Der Mensch als Todsünde

Das Musiktheater inszeniert „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“

Eine Rezension von Alexander Welp

 

„Wir brauchen keinen Hurrikan, wir brauchen keinen Taifun. Denn was er an Schrecken tun kann, das können wir selber tun.“ – Bertolt Brechts und Kurt Weills Oper führte bereits bei ihrer Uraufführung im Jahr 1930 zu einem der größten Theaterskandale der Weimarer Republik: Zu düster, zu gesellschaftskritisch und letztlich als „entartete Kunst“ abgestempelt.

Regisseur Jan Peter, bekannt durch Dokumentardramen wie Krieg der Träume 1918-1939, inszeniert die postmoderne Oper mit starkem Hang zur Kapitalismuskritik nun am Musiktheater im Revier. Seine Adaption des Stoffes bleibt dem ursprünglichen Leitmotiv treu, versetzt das dystopisch geprägte Szenenbild ins Ruhrgebiet der Nachkriegszeit und schafft eine unbehagliche Atmosphäre beim Zuschauer. Die neue Produktion überzeugt mit einer starken gesanglichen Leistung des Opernchors, einer eindrucksvollen Drehbühne, kämpft jedoch mit einigen inszenatorischen Schwächen.

 


Ein bizarrer Prozess – Ackermanns größte Sünde: er besitzt kein Geld! (Opernchor, Almuth Herbst als Begbick; Mitte rechts, Matrin Homrich als Paul Ackermann; rechts außen)

 

Witwe Begbick und ihre beiden Mitstreiter Fatty und Dreieinigkeitsmoses stranden nach einer Wagenpanne im absoluten Ödland. Kurzerhand beschließen die drei gesuchten Nazi-Verbrecher eine neue Stadt zu gründen, um reich zu werden. Im Stile von Sodom und Gomorra wächst die Stadt Mahagonny rasch und zieht neben Prostituierten und Vergnügungssüchtigen auch vier Holzfäller um Paul Ackermann aus Alaska an. Durch mannigfaltige und strikte Verbote wird es dem vermeintlich rebellischen Paul rasch zu langweilig, und im Angesicht einer bevorstehenden Naturkatastrophe entwirft er den neuen Slogan der Stadt: „Du darfst!“ – entgegen der alteingesessenen nationalsozialistischen Philosophie.

Nachdem die Stadt von dem drohenden Unglück des angekündigten Hurrikans verschont bleibt, geben sich die Bewohner den Lastern hin: Wollust, Völlerei und Gewalt in ausuferndem Maße stehen auf dem Programm. Paul Ackermann wird diese Lebensweise schlussendlich zum Verhängnis, als er seine Zeche nicht bezahlen kann und zum Tode verurteilt wird. Das angebliche Paradies Mahagonny versinkt durch egozentrische Protestmärsche der Bevölkerung im absoluten Chaos, und zum Schluss überleben lediglich die Schurken Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses, welche ihr perfides Spiel nun von Neuem beginnen können.

Epische Oper mit szenischen Mängeln

Unter der musikalischen Leitung von Thomas Rimes blüht die klanggewaltige Strahlkraft des Musiktheaters erneut auf. Von jazzig-rhythmischen Tönen bis hin zu melancholischen Arien, bietet die Neue Philharmonie Westfalen mit breiter Burst ein buntes und kaleidoskopisches Erlebnis. Vor allem der Song „Oh Moon of Alabama“, welcher unter anderem auch von The Doors und David Bowie gecovert wurde, besticht durch einen fließenden Wechsel von Nostalgie, traurigen Koloraturen und zynischem Sprechgesang.

Ein großes Lob verdient zudem die Bühnengestaltung von Kathrin-Susann Brose. Das Drehgerüst fährt hoch und nieder, verbirgt unter sich einen ganzen Chor aus Bergleuten, erstrahlt mal kreischend bunt und verfällt dann wiederum in tristem, atmosphärischem Grauton. Eine famose künstlerische Leistung!

Die akustische Glanzleistung wird allerdings von darstellerischen Defiziten getrübt. Längere statische Szenenbilder bremsen die Erzählung während einiger Passagen aus. Die Entscheidung, die Naturkatastrophe als Luftangriff inklusive Atompilz darzustellen, ist ein logischer und nachvollziehbarer Gedanke, nur die Umsetzung hätte mutiger ausfallen können. Während des vorbeiziehenden Bombardements flackert die Bühne in beißendem Stroboskoplicht, derweil führen die Darsteller eine langatmige und behäbig wirkende Choreografie, ohne akustische Unterstützung, vor – hier wäre mehr Mut lohnenswert gewesen! Spielerisch bleiben zudem auch die Darsteller etwas hinter der Erwartung zurück.

Stimmlich zeigt Martin Homrich als Paul Ackermann erneut, dass er zur Crème de la Crème der Tenöre gehört, jedoch war seine Interpretation eines anarchistisch und rebellisch geprägten Charakters dieses Mal nicht so ausgefeilt, wie beispielsweise in den Produktionen „Nabucco“ und „Königskinder“.

 


Tod durch Wurst – die Völlerei wird zum Verhängnis (Opernchor, Tobias Glagau als Holzfäller Jakob Schmidt)

 

Nichtsdestotrotz besitzt Jan Peters Bearbeitung von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ seine Daseinsberechtigung. Das Stück regt zum Nachdenken an, und die Kritik an einer egoistischen Gesellschaft, die es nicht vermag aus dem kapitalischtischen Korsett zu entkommen, bekommt gerade im 21. Jahrhundert eine erschreckende Aktualität. Zum Abschluss durfte das Ensemble überdies einen langen und ausgefallenen Applaus genießen!

 

Termine:
02. Februar: 19:30 Uhr
14. Februar: 19:30 Uhr
22. Februar: 19:30 Uhr
17. März: 18:00 Uhr
22. März: 19:30 Uhr
14. April: 18:00 Uhr
20. April: 19:30 Uhr
04. Mai: 19:30 Uhr

 

Preise:
14,32 € – 47,92 €

 

www.musiktheater-im-revier.de

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