Im Erfahrungsaustausch vorwärtskommen – Selbsthilfegruppen unterstützen Heilung und Therapie

von Denise Klein

Was ich nicht wollte, war, einen Jammerclub zu gründen.“ Das war mit der wichtigste Ansatz, als sich Anita Porwol 2009 entschied, die Selbsthilfegruppe „Chronischer Schmerz“ zu gründen. Einmal im Monat treffen sich rund 25 Betroffene im Cura Seniorenzentrum, um sich auszutauschen und über neueste medizinische Erkenntnisse oder alternative Therapien zu reden. Und der Informationsbedarf ist groß.

Doch das eint sicherlich alle Selbsthilfegruppen: Hier haben Betroffene oder Angehörige die Möglichkeit, mit ihren Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen auf Menschen zu treffen, die das ganze Paket aus eigener Erfahrung kennen. Denn oft sind die Belastungen so groß, dass sie in alle weiteren Lebensbereiche übergreifen. Gesundheitliche, seelische oder soziale Probleme sind Fallstricke für ein glückliches Leben. Und zu wissen, dass man nicht allein mit seinen Sorgen dasteht, ist schon eine Erleichterung.

„Aber man muss schon den Willen haben, sich zu öffnen und dabei zu bleiben“, sagt Werner Schehler, Stadtverbandssprecher des Kreuzbunds, der sich um Menschen, die in Suchtmittelabhängigkeit geraten sind, und ihre Angehörigen kümmert. Meist ist das Alkohol, aber auch andere Abhängigkeiten. „Letztlich ist Sucht überall gleich, nur die Gruppenarbeit unterscheidet sich“, weiß Heinz Hoven, Sprecher des Blauen Kreuzes in Gelsenkirchen.

Es gehört eine Menge Mut dazu, sich – auch zu einer überwundenen Suchterkrankung – zu bekennen. Werner Schehler und Heinz Hoven, beide früher selbst abhängig, haben diesen Mut aufgebracht, gehen für ihre Gruppen in die Offensive und machen Werbung. Doch ähnlich wie bei anderen Vereinen, klagen auch die Selbsthilfegruppen über nachlassende Teilnehmerzahlen. Woran das liegt? In der Arbeitsgemeinschaft der Gelsenkirchener Selbsthilfegruppen ist man sich nicht sicher, vielleicht liegt es am allgemeinen sozialen Rückzug der Gesellschaft.

„Dabei ist die Form der Selbsthilfegruppe eine sehr erfolgreiche. Sie ist oft die einzige Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten intensiv auszutauschen. Das hat man im Alltag nicht“, wirbt Christa Augustin, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Aileen-Filiz Sayin für PariSozial des Paritätischen die Selbsthilfe-Kontaktstelle in der Dickkampstraße 12 leitet.

Das kann Ulrich Kahl nur bestätigen: „Wir machen anfangs immer eine kurze Austauschrunde, bei der jeder erzählen kann, wie es ihm gerade geht oder was ihm in der letzten Zeit widerfahren ist“, erzählt der Leiter der Gruppe Persönlichkeitsstörung. Und fährt fort: „Wenn jemand erzählt, dass er gerade unglaublich aggressiv auf alles und jeden reagiert, dann sitzen in der Gruppe genug Menschen, die das bestens kennen. Und können ebenso über eigene Wege zum Umgang mit diesen Gefühlen berichten. Das ist nicht hypothetisch, wie manch ärztlicher Ratschlag, sondern authentisch. Und das kann man annehmen.“

In Gelsenkirchen gibt es etwa 250 Gruppen, die sich das Ziel gesetzt haben, über die Gemeinschaft und die Erfahrungskompetenz von Betroffenen Hilfe und Beistand zu vermitteln. Rund die Hälfte wird dabei von Krankenkassen in der Finanzierung der Infrastrukturkosten wie Räumlichkeiten und Organisation finanziert. „Das betrifft vor allem Gruppen, die medizinische und gesundheitliche Gründe haben. Der Rest, man nennt das sozialbasierte Gruppen, bekommt diese Unterstützung nicht“, erklärt Christa Augustin.

Auch deshalb ist das Dach der großen gemeinnützigen Gesellschaft bedeutend für das Funktionieren von Selbsthilfegruppen. Je nach Bedarf sind die Gruppen sehr unterschiedlich organisiert. So gibt es Gesprächsgruppen, bei denen gerade der Erfahrungsaustausch besonders wichtig ist. Bei anderen hingegen steht die Informationsbeschaffung im Zentrum. „Der Grund, zu einer Angststörungsgruppe zu gehen, ist sicherlich ein anderer, als sich bei der Gruppe Atemwegserkrankungen über medizinische Fakten zu informieren“, weiß Christa Augustin.

Und die Vielfalt, weshalb sich Menschen in Gruppen zusammenfinden, ist groß. Pflegende Angehörige, Migräne, Demenz, Blindheit, Essstörungen, Trauer oder Zwangserkrankungen; das ist nur ein kleiner Teil der derzeitigen Selbsthilfegruppen in Gelsenkirchen.

Wer sich näher informieren möchte, kann dies bei der Kontaktstelle tun. Oder zum Selbsthilfetag kommen, der am Samstag, dem 1. September von 10 bis 14 Uhr im Hans-Sachs-Haus stattfinden wird. Hier lädt die Arbeitsgemeinschaft der Gelsenkirchener Selbsthilfegruppen in Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe-Kontaktstelle Interessierte, Betroffene und Angehörige ein, den ersten Schritt zu wagen oder sich einfach über das große Angebot vor Ort zu informieren. Eröffnet wird die öffentliche und kostenlose Veranstaltung mit Podiumsdiskussion, Infoständen, Mitmachaktionen und musikalischem Programm durch Oberbürgermeister Frank Baranowski.

Selbsthilfe-Kontaktstelle Gelsenkirchen
Dickampstr. 12, 45879 GE-Altstadt (Eingang i.d. Hofeinfahrt)

Telefon: 0209 / 9132810
E-Mail: selbsthilfe-ge@paritaet-nrw.org

Sprechzeiten: Mo, Di & Mi: 9-12 Uhr, Do: 14-17 Uhr,
sowie nach Vereinbarung

www.selbsthilfe-ge.de

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