So klingt ZUHAUSE

oder: Die Zukunft des Lokalradios in NRW

VON MICHAEL VOREGGER

Sinkende Reichweiten und Einbrüche bei den Werbeeinnahmen: Die 44 privaten Lokalradios in Nordrhein-Westfalen stecken in der Krise, und begonnen hat die schon lange vor Corona. Die Pandemie und der Lockdown 2020 haben die Lage verschärft. Nun ist allen klar: Eine neue Strategie muss schnell entwickelt werden.

Die Landesmedienanstalt (LfM) in Düsseldorf hat mit den Akteuren eine „Strukturanalyse ­Lokalfunk NRW“ erstellt und moderiert die Neuausrichtung.
„Die zentrale Erkenntnis der Strukturanalyse ist, dass der Hebel zum Wandel innerhalb des Systems selbst liegt, und das ist auch allen Beteiligten sehr bewusst. Lokale journalistische Vielfalt zu schützen, kann nur in einem wirtschaftlich tragfähigen System gelingen“, sagt Tobias Schmid, Direktor der LfM NRW. Das Papier soll für die Akteure im Lokalfunk zumindest die Richtung vorgeben.
Das Feld der Beteiligten ist auf den ersten Blick unübersichtlich und besteht aus 44 Sendern mit Chefredaktionen und Betriebsgesellschaften. Dazu kommen Veranstaltergemeinschaften, Radio NRW und der Verband Lokaler Rundfunk (VLR). Ein Blick auf die Betriebsgesellschaften gibt ein klareres Bild. Bei 40 Lokalsendern geben große Zeitungsverlage wie Funke, Du Mont, Lensing und die Rheinische Post den Ton an. Sie bilden die Betriebsgesellschaften der Sender und sind für den wirtschaftlichen Erfolg zuständig.
Etwa sechs Millionen Menschen hören jeden Tag das Programm der Lokalradios in NRW, und damit liegt deren Reichweite vor dem großen Konkurrenten WDR. Der private Lokalfunk soll die journalistische Vielfalt in den Städten und Gemeinden sicherstellen. Die ist in vielen Orten inzwischen kaum gegeben, da es neben dem Radio meist nur noch eine Tageszeitung gibt.

Gelsenkirchen ist die ärmste Stadt Deutschlands mit einem Durchschnittseinkommen von 17.015 Euro und einer Arbeitslosigkeit von 14,1 Prozent. Da bleibt nicht viel Geld für ein Zeitungsabo übrig. Die Lokalausgabe der WAZ verkauft in der Stadt mit rund 260.000 Einwohnern jeden Tag 17.400 Ausgaben. Seit 2015 gingen 10.000 Leser verloren. Eine Stadtteilredaktion wurde bereits geschlossen, und die Zukunft der Zeitung ist ungewiss. Gesellschaftliche Debatten finden hier kaum statt und erreichen immer weniger Menschen. Die Wahlbeteiligung lag bei der Kommunalwahl 2020 bei dem historischen Tiefstwert von 41,5 Prozent. Der Lokalsender Radio Emscher Lippe setzt in dieser Situation auf Unterhaltung, Nachrichten und Information. Journalistische Beiträge und Reportagen sind die Ausnahme.

Die Landesmedienanstalt macht sich schon lange Sorgen, um die Zukunft des lokalen Rundfunks in NRW. Die Warnung vor deutlich sinkenden Werbeeinnahmen im Jahr 2018 führte zu keiner Veränderung, weil die Verlage sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten.
Jetzt befürchten die Lokalsender in NRW einen dramatischen Rückgang bei den UKW-Reichweiten von bis zu 30 Prozent in den nächsten fünf Jahren. Das würde für das gesamte System Umsatzverluste in zweistelliger Millionenhöhe bedeuten.
„Die nächsten Schritte sind vereinbart, und die Aufgaben werden klar verteilt. Jetzt müssen im Grunde alle einfach nur ihre Arbeit machen und dürfen dabei nicht vergessen, dass Solidarität gerade jetzt von allen verlangt, Einzelinteressen im Sinne der lokalen Vielfalt zurückzustellen“, sagt Tobias Schmid.

 

Die Zukunft hat schon begonnen

Die 44 Lokalsender und die LfM haben inzwischen einen „letter of intent“ unterzeichnet. Es sollen die Reichweiten erhöht und eine „bessere Wirtschaftlichkeit“ erreicht werden. Die Unterzeichner setzen auf ein Programm mit „lokaler Anmutung“. Eine etwas kryptische Formulierung, die viel Raum für Spekulationen lässt. Dabei wird die Berichterstattung von nebenan von den Menschen ausdrücklich gewünscht. So gehören zum Beispiel die Lokalsender rund um Bielefeld zu den erfolgreichen im Lande, weil sie auch im lokalen Alltagsgeschäft auf journalistische Inhalte setzen.

Die aktuellen Maßnahmen der Sender und der beteiligten Verlage gehen allerdings in eine andere Richtung. Radio Emscher Lippe (REL) strahlt sein Programm in Gelsenkirchen, Gladbeck und Bottrop aus. Aktuell strebt der Sender mit Radio Mülheim-Oberhausen und Radio Kreis Wesel die Zusammenlegung der Redaktionen in einem gemeinsamen Funkhaus an. Alle drei Sender gehören zu Westfunk, dem Serviceanbieter der Funke-Mediengruppe. Das neue Funkhaus soll in am Jakob-Funke-Platz in Essen aufgebaut werden, dem Hauptsitz des Funke-Konzerns. Die ersten Vorbereitungen laufen bereits, wahrscheinlich wird REL den Standort Gelsenkirchen schon im Dezember 2023 aufgeben.
„Ich bin etwas alarmiert“, sagt Volkmar Kah, NRW-Landesgeschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). „Denn dieses Modell sollte eine von mehreren Möglichkeiten sein. Die Idee war, dass wir zuerst gemeinsam ein Konzept entwickeln.“


Journalistenverbände sehen das Funkhausmodell kritisch, da sie einen Qualitätsverlust der journalistischen Arbeit befürchten. Es bleibt die Frage ungeklärt, wie lokaler Journalismus funktionieren kann, wenn die Redaktion nicht mehr vor Ort arbeitet. „Eine Zusammenarbeit verschiedener Lokalsender kann Synergien schaffen und den wirtschaftlichen Betrieb sichern. Die Sender müssen sich strategisch entwickeln, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein“, heißt es auf Nachfrage bei der Landesanstalt für Medien NRW: „Das Programm soll bestehen bleiben, und die Zusammenlegung mehrerer Funkhäuser ist denkbar. Die lokale Berichterstattung muss weiterhin gewährleistet sein.“ – Bei Radio Emscher Lippe liegt der neue Standort rund 20 Kilometer entfernt vom alten Funkhaus.

Für die Medienanstalt ist der Spagat zwischen Zentralisierung und lokaler Berichterstattung lösbar. In NRW ist die Funke-Mediengruppe der Verlag mit den meisten Beteiligungen an Lokalradios – fast alle befinden sich im Ruhrgebiet. Eine Bündelung mehrerer lokaler Redaktionen in Essen wäre ein Schritt in Richtung eines Regionalsenders. In der Vergangenheit wurde der WAZ-Mediengruppe (Vorgänger der Funke-Mediengruppe) unterstellt, dass beim Management ein regionales Radio unter eigener Kontrolle ganz oben auf der Wunschliste steht.
Was der DJV-NRW grundsätzlich begrüßt, ist die die Initiative der LfM und das Bekenntnis der Akteure zum Zwei-Säulen-Modell und dem Solidarprinzip. Demnach werden Verluste innerhalb eines Senderverbunds eines Lokalradios durch Gewinne eines anderen ausgeglichen.
Für weniger Begeisterung sorgt die von den Verlagen festgelegte Kennzahl einer Rendite von zehn Prozent.
„Wenn über Verbände unrealistische Renditeerwartungen dazu führen, dass man Strukturen zerschlagen will, darf man das nicht zulassen“, kritisiert Volkmar Kah. „Wir müssen die Strukturen erhalten, und es ist zu befürchten, dass die Betriebsgesellschaften damit einen Hebel in der Hand haben, wirtschaftlich unrentable Radiostationen zu schließen. Immerhin fährt ein Drittel der Sender zurzeit Verluste ein. – Wenn ich als Gesellschaft will, dass ich lokalen Rundfunk habe und wenn ich als Gesellschaft will, dass ich diesen lokalen Rundfunk mit gesellschaftlichen Akteuren betreibe, dann muss ich sie auch in die Lage versetzen, professionell agieren zu können“, sagt Volkmar Kah. „Ich mache mal den Vergleich zum großen WDR. Dort sitzen die Akteure aus der Gesellschaft im Rundfunkrat. Der Rundfunkrat verfügt über eine eigene Geschäftsstelle mit hochqualifizierten Referenten und Sekretariat mit eigenem Etat für Gutachten und kann auf Augenhöhe mit der Intendanz agieren. Das gibt es im lokalen Radio nicht.“


Bürgermedien und
die Interessen der Verlage

Die Landesregierungen in NRW waren in der Vergangenheit unabhängig von ihrer politischen Zusammensetzung immer bereit, auf die Interessen der Verlage einzugehen. So wurde die Verpflichtung für die kommerziellen Hörfunksender, Sendezeit für von Bürgern produzierte Beiträge bereitzustellen seit 2005 abgebaut.
„Der Bürgerfunk war den Verlagen und den Redaktionen vor Ort immer ein Ärgernis, der die professionelle Radioarbeit stört“, sagt Hartmut Hering. Er war lange Jahre Vorsitzender der Veranstaltergemeinschaft (VG) von Radio Emscher Lippe. Die VG ist in dem Zwei-Säulen-Modell für die inhaltliche Ausrichtung des Programms zuständig. Aus seiner Sicht sei die Beteiligung der Bürger am Programm „ein sehr demokratisches Verfahren, und es erhöht auch die Bindung an den Lokalsender“.
Zur Hochzeit des Bürgerfunks gab es 160 von der LfM geförderte Radiowerkstätten in NRW. Die etwa 2.700 Bürgerfunkgruppen produzierten täglich fast 50 Stunden Programm. Inzwischen gibt es kaum Beiträge von Bürgern und wenn, dann meist auf unattraktiven Sendeplätzen.


Das Modell Ostwestfalen

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten von den Lokalradios in NRW. Die sechs Lokalradiostationen in Ostwestfalen-Lippe behaupten regelmäßig vordere Plätze im Landesvergleich und verteidigen die Marktführerschaften in ihren Sendegebieten.
„Die haben lokale Marken und die lokale Berichterstattung ausgeweitet. Es wird weniger das Mantelprogramm von Radio NRW ausgestrahlt, sie machen lokale Berichterstattung und einfach mehr aus der Region“, sagt Volkmar Kah. „Insofern gibt es durchaus spannende Kooperationen, die publizistisch und auch wirtschaftlich erfolgreich sind.“

 

Das Zwei-Säulen-Modell

In NRW regelt das Zwei-Säulen-Modell die Besitzerstruktur der privaten Lokalradios im Land. Die Betriebsgesellschaft (BG) ist für die betriebswirtschaftlichen Aspekte verantwortlich und darf Gewinn erzielen. Das Landesmediengesetz überlässt den Zeitungsverlegern 75 und den Kommunen 25 Prozent der Anteile an Betriebsgesellschaften. Die Veranstaltergemeinschaft (VG) ist für die redaktionelle Ausrichtung zuständig. Sie setzt sich aus ehrenamtlichen Vertretern gesellschaftlich relevanter Gruppen, wie Kirchen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände zusammen. Im Zukunftsvertrag für Nordrhein-Westfalen – dem Koalitionsvertrag – haben CDU und Grüne erklärt, dass sie am „Zwei-Säulen-Modell“ für die Lokalradios im Lande festhalten wollen.

Das Modell steht immer mal wieder in der Kritik, weil den Ehrenamtlichen eine unabhängige Beratung fehlt. In der Realität nehmen sie kaum Einfluss auf die redaktionelle Ausrichtung der Sender und folgen den Vorgaben der Betriebsgesellschaft und damit den Vorstellungen der Verlage. Die sind in der Regel an der Wirtschaftlichkeit interessiert und nicht an redaktionellen Experimenten. Schon der Bericht des Ad-hoc-Ausschusses der Medienkommission hat 2021 auf die steigenden Anforderungen für die ehrenamtlich tätigen Vorstände der Veranstaltergemeinschaften hingewiesen.

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