Moderne Schuld und Sühne

Drama im Zeitalter von Smartphones und Putins Russland

Ein Lesetipp von Roman Dell

Ilja liebt Vera. Vera liebt Ilja. Sie sind jung, glücklich und schmieden Pläne für die Zukunft. Als Ilja eines Abends beschließt, mit Vera den angesagten Dance-Nightclub „Paradise“ im Herzen der Moskauer Metropole zu besuchen, ahnt der junge Student nicht, dass er damit sein bisheriges Leben über Nacht in den Abgrund stürzt. Die Diskothek wird von einem Sondereinsatzkommando der Polizei gestürmt, das hier nach Rauschmitteln und Drogendealern sucht. Auch Vera wird von einem der Beamten festgehalten, der sie auf die Polizeiwache mitnehmen will. Ilja befürchtet, dass man das Mädchen dort unter dem Vorwand der Leibesvisitation sexuell missbrauchen wird, und schreitet ein. Dabei gerät er sofort in einen Streit mit dem Leiter der Operation, einem jungen Offizier, und wird an Stelle von Vera verhaftet, die der Polizist plötzlich gehen lässt. Weil Ilja es gewagt hat, den mächtigen Staat in Person des Kommando-Offiziers mit zivilem Ungehorsam und unbequemen Fragen herauszufordern, lässt man an ihm ein Exempel statuieren. Bei der Durchsuchung steckt der arrogante Staatsdiener ihm einen Plastikbeutel mit Kokain zu, den seine Kollegen kurz danach triumphierend „finden“. Ein klarer Fall für die Justiz. Ilja wird verurteilt und ins Straflager geschickt…
Sieben Jahre später kommt Ilja wieder frei. All diese Zeit hatte er das Leben des „Schweins“ – jenes jungen Offiziers, der ihm damals die Drogen zugesteckt und ihn in den Knast geschickt hatte (der eigentlich Petja Chasin heißt und genauso alt wie Ilja ist) – über das russische soziale Netzwerk „V Kontakte“ verfolgt, gesehen und beobachtet, wie er in Moskau ein unbeschwertes Leben führte und sich mit seinen Bilder-Posts im Internet wie ein Pop-Star feiern lässt. Iljas Leben dagegen ist komplett zerstört. Seine Freundin hat ihn nach den ersten zwei Jahren in Haft verlassen, und seine Mutter starb am Vortag seiner Entlassung. Als er die leere Wohnung betritt, bricht Iljas Welt erneut zusammen. Er will seinen Peiniger wiedersehen und ihn zur Rede stellen. Wissen, warum der sein Leben aus purer Laune zerstört hat.
Er findet Petja am selben Ort, an dem damals sein eigenes Schicksal besiegelt wurde. Nur trägt der Club inzwischen einen anderen Namen. Sie geraten erneut in Streit. Im Affekt tötet Ilja seinen Peiniger, versteckt ihn panisch unter Straßen-Dreck und nimmt Petjas Handy an sich, weil das „Schwein“ ihr Gespräch mit dem Smartphone aufgezeichnet hatte. Beim Stöbern in Speicher des Geräts entdeckt er, dass der Ordnungshüter ein Doppelleben geführt hatte. In dem Moment klingelt das Handy. Weil seine Entlassung und Petjas Tod auf denselben Tag fallen, fürchtet Ilja, von der Polizei schnell gefasst zu werden, und übernimmt fortan die Identität des Toten und damit auch dessen schmutzige Geheimnisse. Aber das ist ein gefährliches Spiel auf Zeit. Und dieses Spiel hat für alle Konsequenzen…

Ein reiner Krimi ist „TEXT“ nicht, auch wenn der Polizistenmord ein zentrales Element darstellt, sondern viel eher ein sozialkritisches Drama, das von Kritikern schon heute mit Dostojewskis „Schuld und Sühne“ verglichen und hochgelobt wird. Die Parallelen sind mehr als eindeutig. Dimitri Gluckhovsky (im Westen durch seine Endzeit-Trilogie „Metro 33“ bekannt) zeichnet das aussichtslose und düstere Universum eines kleinen Mannes im neoliberalen Russland gewissenloser Politiker, korrupter Polizisten und zynischer Neureicher, welche seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes die Geschicke des Landes bestimmen und die Existenz jedes Menschen ungestraft und sekundenschnell auslöschen können, wenn man ihnen unvorsichtig in die Quere kommt.
Nicht nur das Leben des Protagonisten, auch die Sprache des Romans ist sehr hart und wird stellenweise vom Autor bewusst sehr minimalistisch eingesetzt. Glukhovski benutzt kurze und schlichte, aber dafür äußerst schlagkräftige Sätze, die den Leser mit ihrer Wucht traktieren und ausknocken. Kein Roman zum Entspannen, aber sehr wohl zum Nachdenken und Reflektieren, wenn man Literatur nicht als Mittel gegen Langweile und zur Zerstreuung versteht, sondern als Stimme des Gewissens, und sie zur Reinigung der Seele benötigt.

Fazit: Russlandliebhaber sowie gesellschaftlich und politisch interessierte Menschen dürfen bedenkenlos zugreifen. Reine Krimifans werden das Buch dagegen zu farblos, langatmig und deprimierend finden.

 

Dmitry Glukhovsky

TEXT

Europa Verlag, 368 Seiten
ISBN: 3958901972
19,90 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code