Corona im Ruhrgebiet

Ende Januar 2020 wurde in Deutschland der erste Corona-Fall nachgewiesen. Seit Beginn der Pandemie beobachtet isso.-Autor Horst Wnuck anhand der Zahlen der Kreise und Kreisfreien Städte die Corona-Entwicklung im Ruhrgebiet. Sein Beobachtungsgebiet umfasst 45 Städte und Gemeinden der Region mit rund 4,8 Millionen Einwohner*innen. Er fasst abseits der tagespolitischen Diskussionen einige Besonderheiten zusammen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren unzählige Daten, Statistiken, Berechnungen und Verlaufskurven. Es wurde von Reproduktionsrate, 7-Tage-Inzidenz, exponentiellem Wachstum, Mortalitätsrate, Übersterblichkeit, Spätfolgen, von mit oder an Corona Verstorbenen und mittlerweile auch von Auslastung der Intensivbetten oder von Test- und Impfquoten geredet und darüber mitunter auch verbissen gestritten.

Immer mal wieder wurde die Aufmerksamkeit auf verschiedene Hotspots der Region gelenkt, und es ließ sich auch beobachten, wie die Ausbreitung der Pandemie öfters innerhalb der Region hin und her schwappte, doch eine Gesamtschau für die Entwicklung der Corona-Pandemie im Ruhrgebiet existiert bisher nicht. Was also lässt sich gesichert festhalten?

Zunächst stieg die Zahl der gleichzeitig als akut infiziert gemeldeten Menschen im Ruhrgebiet bis Anfang April 2020 auf über 2.200 Personen. Danach ebbte diese 1. Welle ab und die Zahl sank bis Ende Juni auf unter 500 Infizierte. Den Sommer über waren nur vergleichsweise geringe Ausschläge zu beobachten, und noch Mitte September lag die Zahl der akut Infizierten unter 1.000. Ab der zweiten Septemberhälfte baute sich dann die 2. Welle auf. Sie erreichte erst am 21.12.2020 mit über 19.100 gleichzeitig infizierten Menschen ihren bisherigen Höhepunkt im Ruhrgebiet. Diese Zahl ging bis Ende Februar 2021 auf unter 6.000 zurück. Seitdem steigen die Zahlen wieder an und lassen nichts Gutes erahnen, am 28. März waren 11.896 Menschen akut infiziert. Somit befinden wir uns auch im Ruhrgebiet derzeit in der 3. Welle.

Relativ am höchsten in Bezug auf die Bevölkerungszahl ist die akute Inzidenz seit längerem in Herne. Die Inzidenz lag hier am 28. März bei 451. Diese Zahl ist deutlich höher als die oft zitierte und politisch relevante 7-Tage-Inzidenz, da sie nicht nur die Neuinfektionen der letzten sieben Tagen, sondern alle als akut infiziert gemeldeten Personen bezogen auf 100.000 Einwohner*innen erfasst.

Insgesamt waren im Ruhrgebiet bisher über 175.000 Menschen als mit Corona infiziert gemeldet, was rund 3,7 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Diese Zahl umfasst alle jemals nachweislich infizierten Personen, unabhängig davon, ob sie genesen, verstorben oder noch akut infiziert sind. Die tatsächliche Zahl der Infizierten liegt wohl durchschnittlich um das Zwei- bis Dreifache höher, was die bisherigen repräsentativen Antikörpertests vermuten lassen. Die Marke von 100.000 gemeldeten Fällen wurde in der Woche vor Weihnachten überschritten.
Die meisten Infektionen insgesamt wurden bisher aus Duisburg (21.280), Dortmund (20.545), Essen (19.914), Bochum (12.009) und Gelsenkirchen (11.209) gemeldet. Das sind zwar die bevölkerungsreichsten Städte im Ruhrgebiet, es fällt jedoch auf, dass Duisburg mit deutlich weniger Einwohner*innen als Dortmund und Essen die Liste anführt.

Bezogen auf die Bevölkerungszahl ist die Infektionsrate insgesamt bisher am höchst-en in Gladbeck, wo bereits über 5,1 % der Bevölkerung amtlich mit Corona infiziert waren. Es folgen Herne und Oer-Erkenschwick mit je rund 4,6 % sowie Lünen mit 4,5 % und Gelsenkirchen mit 4,3 %.
Am 9. März 2020 verstarb in Essen eine 89-jährige Frau. Sie war das erste Todesopfer in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie im Ruhrgebiet. Seither stieg die Zahl der Menschen, die im Ruhrgebiet mit Corona starben, auf 4.518.

Während die Infektionszahlen bezogen auf die Bevölkerung im Ruhrgebiet schon sehr früh im Verlauf der Pandemie über den Vergleichswerten im übrigen NRW lagen und bis heute liegen, war dies bei den Zahlen der Verstorbenen zunächst lange nicht so. Erst Anfang Dezember, also knapp neun Monate nach dem ersten Todesopfer, stieg die Zahl der Toten auf über 1.000. Schon Anfang Januar 2021 waren es dann über 2.000, am 21. Januar über 3.000 und am 19. Februar schon über 4.000 Tote. Allein am 15. Januar wurden im Vergleich zum Vortag 89 Tote mehr gemeldet. Mittlerweile liegt die Todesrate im Ruhrgebiet mit 0,095 % der Gesamtbevölkerung deutlich über der im restlichen NRW (0,073 %).

Die meisten Toten haben Duisburg (535), Essen (511), Gelsenkirchen (356), Dortmund (320) und Oberhausen (304) zu beklagen. Besonders dramatisch ist hier die Zahl Gelsenkirchens, das deutlich mehr Tote betrauert als Dortmund, obwohl es deutlich weniger als die Hälfte der Einwohner*innen hat.

Doch bezogen auf die Bevölkerungszahl kostete Corona in einigen Städten noch mehr Menschen das Leben als in Gelsenkirchen. In Datteln starben bisher 0,208 % aller Einwohner*innen mit Covid-19 – von rund 34.600 Einwohner*innen ließen 72 in Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion ihr Leben. Auch Werne (0,178 %), Oer-Erkenschwick (0,175 %), Recklinghausen (0,17 %) und Herdecke (0,158 %) wurden schwer von der Pandemie getroffen. Es fällt auf, dass die Kommunen mit den höchsten Infektionsraten nicht automatisch auch die mit den höchsten Todesraten sind. Letztlich gilt die Todeszahl als verlässlichster Indikator dafür, wie stark die Auswirkungen von Corona tatsächlich sind. Doch fatalerweise erlaubt genau diese Zahl kein vorausschauendes Handeln.

Im gesamten Beobachtungsgebiet gibt es seit langer Zeit nur noch eine Kommune, die die Pandemie bisher ohne ein Todesopfer überstanden hat. Es ist die kleine Gemeinde Schermbeck am nördlichen Rand des Ruhrgebiets.

Ein letzter Aspekt soll noch erwähnt werden. Was die Beobachtung auf der Städteebene zunächst nur erahnen lässt, verdichtet sich schnell beim Blick auf die kleinräumigeren Zahlen in den Stadtbezirken im Duisburger, Essener und Dortmunder Norden. Neben den Schwerpunkten im Ostvest und im nördlichen Kreis Unna sind weite Bereiche der Emscherzone überdurchschnittlich stark von der Corona-Pandemie betroffen. Das zeigen, wie schon erwähnt, die hohe Gesamtinzidenz in Gladbeck, die hohe akute Inzidenz in Herne, die hohen Todeszahlen in Oberhausen und Gelsenkirchen sowie die hohe Sterberate in Recklinghausen. In Duisburg zählt der Stadtbezirk Hamborn, zu dem auch Marxloh gehört, in Essen der Stadtbezirk Altenessen und in Dortmund die Nordstadt zu den Corona-Hotspots. Es zeichnet sich also ein ähnliches Muster ab, wie es aus Sozialraumanalysen bereits bekannt ist und es liegt nahe, dass hier Korrelationen zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren zu finden sind. Dies ist ausdrücklich eine Hypothese. Sie sollte aber dringend untersucht werden.

Letzte Aktualisierung der Zahlen: 28. März 2021
Es wurden die Fallzahlen der Kreise und Kreisfreien Städte (bei denen die Gesundheitsämter angesiedelt sind) zugrunde gelegt.
Bei allen Berechnungen wurden die Einwohnerzahlen am 31.12.2019 laut Landesbetrieb Information und Technik NRW verwendet. (www.it.nrw)
Zur Berechnung des NRW-Vergleichs wurden die Zahlen des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW verwendet. (www.mags.nrw)

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