Die weiße Null

von André Wülfing

 

Was interessiert mich die schwarze Null, es sei denn im Derby gegen den BvB. Ohnehin ist fraglich, warum die Null schwarz sein soll. Gewinne werden schwarz bilanziert, Verluste rot. Aber null ist null, auch eine „rote Null“ wäre ja Unsinn, zumal als verwaltungspolitische Zielvorgabe, es sei denn im Spiel gegen die Bayern. Also liegt die Wahrheit in der Mitte: Die einzig wahre Null ist weiß, und zwar auf königsblauem Grund, im Verbund mit der schönen Vier – oder?

Die schwarze Null sei ein Fetisch, heißt es jüngst wieder aus politischen Richtungen, die eher nicht der regierenden „Großen Koalition“ anhängen. Sie (die Null) aufrecht zu erhalten, bloß um eben dieses zu tun, (sie aufrecht zu erhalten), wirke zwar vernünftig und haushaltsconsolidarisch, sei aber Blödsinn. Denn wenn „Keine-neuen-Schulden-Machen“ gleichgesetzt wird mit „Keine-neuen-Investitionsausgaben-Tätigen“, dann werden die Kosten unseres gemeinwohligen Befindens absehbar viel höher sein. Man müsse – auch unter Neuaufnahmen von Schulden, zunächst aber mal grundsätzlich – viel mehr investieren, gerade wenn wir unseren Kindern kein Brachland an lebenswerter Welt hinterlassen wollen, Schulden hin oder her.
Die Null muss stehen, das haben sich sowohl der ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble, als auch der aktuelle Schatzmeister Olaf Scholz und der Fußballtrainer Huub Stevens auf ihre Fahnen geschrieben: Keine neue Schulden im öffentlichen Haushalt, die kommen dann unseren Kindern später zu teuer! Keine Gegentore in der laufenden Spielzeit, die führen dann später zu herben Punktverlusten.

Mathematisch richtig, nicht wahr: Kein Gegentor, so ist zumindest schon mal klar, dass du das Spiel am Ende nicht verlierst. Keine neuen Schulden, so ist zumindest schon mal klar, dass du, äh, am Ende keine neuen Schulden hast.
Du hältst damit Vertrauenswürdigkeit aufrecht und deine Staatsschulden so knapp um die 2 Billionen Euro. Und mit 34 Punkten am Ende einer Saison steigst du ab.

Nach den ersten drei Spielen der laufenden, neuen Bundesliga-Saison hat Schalke da ja dann bisher alles richtig gemacht. Die Knappen führen doch tatsächlich in einer der zahlreichen Statistiken die Tabelle an: Unsere Jungs haben die meisten Spiele ohne Gegentor absolviert! Nämlich 2! Alle anderen waren so schuldenfreundlich, in ihren drei Spielen höchstens einmal „zu Null“ zu spielen. Großartig! Danke, David Wagner! Danke, Alexander Nübel!
Am Sonntag geht es gegen den Vatikanclub FC Paderborn, die ballern gerne drauf, heißt es … Nun, da ihr dies lest, wisst ihr schon, wie es ausgegangen ist.

Ich aber weiß nicht, wie wichtig es meinen Kindern ist und deren Kindern sein wird (sollten sich solche dann noch trauen, zu schlüpfen!), ob die Geldschulden ihres Heimatlandes bei wenig unter oder über 2 Billionen liegen werden.
Denke eher, vorsichtig überlegt, dass sie selbst und wiederum ihre Kinder viel lieber noch genügend gut atembare Luft um sich herum haben wollen, erlebbar noch wissen werden wollen, was ein Wald ist, dass sie gerne und mit genügend Lebensqualität in ihren Städten leben wollen möchten, gesund von A nach B reisen können, genug und gerecht vom allgemeinen Bildungskuchen etwas mitbekommen wollen, dass sie genügend ausreichend qualifizierte Lehrer erleben möchten …
Ja gut, wenn genug Geld da ist!? Dann geht es natürlich auch ohne neue Schulden. Das ist klar, Schalke: Mittel, die nicht genügend aus Fernseh-, Sponsoring-, Merchandising- und Ticketeinnahmen vorhanden sind, können auch nicht investiert werden in gute Ausbilder, Trainer, Begleiter, nicht in gut ausgebaute Passwege direkt aus der Abwehr auf den Flügel, in schnelle Internetballverbindungen überall aufs Spielfeld, investiert gegen marode Spieltechnik, Überbrückungen des Mittelfeldes …
Ich weiß, Schalke. Es gibt zu wenig gute Leute. Die guten sind in der Wirtschaft, der Champions League der Anstellungsverhältnisse, da wird mehr bezahlt. Wir haben zu viele Bestimmungen und Gesetze und Verwaltungsvorschriften und Rücksichtnahmen und nötige Videobeweise … Da ist man schnell abgestiegen in die 2., 3., 4. Liga der lebenswerten Städte.

Investitionsstau! Das ist das Problem, nicht das fehlende Geld. Ich bitte doch herzlich drum, dass wir nun für ein halbes Jahr mal alle zusammen Luft holen und das vorhandene (oder nötigenfalls zusätzlich zu borgende Geld – die armen, doch ständig zu rettenden Banken wird’s freuen) vorübergehend auf dem Tisch liegen lassen. Alles, was kluge Köpfe und Köpfinnen sind, sollen sich jetzt endlich zusammensetzen und wirksam auf den Weg bringen, wie die generationenlang sich verkrustet habenden Strukturen im Land und in den Kommunen am besten aufgeweicht werden können. Und dann das Geld vom Tisch in die Hände nehmen und wirksam nutzen! Tradition, das wissen wir ja, sei nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weiterreichen der Flamme. Die Schnittstellen in den gegnerischen Abwehrreihen entlarven, sie nutzen, den Ball viel öfter steil schicken, als ihn immer nur hin- und herzuschieben. Ohne Blockaden im Hirn einfach „mal machen“: Ein gut ausgebautes Fahrradwege-Netz mal komplett über eine Stadt werfen, Lehrerinnen und Lehrer so gut bezahlen, dass sie in genügender Zahl diesen Beruf ausüben möchten, ebenso Pflegerinnen und Pfleger, Polizistinnen und Polizisten. Den wahnwitzigen Ressourcenverbrauch mit entsprechenden, mutigen Maßnahmen wirksam eindämmen – gegen die einen und anderen, ja, oft sehr vielen und mächtigen Lobby-Interessen. Mal den direkten Pass wagen, mehr über die Flügel spielen. Gegen den Klimawandel unbedingt das schnelle Umschaltspiel verbessern, ja, zur Tugend machen. Und, bitte, die vielen Zugewanderten und Zugewandertinnen entlohnt mitarbeiten lassen an den unendlich vielen Baustellen, in den Gebäuden, auf den Straßen, in der Betreuung, in der Pflege – Sie nicht als lästig begreifen, sondern als Talente.

Das wär‘ mal was, Schalke. Gelsenkirchen. Nordrhein-Westfalen. Deutschland. Europa. Ob man dafür jetzt oder etwas später doch wieder neue Schulden aufnehmen müsste, soll dagegen eine wichtige Aufgabe von ein paar qualifizierten Fachleuten sein, durchaus, aber nach meiner Meinung marginal angesichts der anstehenden Aufgaben. Und die Diskussion um die schwarze Null kann dann wieder ins Stadion zurückwandern. Der Herr Wagner hat ja wohl schon mit dem Herrn Stevens geredet.

Eure hängende Spitze
SLib

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code