„Orlando Paladino“: Die Herausforderung Haydn

Eine Rezension von Alexander Welp, Fotos: Monika und Karl Forster

Liebe, Eifersucht und wütende Raserei – die menschliche Seele, ihre Verletzbarkeit und Irrationalität porträtiert Joseph Haydn mit seiner heroisch-komischen Oper „Orlando Paladino“. Der Großmeister der Wiener Klassik, welcher ansonsten eher klerikale Hymnen orchestrierte, verbindet in seinem Werk das Verlangen nach Anerkennung und Zuneigung mit klangvollen Sinfonien, die unter die Haut gehen. Dennoch, es ist eine mutige Entscheidung des Musiktheaters im Revier, das selten gespielte Stück (Uraufführung 1782) in einem vollkommen modernen Gewand zu präsentieren. Die Adaption von Regisseurin Jetske Mijnssen, welche bereits 2017 in Zürich zu sehen war, glänzt mit einer gesanglichen Meisterleistung des Ensembles, enttäuscht allerdings, vor allem im ersten Akt, durch einige inszenatorische Schwächen. Ein Abend mit Licht und Schatten.

Es ist ein wildes Liebeskarussel, das sich auf der Bühne dreht: Angelica ist unglücklich in ihrer Beziehung zu Medoro, der sich viel zu sehr um sie bemüht. Die Kellnerin Eurilla, welche bei ihrer Arbeit vom pöbelnden Rodomonte amüsiert wird, verliebt sich Hals über Kopf in Pasquale, Orlandos Gehilfen. Orlando selbst verehrt Angelica, erfährt dann allerdings von ihrer Liaison mit Medoro. Getrieben von Eifersucht und Hass droht Orlando, sich selbst das Leben zu nehmen. Konfrontiert mit dem eigenen Unterbewusstsein, erkennen die Figuren ihre Schwächen und Ängste: Medoro plagt sich mit seinen Ängsten, nie ein glückliches Familienleben zu führen, Rodomonte überspielt mit seinem flegelhaften Verhalten seine Unsicherheit, Pasquale brüstet sich mit erdachten Heldentaten und Orlando erkennt, dass sein Jähzorn ins Nichts führt. Doch ein wahrer Prozess der Läuterung will nicht wirklich eintreten, und auch die Hilfsmittel der Liebeszauberin Alcina, welche im Hintergrund ihre Fäden zieht, versagen. Und getreu dem Motto – täglich grüßt das Murmeltier – dreht sich das Liebesarussel munter weiter ..

Martin Homrich als wütender Orlando

Ein Sieg der Statisterie

Um eines vorwegzunehmen: Stimmlich und musikalisch ist diese Produktion über allem Zweifel erhaben. Werner Ehrhardt leitet die neue Philarmonie Westfalen mit dem gebührenden Respekt vor Joseph Haydn. Besonders die schnellen Passagen der Streicher untermauern die Atmosphäre des verwirrenden Liebesspiels in Perfektion. Tenor Martin Homrich begeistert durch Spielfreude und voluminösem Gesang. Verzweiflung, Wut und Sehnsucht – sein Orlando überzeugt auf allen Ebenen. Penny Sofroniadou, Mitglied des Opernstudios NRW, mimt eine vortreffliche Angelica. Der Zuschauer fühlt ihre innere Zerrissenheit,  Angst und Trauer – eine wahre Entdeckung! Dongmin Lee (Eurilla) und Tobias Glagau (Pasquale) erheitern das Publikum mit ihrem neckischen Katz-und-Maus-Spiel, welches vor allem die körperliche Liebe in den Vordergrund rückt. Das Bühnenbild von Ben Baur versetzt die Geschichte in eine moderne Bar im Stile eines 50er Jahre Rockabilly-Diners.

Doch leider bleibt die schöne Kulisse im ersten Akt häufig ungenutzt. Mijnssens Inszenierung kämpft hier zu häufig mit unnötigen Längen, die der dünnen Handlung des Stückes nicht gut tun. Eine schiere Aneinanderreihung von Arien der Solisten lenken den Fokus auf die Mitte der Bühne, links und rechts geschieht zumeist nichts. Hier verschenkt Mijnssen viel Potential für eine dynamischere Aufmachung des Plots. Zu Beginn des zweiten Teils wird dem Zuschauer eine spiegelverkehrte Version der Bar präsentiert, und auch die Inszenierung erlebt einen Wandel von 180 Grad. Auftritt der Statisterie. Als Doubles der Figuren, welche mit ihrem inneren Selbst konfrontiert werden, sorgen die Darsteller für frischen Wind auf dem Parkett. Theodora Hondromatidis zeigt die zarte Facette der Angelica, und ist oftmals nicht von ihrem „Original“ zu unterscheiden. Pete Ekemba berührt das Publikum, wenn er als Medoro mit einem Kinderwagen die Utopie einer glücklichen Zukunft aufzeigt. Für das Highlight des Abends sorgt Gianluca Bruno, der mit seiner minutenlangen tänzerischen Einlage die heroischen Hirngespinste des Pasquales unterstützt. Auch die abschließende Choreografie, bei der die Statisten die halbe Bar auseinander nehmen und in ihren Ursprungszustand versetzen, ist ein Genuss für das Auge – chapeu! Vom Publikum wird dieser kurzweilige Theaterabend mit einem wohlwollenden Applaus honoriert.

Die Verzweiflung der Liebe – Penny Sofroniadou als Angelica

 

Weitere Termine:

So., 02. Februar – 18:00 Uhr

Fr., 07. Februar – 19:30 Uhr

Sa., 29. Februar – 19:30 Uhr

 

Tickets:

13,20 € – 46,20 €

 

https://musiktheater-im-revier.de/#!/de/performance/2019-20/orlando-paladino/

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