Öffentlichkeit unerwünscht

Stadtwerke trennen sich von Kaue als Veranstaltungsort

Von Denise Klein und Tobias Hauswurz

Die Gelsenkirchener Stadtwerke haben den Mietvertrag mit der KAUE in Gelsenkirchen-Schalke gekündigt. Schon im Juni endet der Vertrag. Die Kulturspielstätte in den historischen Gebäuden der Zeche Wilhelmine-Victoria steht damit vor dem Aus. Die Kündigung liegt bereits Monate zurück – warum blieb das so lange unter Verschluss?

Still und heimlich sollte es mit der KAUE offenbar zu Ende gehen; während einer Pandemie, in der ein geschlossener Veranstaltungsort nicht groß auffällt. Seit einigen Wochen geisterte das Gerücht bereits durch die Gelsenkirchener Kunst- und Kulturszene. Die Stadtwerke haben es jetzt auf isso.-Nachfrage hin bestätigt: 

Als eine seiner letzten Amtshandlungen hatte Ulrich Köllmann als Chef der Gelsenkirchener Stadtwerke den langjährigen Vertrag mit der Kaue-Inhaberin VEWO Wohnungsverwaltung GmbH gekündigt. Aus Kostengründen, wie es heißt. Die finanziell angeschlagenen Stadtwerke entledigten sich mit der Kündigung der KAUE eines Kostenfaktors, der mit rund 85.000 jährlich inkl. Nebenkosten zu Buche schlägt.

Kosteneinsparung auf dem Rücken der Kunst- und Kultursparte ist ein beliebtes Mittel, weil weiche Standortfaktoren eben solche sind: weich. Schwer messbar. Dass nun mit der Kaue einer der traditionsreichsten Veranstaltungsorte Gelsenkirchens aufgegeben werden soll, schmerzt sicher nicht nur Freund*innen der Kleinkunst. 1886 begann die Zeche Wilhelmine Victoria, Schacht ¼ mit der Förderung von Kohle und prägte über viele Jahrzehnte nicht nur das Gesicht des „Dreiländerecks“ Schalke-Feldmark-Heßler, sondern war auch starker Indentifikationsfaktor für die Menschen. Seit fast dreißig Jahren, als aus der Waschkaue nach der Renovierung ein Veranstaltungsort wurde, prägt die Kaue auch einen nicht zu unterschätzenden Teil des Gelsenkirchener Kultur- und Nachtlebens. Zwar wurde im Laufe der Zeit sowohl der Kneipen- als auch der Diskobetrieb eingestellt, aber rund 50-mal im Jahr zieht das Programm der emschertainment überregionales Publikum nach Gelsenkirchen.  Dies soll künftig in der Heilig-Kreuz-Kirche in Ückendorf stattfinden. Was aus der KAUE künftig wird, darüber wird geschwiegen.

Bei der Stadt hält man sich mit Plänen noch bedeckt: Die Dinge seien derzeit im Fluss, und es gebe intensive Gespräche, lautet die knappe Antwort von Stadtsprecher Martin Schulmann. Welche Stellen in der Stadtverwaltung an diesen Gesprächen beteiligt sind, ließ Schulmann offen. Auch wann man die Öffentlichkeit über den Wegfall der KAUE als Kulturstandort informieren wollte, sagte Schulmann nicht. „Die Dinge brauchen manchmal Zeit, manchmal auch mehr als ein Jahr“, so Schulmann. Das hilft bei der Planungssicherheit der Eigentümerin und Vermieterin der Immobilie, der VEWO Wohnungsverwaltung GmbH derzeit wenig. Aber man bleibt nicht untätig. „Wir haben die Kaue 2011 zum Erhalt des Kulturstandortes ersteigert, die seitdem angestoßene Standortentwicklung würden wir gerne fortsetzen. Erste konzeptionelle Ideen liegen vor“, so Ute Trapp, Geschäftsführerin der VEWO.

In der nächsten Woche wollen Stadtwerke und Verwaltung über eine mögliche Zukunft der KAUE beraten. Ob als Kulturstandort oder mit einem anderen Konzept, das ist noch unklar. Doch die Vorzeichen, dass es mit dem Kulturbetrieb in städtischer Beteiligung weitergehen wird, stehen schlecht: Mit dem neuen Geschäftsführer Harald Förster hat Oberbürgermeisterin Karin Welge einen erfahrenen Kostensparer installiert, der nun aber, einmal in den Sanierungskampf geschickt, keine Gefangenen machen wird.  Die Chance, dass er die Kündigung zurücknehmen wird, schätzen interne Kreise als gering ein.

Kommentar: Man kann es kaum nachvollziehen, warum die Kündigung der Kaue nicht längst in die Öffentlichkeit gehievt wurde und offen über neue Nutzungskonzepte gesprochen wurde. Dass die Stadt Geld sparen muss, ist keine Neuigkeit, aber seine Attraktivität noch weiter zu beschneiden? Darauf muss man erst mal kommen.

Nun ist aber Harald Förster mit genau diesem Auftrag eingesetzt worden: er soll aufräumen. Und die Geister, die Karin Welge rief, machen nun das Gewünschte. Dass Förster als Chef der ggw und der Stadtwerke nicht nur sämtliche Immobilien verwaltet, sondern auch die Bereiche Freizeit und Kultur besetzt, ist in seiner Konzentration ungewöhnlich. Und bedenklich. Warum die neue Oberbürgermeisterin eine einzelne Person mit so viel Macht ausstattet, darüber mag man nur spekulieren. Die Entscheidung wirkt in der Außendarstellung schwach und unklar, Führungsqualität und Entscheidungskompetenz sehen anders aus. Und gute Öffentlichkeitsarbeit längst.

 

 

 

4 Gedanken zu “Öffentlichkeit unerwünscht

  1. Zur Erinnerung:
    Laut Hauptsatzung der Stadt Gelsenkirchen entscheidet der Kulturausschuss über

    „g) die Anmietung und Anpachtung bei einer Jahresleistung über 25.000 € der zuständige Fachausschuss“. (§ 13 Aufgaben der Ausschüsse)

    Leider ist das heimliche Ausbooten des Rats und seiner Ausschüsse eine seit Jahren zu beobachtende Unsitte der Verwaltung im Dualismus mit der Mehrheitsfraktion, zum Teil – wie hier – unter Einbindung der städtischen Unternehmen.

    Es wird Zeit, dass die seit 2010 in Deutschland allgemein stattfindende weit verstandene Rekommunalisierung der Aufgaben, auch in Gelsenkirchen endlich als Zielsetzung eines Meilensteins der Redemokratisierung ankommt. Ansonsten geht in der Stadtgesellschaft das Gefühl verloren, dass im Sinne der Gewaltenteilung diejenigen Gremien entscheiden, die für die Entscheidung zuständig sind. Hier: Der Kulturausschuss.

    Wenn stattdessen, wie hier via Stadtwerke im Dualismus mit der Verwaltung und den Mehrheitsfraktionen das Gefühl des Vorhandenseins einer intakten Kommunalen Demokratie in der Stadt unterminiert wird, führt das nur zu weiterem Verdruss in der Stadtgesellschaft mit abnehmender Wahlbeteiligung und/oder Wählen der AfD.

    Dem Rat und seinen Ausschüssen müssen die ihm zustehenden Kompetenzen zurückgegeben werden. Es braucht ein Gutachten, wo das im Einzelnen zu geschehen hat. Die Stadt Essen hat es im Jahr 2013 vorgemacht. Jetzt ist Gelsenkirchen damit dran!

  2. Die Sometzki-Idee mit einer Generaleinschätzung über die realen Machtverteilungen in GE zwischen Legislative und Exekutive ist überfällig: allzu lange hat der kurzgeschlossene Filz aus SPD-Fraktionen in Rat und SPD-Seilschaften in der Verwaltung unsere Stadt in den Zustand manövriert, den wir jetzt als Scherbenhaufen vor den Füßen liegen haben. Das gilt für die strukturellen Grundbedingungen hier.
    Dass es in GE fortschrittliche Ansätze gibt, als Ausnahme von der Regel, wissen wir ja auch: Ich nenne als Beispiele nur mal das Räumliche Strukturkonzept und das Handlungskonzept Zuwanderung Süd-Ost oder den Quartiersfonds zur unkomplizierten finanziellen Unterstützung von Stadtteilinitiativen. Aber die jetztige GroKo mit ihrer satten Mehrheit und schon ihr bisheriges Handeln sind ja bereits Beweis genug, dass die SPD jetzt keine Rücksicht mehr auf die CDU nehmen muss, sondern beide in ihrer Machtvollkommenheit endlich im Einklang (Gleichschritt) vorwärts in die Vergangenheit gehen können – ohne auf andere kleinere Fraktionen und deren meist recht sinnvolle Vorschläge eingehen zu müssen – just wie ja alle tatsächlich relevanten Grundsatzentscheidungen in Bund und Ländern immer mit der supergroßen Abstimmungskoaltion der Bürgerlichen Parteien beschlossen wurden. Die von unserer neuen OBin angekündigte „Schaffung von Ermöglichungsstrukturen“ (WAZ-Intwerview als sie noch Kandidatin war), bedürfen durchaus noch gesteigerter Anstrengungen, um wirklich ernst genommen werden zu können.
    Sind wir mal gespannt und bleiben wach und frech.
    Um mit Walter Benjamin zu schließen: „Dialektisches Denken
    ist politisch und sollte Wissen produzieren, damit es zu
    eingreifendem Denken führt.“

  3. Unglaublich. In einer Stadt mit unendlich vielen Kulturveranstaltungsräumen einen solchen Schritt zu gehen ist mehr als unverständlich. Betriebswirtschaftliche Kennzahlen sind durchaus wichtig. Aber die KAUE ist ein überregional bekannter Kulturstandort und somit ein Aushängeschild der Stadt. Eine solche Kündigung im Stillen und Verborgenen auszusprechen ist eine Vorgehensweise die eine Paradebeispiel für eine fantastische Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Gelsenkirchen ist. Ich hoffe, dass die Stadtverwaltung schnellst möglich Ihren Einfluss wahrmacht und diese Kündigung zurückzieht oder alternative Konzepte ermöglicht.

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