Ein Blick ins Dunkel

Ausstellung „Parallelwelten“ im Wissenschaftspark thematisiert Kinderarmut

von Denise Klein

Wer durch das Atrium des Wissenschaftsparks geht und sich die Fotos an den Wänden anschaut, befindet sich schon mittendrin. Mitten im Spannungsfeld von Armut und Reichtum, von einer Welt, die offensteht und viel bietet, und einer Welt, die ausgrenzt und keine Chance gibt. Hier im Wissenschaftspark mit seinen Büros, gedeckten Tischen und dem mietbaren Rund-um-Service für das Geschäftsmeeting, dort – nur einen Schritt vor die Tür – einer der schwierigsten und sicher auch ärmsten Stadtteile der Stadt, Ückendorf. Hier im Wissenschaftspark hängen bis Mai die Fotos der Ausstellung „Parallelwelten_Fotoarbeiten zur Kinderarmut“.
Die Bilder mit den Kindern in desolaten Umgebungen berühren uns. Und das sollen sie auch. Auf die Erkenntnis, dass Armut ungerecht ist, dass Kinder nicht so aufwachsen sollten, dass Kinder Unterstützung brauchen, können wir uns sicherlich alle einigen. Partei-, welt- und menschenbildübergreifend. Doch die Ausstellung soll mehr sein als bloße Selbstvergewisserung der eigenen Empathie.

Die Ausstellung „Parallelwelten“, die der Gelsenkirchener Fotograf und Kurator Peter Liedtke (Leiter des „Pixelprojekt_Ruhrgebiet“) initiiert und in den Wissenschaftspark gebracht hat, zeigt ein kaleidoskopisches Bild vieler unterschiedlicher Formen von Benachteiligung. Armut hat viele Gesichter.
„Es ist ja nach wie vor das Thema, das uns allen am unerträglichsten ist“, meint Peter Liedtke.
Er hatte den Aufruf gestartet und ein sehr gutes Händchen bewiesen, aus den Einsendungen bundesweit tätiger Fotograf*innen auszuwählen und die Bilder in einen Kontext zu setzen.
„Die Zahlen zur Kinderarmut sind schon erschreckend genug, aber Zahlen erzeugen ja kein Gefühl. Die Bilder aber als Möglichkeit, in so ein Leben hineinzuschauen, vermögen das sehr stark.“
Jedes dritte Kind ist arm. Armut ist somit keine Randerscheinung, kein reiner Milieubegriff, sondern mitten drin in unseren Kindergärten und Schulklassen. Und nicht immer auf den ersten Blick sichtbar.
Eine Langzeitstudie der AWO, die dieser Tage veröffentlicht wurde, hat arme Kinder dabei beobachtet, wie es ihnen auf dem Weg ins Erwachsenwerden ergangen ist. Und wo sie heute, als Mittzwanziger, ihre Position in der Gesellschaft gefunden haben. Die Studie mit dem Titel „Wenn Kinderarmut erwachsen wird…“ bringt nur bedingt neue Erkenntnisse. Sie zeigt aber auf, welche Auswirkungen Armut in einem wirtschaftlich überdurchschnittlich potenten Deutschland auf Kinder und Jugendliche hat. 1997 begann die Studie. Heute sind die Kinder von damals groß, erwachsen, wirtschaftlich autark oder selbst schon verantwortlich für eigene Kinder. Zwei Drittel der Kinder, welche die Studie über zwei Jahrzehnte begleitete, haben letztlich den Weg aus der Armut gefunden.
Das ist gut. Doch die Kehrseite heißt auch, dass einem Drittel der Aufstieg nicht gelingt. Armut vererbt sich, brennt sich durch Vorbilder als Rollenmodell in das eigene Handlungsspektrum. Jeder Vierte der damals Sechsjährigen hat entweder keinen oder einen sehr niedrigen Schulabschluss und sogar jeder Dritte keinen Berufsabschluss. Hartz IV oder Niedriglohnsektor sind somit vorprogrammiert.

In den Fotografien der Parallelwelten-Ausstellung zeigen sich sehr unterschiedliche Annahmen von Armut, denn jeder Fotograf, jede Fotografin sieht etwas anderes in dem Begriff.
Angenehm wenig ist Armut in dem viel gesehenen Süd-Ost-Europa-Zusammenhang subsumiert. Zwei, drei Bilder zeigen zugemüllte Hinterhöfe, die eher Schrottplätzen gleichen. Diese Bilder kennen wir hier in Gelsenkirchen nicht nur aus der Zeitung, jeder kennt sie aus eigener Anschauung, man muss meist nur ein paar Straßen weiter gehen.
Vielmehr richten die Fotografinnen den Fokus auf das nicht immer Offensichtliche. Aus der ganzen Republik und über verschiedene Jahrzehnte hinweg sind so Arbeiten zusammengekommen, die zeigen, dass das Thema sich für kurze Sprünge nicht eignet. Und sich oft ein zweiter Blick lohnt, um Erkenntnisse zu gewinnen.
Da ist das Foto von diesem Mädchen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, das bei laufendem Fernseher auf dem dreckigen Boden seine Strafarbeit macht. „Ich muss an mein Sportzeug denken“, muss sie schreiben. Sie ist gerade beim 14. Satz. Eine bessere pädagogische Möglichkeit fiel dem Lehrer offensichtlich nicht ein. Ist sie bloß so schusselig? Oder gibt es schlicht keine helfende Hand, die morgens dem Kind den Turnbeutel in die Hand drückt? Die dem Kind hilft, sich in dieser schwierigen und herausfordernden Welt zurechtzufinden? Die Wände in diesem Wohnzimmer sind mit Graffiti verziert, vielmehr haben Michele und Loreen ihre Namen an die Wand gesprayt. Keine kreative Wandmalerei, wie Kinder es bisweilen schon mal machen. Eher in der Laune hingekritzelt, es ist offenbar egal, ob es die Wohnzimmerwand ist. Der Schrank bekommt ebenfalls etwas Gekrakel ab. Die Sonne scheint durch die geschlossenen schrägen Fenster der Dachgeschosswohnung, die Fliesen auf dem Boden sind angewärmt. Bei längerem Hinschauen springt dem Betrachter die Erkenntnis an, dass dieser Raum gar nicht das Wohnzimmer, sondern das Kinderzimmer ist. Der Fernseher gehört dem Mädchen, das Sofa ist wohl eine Schlafcouch, an der Schrankwand hängen ausgedruckte Selfies, keine gemalten Bilder. Auf den Fotos am Schrank ist ein älteres Mädchen immer wieder zu erkennen, vielleicht die ältere Schwester, die die Instagram-Posen sehr gut beherrscht, mit Bildfiltern und Lippenstift gut umzugehen weiß, Schnute verzieht, ordentliches Hohlkreuz für runden Po. Soziale Medien versorgen mit weiblichen Rollenvorbildern.
Diese Fotografie von Harald Hoffmann entstand als Auftragsarbeit für die Diakonie in Mühlheim an der Ruhr. Der Sozialverband ermöglichte ihm den Zutritt zu Wohnungen, in die er wohl ohne die persönliche Fürsprache der Sozialarbeiter
innen nicht gekommen wäre. Seine Arbeiten sind in ihrem Duktus des zufälligen Beobachters besonders ehrlich, und zugleich haben sie wenig Voyeuristisches. Hoffmann erkennt das Dilemma der abgebildeten Kinder, vermag es, sie ohne Worte aufzuzeigen, muss nicht inszenieren. Die Wirklichkeit ist schon trist genug.

40Prozent aller Kinder in Gelsenkirchen leben von Sozialtransfers. In manchen Ecken der Stadt werden es in konzentrierter Form bedeutend mehr sein. Armut verteilt sich kaum ins bürgerliche Milieu, sie zeigt sich in ganzen Straßenzügen. Ob hier, in Duisburg, Herne oder Bochum; besonders das Ruhrgebiet hat es hart getroffen. Strukturwandel hin oder her, mittlerweile ist dieser Erklärungsansatz sehr holzschnittartig. Immer wieder wird er zitiert, und immer passt er auch. Aber eben nur unzureichend. Denn weite Teile der Bevölkerung sind durch die Politik der letzten Jahrzehnte konsequent weiter entmachtet, entrechtet, entwertet worden. Warum sind Alleinerziehende so sehr von Armut bedroht und meistens letztlich auch getroffen wie keine andere Gruppe?
Eine ganze Reihe dieser jungen, alleinerziehenden Frauen hat die Fotografin Tamara Eckhardt aus Berlin portraitiert. Auch hier drei ganz unterschiedliche Frauen, eigentlich fast noch Mädchen, die wie gefangen wirken in der Ausweglosigkeit der frühen Mutterschaft. Liebe zum Kind wird hier nicht abgesprochen, doch die nahe Zukunft ist nicht von Selbstverwirklichung und Ausprobieren getränkt. „Vom plötzlichen Erwachsenwerden“, so nennt Tamara Eckhardt ihre Fotoreihe, doch bleibt die Frage offen, was das Erwachsensein genau ausmacht.
Ein Drittel der jungen Menschen, die als Kind arm sind, bleibt es auch weiterhin. Sie haben keine Ahnung, was sie tun müssen, um rauszukommen. Haben die Werkzeuge nicht mitgegeben bekommen, um auf sich acht zu geben, sich Dinge zuzutrauen, erleben sich und ihr Vermögen immer defizitär.
Armut ist hierzulande genau definiert. Wer 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, ist von Armut bedroht. Bei 50 Prozent ist man offiziell arm. Ein Single-Haushalt, der weniger als 892 Euro pro Monat zur Verfügung hat, gilt als arm. Kann man diese Armut aber wirklich fassen? Gar sezieren?

Die Debatte um Kinderarmut ist sicherlich eine der dringlichsten, die wir zu führen haben. Sie ist aber genauso verlogen, denn gerade wir als potente Gesellschaft sind nicht in der Lage, Geld so zu verteilen, dass alle ihr gesichertes Auskommen haben. Es widerstrebt dem Großteil der Deutschen, Geld einfach so zu verteilen, ohne irgendeinen Leistungsbezug, ohne Anstrengung. Das sei unfair, so die gängige Haltung. Andererseits haben die Deutschen kein Problem, wenn Kinder qua Geburt reich sind. Erben hat keinen Makel. Survival of the fittest, oder besser: the richest. Wir bemitleiden die armen Kinder, verachten aber die Eltern, die es nicht schaffen, ihren Kindern ein gutes und fleißiges Vorbild zu sein. Das Sozialgeld, aus Steuergeldern erwirtschaftet, reicht als Reminiszenz an eine solidarische und moralisch gute Gesellschaft. Man hat es zivilisatorisch weit gebracht. Niemand muss verhungern.
Aber hungern müssen viele. Nicht umsonst sind die Tafeln explosionsartig aus dem Boden geschossen, werden Schulbrote und Obst täglich an die Schulen geliefert. Und die Zahl der Tafeln in Deutschland nimmt weiter zu. Rund 1.000 gibt es mittlerweile, damit haben sie sich zur größten sozialen Bewegung der heutigen Zeit entwickelt, die Lebensmittel an finanziell Schwache weitergibt.

Herausragend in der Ausstellung Parallelwelten sind sicherlich die Bilder der Fotografin Yolanda vom Hagen, die die Geschichte ihrer eigenen Kindheit erzählt, einer Kindheit in Armut. Flankiert von eigenen Beschreibungen, Gedanken und kleinen Bittbriefen an die Mutter zeigt die 35-Jährige reale, meist selbstgeschossene Fotos aus den 1990ern. Vom Hagen beschreibt die Unsicherheiten einer Kindheit, die sich auseinandersetzen muss mit dem Alleinsein, weil die Mutter arbeiten ist, mit dem Sitzen im Dunkeln, denn der Strom ist mal wieder abgestellt worden, mit dem getrenntlebenden Vater, der die Verabredung mit der eigenen Tochter schlicht vergisst. Diese mutige Gewährung der Fotografin, dendie Betrachterin in das schambesetzte Innerste blicken zu lassen, ermöglicht, die ganzen Randbelastungen dieses Oberbegriffs Armut zu erahnen. Es sind Ängste vor Kälte und Dunkelheit, vor Ausgegrenzt sein und Abwertung, vor Hunger, wenn am Ende des Monats einfach kein Geld mehr für richtiges Essen da ist.

Etwa 10 Prozent aller arbeitenden Menschen in Deutschland sind sogenannte Aufstocker, verdienen so wenig, dass sie es nicht schaffen, die einfachsten Dinge wie Miete, Versicherungen und Essen von ihrem Lohn bestreiten zu können. Die SPD hatte unter Kanzler Schröder den Niedriglohnsektor so stark ausgebaut, dass das, was Gewerkschaften und Arbeiter*innen an Mitbestimmung und Verdienst verhandelt hatten, wie ein Soufflé in sich zusammenfiel. Schröders Partei ist diesen Weg mitgegangen, und sie wird sich von diesem Verrat an ihrer Kernklientel nicht mehr erholen. Dass die westliche Gesellschaft nicht mehr glänzen muss, um den sozialistischen Osten vor Neid erblassen zu lassen, tat sein Übriges. Die Armen sind vergessen, man muss ihnen kein Versprechen mehr geben, man könne aus eigener Kraft den Sprung nach oben schaffen.

Bilder aus den anonymen Wohnanlagen, aus dem Asylbewerberdorf, aus dem Frauenhaus: auch das sind Facetten der Armut. Schmutzige Kinder in einem Garten aus Müll, Verwahrlosung, Depression, ausgemergelte, fertige Gesichter von Müttern, ein Vater mit Hakenkreuz-Tattoo auf dem Bein. Die Abgewerteten der Gesellschaft wollen selbst abwerten – andere, noch abhängigere, wollen andere Schmarotzer nennen. Denn so werden sie selbst genannt, zumindest meinen und fühlen sie das so. Und das Gefühl, kein tragendes, gebrauchtes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein, erfahren arme Kinder und Jugendliche früh. Das beginnt spätestens mit dem Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule.
Die Stadt Essen lieferte kürzlich erstaunliche Zahlen zum Thema: Gehen im reichen Bredeney 88% Kinder eines Jahrgangs nach der Grundschule zum Gymnasium, sind es im nördlichen Stadtteil Vogelheim nur 19%. Der weitere schulische Werdegang wird diesen Kindern wenig positive Überraschungen bereiten.
Auch hier in Gelsenkirchen ist die Quote der Schulabbrecher mit über 10 % besonders hoch. Ein Indiz, dass es wenig wirkkräftige Instrumente gab, die jungen Menschen auf die richtigen Gleise zu setzen, wenige Menschen außerhalb des Familienkontextes, die die eigenen Kräfte der Kinder stärken konnten und ihnen Mut zu- und Vertrauen aussprachen.

„Armut findet man in dieser Stadt, sobald man die Tür aufmacht“, so Kurator Peter Liedtke, dem es bei der Idee zur Ausstellung wichtig war, in einer der ärmsten Städte den Finger in die Wunde zu legen. Liedtke saß jahrelang mit seinem Büro in einem Ladenlokal auf der Bergmannstraße in Ückendorf.
„Der Stadtteil geht vor unser aller Augen zugrunde. Gerade die Ückendorfer Straße. Da kann man an der Bochumer Straße machen, was man will.“
Die Ückendorfer Straße ist ein Paradebeispiel für den Kampf der Stadt gegen die Armutswindmühlen. Wird Energie, viel Geld und Marketing in die Bochumer Straße gesteckt, verelendet hinter dem Rücken der Stadtplaner die Schwesterstraße. Keine Durchmischung von unterschiedlichen Kulturen, Bildungsgraden, Berufen oder Einkommen. Segregation befeuert nicht Verständnis für andere Lebenssituationen und -formen, vielmehr verfestigt sich das Misstrauen auf beiden Seiten. Hier, auf der Ückendorfer und ihren abgehenden Nebenstraßen, entstehen gerade tatsächlich Parallelwelten.

„Schwestern” von Eva-Maria Horstick, 2014

Aus der Reihe „heimatlos “ von Stefan Klascheid, 2005-2006

Aus der Reihe „Im Gleisdreieck Duisburg“ von Frank B. Napierala, 1972

Parallelwelten_Fotoarbeiten zur Kinderarmut

Eine Ausstellung des Pixelprojekt_Ruhrgebiet mit Fotografien von Tamara Eckhardt, Robert Freise, Yolanda vom Hagen, Harald Hoffmann, Eva-Maria Horstick, Stefan Kalscheid, Brigitte Kraemer, Frank Bruno Napierala, Jürgen Nobel, Selina Pfrüner, Achim Pohl, Catharina Tews, Uwe Weber, Roland Willaert, Andre Zelck und Schülerinnen des Hölderlin Gymnasiums Köln

Zu sehen bis 9. Mai 2020
Wissenschaftspark, Munscheidstraße 14, 45886 GE-Ückendorf
geöffnet: Mo-Fr 7-17:30 Uhr, Sa 7:30-14:30 Uhr
Eintritt frei

 

www.pixelprojekt-ruhrgebiet.de

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