der Zahlen interpretiert und in Zusammenhang gesetzt werden. Stattdessen nur ein Kommentar zur Wahl, in dem nichtmal die 38% und 23% nach Bezirken ausdifferenziert werden. Ich hatte etwas mehr erwartet. Schade.

  2. Es darf angenommen werden, dass in den Teilen von GE mit über 20 Prozent AFD-Wählern entweder Privatvermieter, Eigentumsbewohner und Menschen, die sich in ihrer Sicherheit bedroht fühlen – also noch etwas zu verlieren haben, leben.
    Das ist in Rotthausen mit dem hohen Anteil an Roma-Zuwanderung sicher noch mal anders zu bewerten, als beispielsweise in der Resser Mark, wo man spekulieren kann, ob sich hier die Anwohnerschaft durch ihre Wahl schützen will. Die Vermüllung findet übrigens nicht nur in Schalke statt. Sondern auch in Bulmke, Hüllen, Rotthausen, Bismarck…Altstadt, Neustadt…Ückendorf.
    Interessant wäre gewesen, die hohe Zahl der Nichtwähler in den jeweiligen Stadtteilen noch gegenüber zu stellen .
    Wer die Köpfe der AFD sind, ist übrigens ganz einfach zu googlen. Einer von ihnen ist Lehrer.

  3. Es gibt schon lange Studien, deren Ergebnis es ist, dass wir in Deutschland seit der Zeit des „Wirtschaftswunders“ in den 1950/1960ern permanent einen Anteil von 15% bis 20% (je nach Studie) derer haben, die gerne wieder ein Kreuz auf dem Wahlschein bei „NSDAP“ machen würden.
    In der Vergangenheit schaffte es aber unser Bildungssystem und unsere Gesellschaft, dass wir „das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen“-Menschen entsprechend resozialisierten. Nur wenige zeigten ihren Charakter öffentlich, z.B. durch die typische Nazi-Glatze mit Springerstiefel, Hosenträgern und Ballonseidejacke.
    Parteien wie z.B. die FAP oder auch die NPD hatten und haben dadurch keine Chance gehabt. Der Rest sammelte sich in der CDU/CSU.

    Mittlerweile ist aber deutlich spürbar eine Grenze überschritten worden. Die des Anstands (siehe auch „gutes Benehmen“). Und das nicht von den „Asylanten“, sondern von den Eingeborenen, den Bio-Deutschen. Den Boden bereiteten Personen des öffentlichen Lebens, also Politiker, Wirtschaftsbosse, bekannte Banker oder Schauspieler, die ihren Lebensstil für das Maß aller Dinge halten und Menschen unterhalb ihres Standes grundsätzlich als niederwertig betrachten.
    Diese „Denke“ setzt sich bis in die untersten Schichten fort, wo die, die ganz wenig haben, auf diejenigen einprügeln, die gar nichts haben. Oder es nicht ertragen können, wenn ein Flüchtling Taschengeld erhält.
    Dahingehend hat die Gehirnwäsche also eigentlich prima funktioniert: Statt uns auf die zu konzentrieren, die der Gesellschaft wirklich schaden, kreischen wir lautstark (mal wieder) „Ausländer raus!“.

    Aus meiner Erfahrung mit den AfD-Wählern, die ich kenne, kann ich nur sagen: nein, es sind sehr wenige dabei, die das Kreuz aus Unwissenheit gemacht haben oder weil sie es den etablierten Parteien mal so richtig zeigen wollten. Statt dessen sind es zum Großteil exakt die von den vorher erwähnten 15% bis 20%. Die freuen sich jetzt einen Pin in den Popo, weil sie endlich eine Ganzrechtsaußenpartei wählen können, die nicht sofort wieder in der Versenkung verschwindet.

    Wer sich das AfD-Wahl/Parteiprogramm ansieht und sich anhört, was deren Großkopferten so alles an Reden absondern, der kann – Gehirn eingeschaltet vorausgesetzt – nur zum Schluss kommen, dass es sich um eine Nazipartei handelt. Wer die wählt, weiss ganz genau, was er/sie da wählt. Den Quatsch mit „Sicherheit“ und so kauft der AfD doch ernsthaft niemand ab. Wie wollen die die „Sicherheit“ denn erhöhen? In England gibt es die umfassendste Überwachung und das dichteste Netz von Polizeistreifen aller Industrieländer – die Terroristen lassen sich davon trotzdem nicht beeindrucken. Hat sich die RAF in den 1970er/1980er Jahren in Deutschland auch nicht. Außerdem fordert die AfD immer gerne „Steuersenkungen“, „Privat vor Staat“, etc. Wie will sie dann „mehr Sicherheit“ finanzieren? Vielleicht mit der Wiedereinführung eines Volkssturms, wo man dann 16jährige zum Dienst an der Waffe verpflichtet?

    Ich sehe es deshalb so: das Wahlergebnis mit dem Abschneiden der AfD spiegelt genau unsere Gesellschaft wider. Ich fürchte, dass sich die AfD auf Dauer halten wird (sofern die Partei sich nicht vorher selber zerlegt). Ich hoffe aber gleichzeitig, dass es bei diesen Ergebnissen (um die 15%) auch bleiben wird.

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