Die Musik des Kreuzweges: im Gespräch mit Danny-Tristan Bombosch

von Alexander Welp, Fotos: Ralf Nattermann

Hochkonzentriert schaut Julian Wangemann ein letztes Mal in sein Textbuch, betritt dann von links die Bühne und entgegnet seinen Mitspielern mit warmen und gütigen Blicken: „So muss es sein, wenn wir den Willen des Vaters erfüllen wollen! Ich muss meinen Weg gehen!“.
Einen Teil des Weges hat das Ensemble rund um den Hauptakteur und Jesus-Darsteller bereits beschritten, und die Proben laufen auf Hochtouren: Szenen werden bearbeitet, Abläufe wiederholt, Emotionen und Spiel verfeinert. Nach und nach fügen sich alle Puzzleteile ineinander.
So bewegend die körperliche Darstellung der Schauspieler zu diesem Zeitpunkt schon sein mag, ein wichtiger Aspekt wird dem gespielten Leidensweg Jesu in Gelsenkirchen-Rotthausen noch eine ganz besondere Atmosphäreverleihen – die musikalische Begleitung. Wo in den beiden letzten Versionen noch auf bereits bestehende Musikstücke zurückgegriffen wurde, wird sämtliche Begleitmusik in der diesjährigenProduktion von der Pike auf neu komponiert. In einem aufschlussreichen Gespräch erklärt der junge Gladbecker Komponist und Pianist Danny-Tristan Bombosch, was ihn an der Produktion reizt, wie er zur Musik kam und warum der Spielort noch als ein weiteres Instrument in seinem Orchestergesehen werden kann.

Einstiegsfrage: Hans Zimmer oder John Williams?

Danny-Tristan Bombosch: (lacht) Das ist einfach: Für mich ganz klar Hans Zimmer! Mit ihm kann ich mich viel besser identifizieren. Klar, beide sind großartige Komponisten, aber beim Arbeitsprozess bin ich viel näher bei Zimmer. John Williams schreibt jede Note auf Papier und orchestriert per Hand, alte Schule quasi. Hans Zimmer komponiert mit Hilfe von Computerprogrammen, so wie ich es auch tue.

Wie kamen Sie zur Musik?

Am Gymnasium lernte ich damals mit zehn Jahren meinen damaligen Musiklehrer kennen, der unheimlich toll Klavier spielen konnte. Das wollte ich dann auch lernen! Ich bettelte also meine Eltern an, ob sie mir nicht so ein schickes E-Piano kaufen könnten, wie sie damals auf den Markt kamen. Meine Eltern waren zunächst skeptisch. Das ist bei Kindern ja oft so, dass sie irgendwas haben oder machen wollen, und dann nicht so wirklich am Ball bleiben. Ich lernte dann aber Noten lesen, und zusammen mit meinem Musiklehrer konnte ich meine Eltern doch überzeugen. (lacht) Zu Weihnachten bekam ich dann mein Piano! Danach war ich dann auch noch an einer Musikschule und hatte einige Jahre klassischen Klavierunterricht. Aber ich bin ehrlich. Nach einiger Zeit hatte ich dann keine Lust mehr, diese ganzen Stücke zu lernen, improvisieren hat mir viel mehr Spaß gemacht. Irgendwann kam ich dann auf die Idee, dass es echt cool wäre, wenn ich mein Spiel auch mal aufnehmen könnte. Mit einem MIDI-Anschluss (Musical Instrument Digital Interface; Anm. d. Red.) lud ich dann auch viel Musik bei iTunes hoch und war sogar eine Weile unter den Top 30 der musikalischen Podcasts. Danach brachte ich mir, wieder autodidaktisch, das Komponieren bei.

Danach ging es damit los, dass Sie anfingen, für verschiedene Bühnenproduktionen Musikzu machen. Wie kamen Sie zum Theater?

2013 gab es in Gladbeck ein offenes Casting für die Produktion „Luther“ von theater glassbooth. Da wurden auch Leute gesucht, die etwas hinter der Bühne beitragen wollen. (lacht) Ich wollte erst nicht hingehen, aber meine Mutter hat mich dann doch dazu angestachelt. Als ich das Skript bekam, hatte ich sofort einige Ideen, wie man den Charakter Martin Luther musikalisch darstellen könnte. Ich wollte ihn mit Tönen beschreiben. Ein einfacher Klang ist dabei häufig wichtiger, als eine Melodie. Nachdem „Luther“ so ein großer Erfolg wurde, das Stück wurde ja auch überregional gespielt, orchestrierte ich auch für viele weitere Theaterstücke die Musik. Beispielsweise für „Das Totenschiff“ und „Mein Kampf“ vom Trias Theater Ruhr. Nach und nach bekam ich auch Kontakte zur Filmindustrie. Bei der Serie „Extinction: Prologue“, die zur Zeit auf Festivalreise ist, durfte ich die Musik beisteuern, und auch für den Science-Fiction Film „Nightfall“,der gerade auf Island gedreht wird, habe ich die Musik komponiert. In Zukunft will ich mich auch im Bereich der Filmproduktion einarbeiten. Das sind alles so spannende und interessante Sachen.Ich bin immer noch so dankbar, dass ich damals einfach auf gut Glück zu diesem Casting gegangen bin – sonst wäre ich heute nicht da, wo ich stehe.

 

Was hat Sie an der Passion 2020 gereizt?

Auf jeden Fall, dass ich bei dieser Geschichte auch sehr viel Epos mit hineinnehmen kann. Das ist eine sehr emotionale Musik, an der ich seit knapp einem Jahr arbeite. Auch hier habe ich wieder versucht, einzelne Bilder, wie beispielsweise das Kreuz, klanglich zu porträtieren. Ich habe mir in dieser Zeit so eine Art musikalisches Tagebuch angelegt, in dem ich viel improvisiert habe und mir immer wieder Schnipsel heraussuche, die mir dann gefallen oder gut zu einer Szene passen könnten. Wenn ich komponiere, fange ich auch immer erst mit dem Klavier an. Das ist meine Grundform, mein Gerüst, auf dem ich aufbaue. Wenn ich am Klavier ein D spiele und die Sektion der Streicher hinzufügen möchte, dann spielen diese Instrumente automatisch auch ein D. Es sind also analoge Aufnahmen von jedem Ton, den ich selbst am Klavier einspiele. Am Computer kann ich dann auch noch die Dynamik, Atmosphäre und Lautstärke steuern – so lange, bis ich zufrieden bin. Bei der Passion wird es auch viele düstere Passagen geben. Der Kreuzweg wird mit einer Sektion von Kontrabässen untermalt. An dieser Stelle wird es auch sehr viel Vibrato und einige Paukenschläge geben, die die Peitschenhiebe symbolisieren. Was wir auf der Bühne nicht darstellen können, das versuche ich dem Publikum mit meiner Musik nahezubringen.

Das Stück wird in Rotthausen in einer Kirche gespielt. Trägt der Spielort noch zusätzlich zur Atmosphäre bei?

Absolut! Diesen sakralen Ort finde ich unheimlich spannend. In einer Kirche kommen die Musik und der Chor akustisch natürlich noch einmal ganz anders rüber. Die Zuschauer können sich dann auch viel besser fallen lassen, erleben und staunen. Wenn die Klänge unter die Haut gehen und zum Schluss vielleicht auch die eine oder andere Träne vergossen wird, dann habe ich alles richtig gemacht!

www.triastheater.de

 

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