Im System verschluckt

Junge Mutter wehrt sich  gegen Inobhutnahme

Juliana* ist 16 Jahre alt. Ein junges Mädchen, aufgeschlossen und in ihrem bisherigen Leben alles andere als ein normaler Teenager. Als sie im Jahr 2016 als Zehnjährige zur Gelsenkirchener Pflegefamilie Gebehenne und Kalinowski kommt, ahnen die beiden Pflegeeltern noch nicht, welche gemeinsame Zukunft der kleinen Schicksalsgemeinschaft bevorsteht.


„Juliana, so wurde uns vom damals zuständigen Jugendamt Herne gesagt, kam aus sehr prekären Verhältnissen und wurde schon einige Jahre therapeutisch behandelt. Später, als sie schon einige Wochen bei uns lebte und Vertrauen zu uns gefasst hatte, offenbarte sie, dass sie von ihrem Vater misshandelt und auch sexuell missbraucht worden war“, erzählt Anke Kalinowski, Sachbearbeiterin bei der Stadt Gelsenkirchen, die gemeinsam mit ihrem Mann Ralf-Dieter Gebehenne, Bundesbeamter außer Dienst, von Anfang an versuchte, dem Mädchen ein stabiles Heim und Fürsorge zu geben. Julianas Herkunftsfamilie ist ein bundesweit bekannter Roma-Clan, ihre Unterkunft bei der neuen Familie eine sogenannte Inkognito-Unterbringung, sprich: Ihr Aufenthaltsort muss streng geheim bleiben.

Die kommenden Jahre sind für das Ehepaar eine große Herausforderung. Immer wieder fällt Juliana in dissoziative Zustände, Momente, in denen sie nicht ansprechbar ist und die Ausdruck für großen seelischen Stress sind.

 

 

 


„Wir haben eine Therapeutin für Juliana gefunden, die eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizierte“, sagt der Pflegevater, bei dem Juliana immer wieder Zuflucht und Schutz sucht. Therapien, Lernstörungen, eine sehr früh einsetzende Pubertät und der starke Drang nach Autonomie bei Juliana sind der zu bewältigende Alltag der Familie. Aufgrund ihrer starken Schulprobleme melden die Pflegeeltern Juliana auf einer Waldorf-Förderschule an, zahlen das erhöhte Schulgeld aus eigener Tasche, damit das Kind in Ruhe Defizite aufholen und ganzheitlich gefördert werden kann. Sie haben Juliana lieb gewonnen, durchleben jugendliches Aufbegehren, Streitigkeiten und Extravaganzen der Pflegetochter, genauso wie Familien mit leiblichen Kindern: mit klaren Regeln, manchmal mit Ratlosigkeit, manchmal mit Schimpfen und den obligatorischen pädagogischen Maßnahmen wie Handyentzug. „Sie ist unsere Tochter, wenn auch nicht im rechtlichen Sinne. Aber wir lieben sie“, sagt Anke Kalinowski, Mutter eines mittlerweile 27- jährigen Sohnes und mitnichten unerfahren in der Erziehung eines Kindes.
Juliana wächst in ihrer Pflegefamilie in einem großen, stabilen Verbund auf. Großeltern, Bruder, Tanten und Onkel nehmen sie von Anfang an als das, was sie ab nun sein soll: die Tochter von Anke und Ralf-Dieter.

So sehr Juliana ihr neues Zuhause auch genießt und gerne in den Armen der Pflegeeltern Schutz sucht, so sehr drängt es sie, Jungen kennen zu lernen. Sie verschickt mit elf Jahren intime Fotos von sich, die daraufhin in der Schulklasse herumgezeigt werden. Unter dem Mobbing, das daraufhin beginnt, leidet Juliana so stark, dass die Situation auch zuhause immer schlimmer wird.
„Juliana hatte immer wieder Anfälle und mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen“, berichtet Anke Kalinowski aus dieser schweren Zeit. Immer wieder muss die Tochter stationär in psychiatrischen Kliniken aufgenommen werden, die Pflegeeltern regeln das zumeist allein. Auch um einen Schulwechsel kümmern sie sich.


Im Mai 2018, Juliana ist gerade zwölf Jahre alt geworden, bitten Anke Kalinowski und Ralf-Dieter Gebehenne um weitere Unterstützung durch eine Familienhilfe, die durch das Jugendamt Herne vermittelt wird. Für Anke Kalinowski markiert diese Entscheidung den Wendepunkt in der bisher guten Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. „Es kam eine Dame der Familienhilfe Lotse, die sich in zwei Einzelgesprächen, in denen es eigentlich um unser Familienleben, Juliana und unsere Probleme hätte gehen müssen, sehr auf unsere jeweilige Familiengeschichte in der NS-Zeit fokussierte. Das hat uns zwar irritiert, aber dem haben wir keine weitere Bedeutung geschenkt“, erinnert sich Anke Kalinowski.
Als der dritte Termin im Haus der Pflegeeltern stattfindet, nimmt die Familienhelferin Juliana zum Gespräch auf einen Spaziergang mit. Danach sei Juliana wie ausgewechselt gewesen, beschreibt Ralf-Dieter Gebehenne. Das Kind wirkte durcheinander und aufgehetzt. Juliana wirft ihren Eltern vor, ihr zu wenig Freiheiten zu geben. Nach einem Telefonat mit dem Jugendamt Herne und dem Wunsch, die privaten Familienhilfeanbieter wechseln zu wollen, erfahren die Pflegeeltern, wie sie von Lotse eingeschätzt werden.


„Wir würden die Nazi-Zeit verherrlichen“, erinnert sich Gebehenne, der sich bis heute nicht erklären kann, wie diese Behauptung zustande kommen konnte. „Wir haben zur Flüchtlingskrise 2015 uns ja ans Jugendamt gewandt, weil wir helfen und einen minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten aufnehmen wollten. Doch da war kein Bedarf. So kam es zur Vermittlung mit Juliana“, so Anke Kalinowski.
Nach dem Wechsel der Familienhilfe wird es besser, doch die Pflegeeltern bemerken, dass das Verhältnis zwischen ihnen und dem Jugendamt abgekühlt ist.

Ein Familienleben
mit Aufs und Abs

Im Familienleben geht es mit Juliana nach wie vor auf und ab. Wieder postet sie sehr intime Fotos, das Handy wird ihr weggenommen, regelmäßig eskalieren die Konflikte. Doch die Pflegeeltern sehen Juliana, wie sie ist und verurteilen sie nicht. Immer wieder holen Juliana die Schrecken der Vergangenheit ein. Familiäre Auseinandersetzungen, Verbote oder Stress in der Schule und mit Freunden werfen sie schnell aus der Bahn. Juliana fängt an, sich wieder zu ritzen. Das hatte sie schon getan, bevor sie zur Familie Kalinowski/Gebehenne kam, bei den Pflegeeltern bisher noch nicht.


Am Abend des 12. Juni 2019 gibt es wieder Zank um das Smartphone. In ihrem Zimmer ritzt sich die 13-Jährige fünfzehnmal tief in den linken Arm. Anke Kalinowski findet sie in ihrem Zimmer, überall ist Blut, Juliana wie paralysiert. Gebehenne ruft den Rettungsdienst, zwei Sanitäter treffen vor Ort ein. Die Pflegeeltern bitten die beiden, Juliana in die Haardtklinik zu bringen. In der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist das Mädchen seit längerem in Behandlung, und mit den dortigen Ärzten ist abgesprochen, dass in solchen Notfällen Juliana sofort gebracht werden soll.
Doch das interessiert die beiden Sanitäter nicht. Sie nehmen Juliana beiseite und sprechen eine Weile mit ihr. Schließlich wird Anke Kalinowski hinzugebeten, die mitanhört, wie sich Juliana äußert. In einem Erinnerungsprotokoll, dass sie kurz nach dem Abend anfertigt, sind die Sätze zu lesen: Ich bin doch nur ein Scheißpflegekind. Papa ist immer grob. Ich kann doch nichts dafür, dass ich vergewaltigt wurde.
Diese Sätze sind es, die die Sanitäter als Gefahr für Juliana ausmachen, die von den Pflegeeltern ausgeht. Sie bringen die Möglichkeit ins Spiel, sie in eine betreute Wohngruppe zu bringen. Dass die Eltern über eine Vollmacht zur medizinischen Versorgung verfügen, wird ignoriert. Vielmehr rufen die Sanitäter beim Notdienst des Gelsenkirchener Jugendamts an, um einen Gruppenplatz für Juliana zu organisieren. Die Aufregung im Haus, der psychische Stress triggert Juliana, und sie erleidet einen dissoziativen Anfall. In diesem Zustand spricht sie das erste Mal seit Jahren wieder in ihrer Muttersprache. Die herbeigerufene Notärztin hält den Anfall eher für eine schauspielerische Einlage, ignoriert die einordnenden Hintergrundinformationen der Eltern zur psychischen Verfasstheit Julianas.


„Ich erinnere mich, dass sie Juliana sehr unter Druck setzte und sie immer wieder drängte, sich nun endlich zu entscheiden. Wohngruppe in Essen oder Klinik in Marl, sie habe ja nicht die ganze Nacht Zeit“, erzählt Anke Kalinowski. Als sich das Kind zu viel Zeit lässt, wird Entscheidungshilfe gegeben: Dort seien gleichaltrige, coole Mädchen, am Limbecker Platz könne man toll shoppen, in Essen sei sowieso viel mehr los. Juliana entscheidet sich für „die Mädchen“. Doch sie weint beim Abschied, bittet die Mutter, mitzukommen, hat Angst vor der eigenen Entscheidung. Doch die Entscheidungshoheit ist den Kalinowski/Gebehennes ab diesem Moment genommen: Juliana hat sich freiwillig entschieden, das Pflegeelternhaus zu verlassen. Nun ist sie auf sich und das Jugendamt gestellt.

 

Juliana kommt nicht zurück, sie will in der Wohngruppe leben, sei nicht „familientauglich“, so die eigenen Worte. Das kontaktierte Jugendamt findet die Unterbringung in Ordnung. Die Eltern laufen mit ihren Sorgen auf. Es kommt, wie die sie befürchten.


Juliana ist immer wieder über Nacht weg, kommt unregelmäßig ins Heim zurück, geht nicht zur Schule. Und, sorgt sich die Pflegemutter, niemand kümmert sich, dass Juliana ihre Medikament oder regelmäßig die Pille nimmt. Die Warnung, dass der naheliegende Essener Hauptbahnhof ein jugendgefährdender Ort sei, wird vom Jugendamt und der Gruppenleitung ignoriert. Vielmehr solle man sich mit seinen Einmischungen ein wenig zurückhalten. Immer wieder erleben Anke Kalinowski und Ralf-Dieter Gebehenne, wie unkoordiniert die staatlichen Stellen arbeiten. „Niemand hat sich darum gekümmert, dass Juliana ihre Medikation bekommt, dass sie zu Schule geht, dass sie die ganze Nacht über weg ist. Da war sie 13 Jahre alt,“ erzählt Anke Kalinowski über die Zeit, in der sich das Ehepaar sehr hilflos fühlte.

Immer wieder meldet sich Juliana bei ihren Eltern, erzählt, wie es ihr geht. Den Anruf, den Anke Kalinowski am 17. Juli 2019 von Juliana bekommt, wird sie so schnell nicht vergessen: „Sie befürchtete, schwanger zu sein. Sie hatte am Essener Hauptbahnhof einen 20-jährigen Afghanen kennengelernt und sich verliebt. Mit ihm hatte sie geschlafen.“

Die Wochen danach, Juliana ist mittlerweile in eine Wohngruppe nach Bochum gewechselt, taucht sie kaum in ihrem Wohnheim auf. Sie verbringt ganze Tage und Nächte im August 2019 mit ihrem Freund Qudrat, dem afghanischen Flüchtling, in einer Gartenlaube. Noch ist die Schwangerschaft nur eine Vermutung, wird aber durch einen Test, den Anke Kalinowski bei einem Treffen mitbringt, bestätigt. Sie ist in der elften Schwangerschaftswoche. Im September zieht Juliana mit der Erlaubnis des Jugendamts zu ihren Pflegeeltern zurück. Bis zur Geburt des Kindes wird noch eine Menge geschehen.

 


Am 27. September wird der Kindsvater Qudrat von der Ausländerbehörde Duisburg verhaftet und wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen (Juliana) Anfang Oktober nach Kabul abgeschoben. Für Juliana bricht eine Welt zusammen. In dieser Zeit wird die Zuständigkeit vom Jugendamt Herne an das in Gelsenkirchen übergeben. Zur Schule gehen kann Juliana auch während der Schwangerschaft nicht, da die zuständige Schulärztin sie temporär nicht für schulfähig hält. Juliana freut sich sehr auf ihr Kind, kümmert sich mit ihren Pflegeeltern um eine Hebamme, informiert sich, was als junge Mutter alles auf sie zukommen wird. Ihr Sohn Jassin* wird Anfang April 2020 im Marienhospital Buer geboren, Juliana ist noch 13 Jahre alt. „Zuhause hat sie sich rührend um Jassin gekümmert, aber man muss sagen: Sie war ein Teenager. Sie hatte sich vom Kindsvater getrennt und fing an, über Instagram und TikTok Kontakt mit jungen Männern zu suchen“, erinnert sich Anke Kalinowski. Die Eltern betrachten das zum einen mit Sorge um Mutter und Kind, zum anderen kennen sie ihr Kind und haben Verständnis dafür, dass die mittlerweile 14-Jährige etwas erleben will.

Die nächste Zeit wird für alle Beteiligte turbulent, und immer mehr beginnt sich die Zusammenarbeit mit dem Gelsenkirchener Jugendamt zu verkomplizieren. Juliana zieht im August von Zuhause aus, lässt den Sohn bei den Pflegeeltern, die sich liebevoll um ihn kümmern und alles tun, damit Juliana ihren Sohn unkompliziert und häufig sehen kann. Für Juliana wäre es am schönsten, wenn für die nächste Zeit alles so bleibt: Sie will sich auf die Schule konzentrieren – sie geht inzwischen auf die Malteserförderschule. Bei ihren Eltern weiß sie Jassin in guten Händen, in einem großen Verbund, einem fürsorglichen familiären und beständigen Umfeld. Doch das ist nicht im Sinne des Gelsenkirchener Jugendamts, dieses will eine Unterbringung in einer Mutter-und-Kind-Einrichtung. Anke Kalinowski und Ralf-Dieter Gebehenne sind entsetzt und fürchten um das Wohl des Enkelkindes. „Es ging nicht darum, dass wir hier zur Belustigung ein Baby haben wollten, sondern einzig um das stabile Zuhause für den Kleinen. Bindung zu Menschen, die ihn lieben, eine gute regelmäßige Ernährung, Pflege, Zuwendung und Streicheleinheiten sind doch die Grundbedürfnisse eines Säuglings. Seine Mama konnte er sehen, so oft es Juliana wollte. Und das war mindestens jedes Wochenende. Das System, wie wir es uns gemeinsam geschaffen hatten, war optimal für Mutter und Kind. Juliana konnte sich auf den Schulabschluss konzentrieren und ein bisschen normaler Teenager, und trotzdem Jassin eine liebevolle Mutter sein“, so Gebehenne.

Doch den Eheleuten Kalinowski/Gebehenne werden egoistische Motive unterstellt, sie wollten das Kind in erster Linie für sich und würden die Kindsmutter schlecht machen.Hintergrund ist ein WAZ-Artikel, der am
26. September 2020 erscheint. Hier äußern sie die gleichen Sorgen: Das Herausreißen aus einem gesunden Umfeld hinein in ein soziales Hilfesystem, das Jassin eigentlich nicht braucht. Zwei Jugendamtsmitarbeiter holen den Jungen ab, mit dabei drei Polizeibeamte, eine Machtdemonstration. Die letzte Frage, die Anke Kalinowski bei der Übergabe an die Zuständigen stellt, bleibt unbeantwortet:
„Wie kann man nur ein völlig gesundes und psychisch stabiles Baby aus seiner vertrauten Umgebung zerren, in den sozialen Abstieg führen und in Kauf nehmen, dass ihm mit dieser Aktion seelische Schäden zugeführt werden?“

Ohnmacht gegenüber
Lügen

Es folgen Hilfegesuche bei Oberbürgermeister Baranowski, später bei seiner Nachfolgerin Welge. Beide können nicht helfen, verweisen auf andere Zuständigkeiten. Die Kalinowski/Gebehennes werden dem Jugendamt anstrengend, immer schärfere Briefe wechseln hin und her, es gibt Dienstaufsichtsbeschwerden gegen die Jugendamtsmitarbeiterinnen.


„Am schlimmsten ist, ohnmächtig mitansehen zu müssen, wie sich die Behörden gegenseitig stützen und Lügen einfach als Fakt behandeln. Ich selbst arbeite bei der Stadt Gelsenkirchen, und mein bisheriges Bild von der Aufrichtigkeit und Rechtstreue des Apparats hat enorm gelitten“, so Anke Kalinowski.
Immer wieder muss das Paar Behauptungen schriftlich richtigstellen, doch das hat keinerlei Auswirkungen. Im Gegenteil. Je mehr die beiden sich wehren, je mehr sie um Gespräche und Einvernehmlichkeit zum Wohle Julianas und Jassins erbeten, desto kühler und in manchen Punkten willkürlich wirkend sind die Erwiderungen der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterinnen. Ein Gespräch mit dem Leiter der Behörde, Wolfgang Schreck, verläuft ergebnislos, ja schon „fast feindselig“, nach Empfinden der Pflegeeltern.

Vorhersehbare
Entwicklungen

Die Vormundschaft für Juliana, die nun bei der Stadt Gelsenkirchen liegt und durch Frau O. als Vormund durchgesetzt wird, erweist sich als „Katastrophe“, so Anke Kalinowski. So wird darauf bestanden, dass sich Juliana zur Verhütung die Spirale einsetzen lässt, ein für 14-jährige Mädchen mehr als bedenklicher medizinischer Eingriff. Die Spirale wird wieder entfernt, weil der Körper Julianas nicht damit zurechtkommt.
Auch wird Juliana in einem Mutter-Kind-Heim in der Schlosserstraße untergebracht, keine 120 Meter entfernt vom Wohnort ihrer Herkunftsfamilie. Dass zuvor eine Inkognitounterbringung durch das Jugendamt Herne angeordnet worden war, um Juliana zu schützen, interessiert die hiesige Behörde nicht.

Es ist der Sommer 2021. Nach den Sommerferien soll die Schule wieder starten, und Juliana hat Angst, Jassin nicht mehr gerecht werden zu können. Eine erst kürzlich erstellte Begutachtung zur Entwicklung der Kindsmutter stellt ihr ein sehr positives Zeugnis aus. Sie hat an Reife gewonnen und kümmert sich sehr gut um ihren Sohn. Dennoch ist Juliana besorgt, wenn sie an die Schule denkt. Sie telefoniert mit ihrer Pflegemutter und äußert den Wunsch, Jassin wieder in die Obhut ihrer Pflegeeltern zu geben, ihn dort gut betreut zu wissen und immer sehen zu können, wenn es die Zeit zulässt.

 

Eine Mail mit diesem Wunsch schickt sie an ihren Vormund Frau O. Keine 24 Stunden später beraumt diese mit entsprechenden Stellen ein Krisengespräch an. Nach vorheriger guter Beurteilung über Julianas Entwicklung soll sie innerhalb von wenigen Wochen zu einer Kindeswohlgefährderin geworden sein. Das Ergebnis: Jassin soll vom Amt in Obhut genommen, Juliana entzogen werden. Das Prozedere im Jugendamt, das Juliana ohne Beistand durchmachen musste, lässt eine verzweifelte Kindsmutter zurück. Das schreiende Kind wird ihr abgenommen und in ein Auto gebracht, sie selbst zur Unterschrift über ihr Einvernehmen genötigt.
„Ich wollte das nicht, ich war völlig fertig. Ich hatte ja nicht damit gerechnet, dass sie mir Jassin wegnehmen wollen. Ich liebe mein Kind“, erinnert sich Juliana an den Moment, der sich tief in ihre Seele gefressen hat. Seelische oder gar therapeutische Hilfe bot man ihr nicht an.

Juliana wird in einer Einrichtung in Lohne untergebracht, Jassin kommt zu einer Pflegefamilie nach Geldern, nachdem seine Mutter das Jugendamt auf den schlechten und besorgniserregenden Gesundheitszustand bei seiner ersten Kurzzeitpflegestelle nachdrücklich aufmerksam gemacht hatte. Nein, ihm ginge es dort hervorragend. Kurze Zeit später kommt er nach Oberhausen. Juliana darf ihren Sohn nun eine Stunde im Monat sehen, das sind 12 Stunden im Jahr. Dafür fährt sie morgens um fünf mit dem Zug aus Lohne los, um pünktlich in Oberhausen zu sein. Eine schwere Hinfahrt, eine noch schwerere Rückfahrt, die sie allein und weinend durchsteht. Die Bitte, ihr Kind öfter zu sehen, lehnt man mit der Begründung ab, er solle sich besser an seine Pflegefamilie gewöhnen.
„Sobald ein Kind jedoch mit den potentiellen Pflegeeltern in die Anbahnung geht (…), werden die Kontakte zur Herkunftsfamilie, bis das Kind in seinem neuen Zuhause angekommen ist, reduziert. Somit kann das Kind durch den reduzierten und reizarmen Rahmen Vertrauen aufbauen und sich auf seine Pflegeeltern einlassen“, so die Antwort der Jugenddezernentin Anne Heselhaus auf eine Beschwerde Julianas.

 

Dass diese Entwicklung von Anke Kalinowski und ihrem Mann vorhergesehen worden war, hilft derzeit niemandem. Nicht Juliana, die akzeptieren muss, dass ihr Mitspracherecht und ihre Wirkmacht vom Wohlwollen eines Jugendamtes abhängt, das durch den bundesweit bekannt gewordenen Skandal mit gewinnbringenden Kinderunterbringungen eigentlich Transparenz und Fehlerkultur verinnerlicht haben müsste. Nicht Jassin, der sich langsam wegbewegt von seiner Mutter und der, egal wie sich die Sache entwickelt, verloren haben wird. Seine Mutter oder seine Pflegemutter. Eine Verwundung, die wohl nie heilen wird. Mithilfe eines professionellen Systems.

 

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4 Gedanken zu “Im System verschluckt

  1. Ich finde es nicht sehr verantwortungsvoll Bilder von dem Mädchen und den vollen Namen/ Bilder des Pflegevaters zu veröffentlichen, wenn ihr Aufenthaltsort streng geheim bleiben soll. Zudem ist es nicht sehr vorausschauend für die Zukunft des Mädchens und des Sohnes diese Geschichte mit diesen Bildern/Namen zu veröffentlichen. Vielleicht gibt es mal eine Zeit, in der sie all das hinter sich lassen will und nicht über ihre Vergewaltigungen und ihre Erzeugerfamilie mit ihrem Arbeitgeber:innen oder neuen Freunden reden möchte.
    Ich finde es an sich wichtig, solche Geschichten zu erzählen, aber etwas mehr Anonymität fände ich besser.

    Beste Grüße

    1. Liebe Helena,
      grundsätzlich stimme ich Ihnen zu. Wir haben uns die Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu treten, auch nicht leicht gemacht und stundenlang darüber gesprochen. Letztendlich war es aber unsere ehemalige Pflegetochter, die sich nicht länger verstecken und zu ihrer Geschichte stehen wollte. Der Inkognitostatus wurde schon längst vom Jugendamt selbst aufgehoben, in dem man sie zunächst 100 Meter von der Herkunftsfamilie unterbrachte und nach der schlimmen ungerechtfertigten Inobhutnahme ihres Kindes, die einige Monate später stattfand, sie ohne seelischen Beistand, ohne Hygieneartikel und ohne Kleidung etc. in einer Notunterkunft verbrachte, in der sie 2 Monate leben musste. Während dieser schrecklichen Zeit begegnete sie fast täglich der Herkunftsfamilie.
      Unsere ehemalige Pflegetochter sieht die Veröffentlichung als Stärkung für ihr Selbstwertgefühl. Ja, vielleicht als Therapie, um mit all dem, was man ihr von verschiedenen beteiligten Seiten angetan hat, umzugehen und dies zu verarbeiten. Eine dringend notwendige professionelle Hilfe ist ihr bisher vom Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen nicht zugestanden worden. Und so weint sie sich häufig weiterhin in den Schlaf.
      Wenn Sie sich aber nun fragen, wo mein Mann und ich denn in der Zeit nach dem Kindesentzug waren, kann ich Ihnen erklären, dass das Jugendamt zunächst einen Kontakt untersagt hat. Nichtsdestotrotz haben wir uns den Kontakt nicht verbieten lassen, allein schon, um zu verdeutlichen „Du bist nicht allein. Wir unterstützen Dich!“ Im Oktober 2021 durfte sie uns dann offiziell einmal im Monat besuchen, über Weihnachten (trotz Ferien) durfte sie nur einmal bei uns übernachten. Erst im März 2022 entschied das zuständige Familiengericht, dass Kontakt zwischen uns jederzeit stattfinden könne.
      Liebe Grüße

      Anke Kalinowski

  2. Dieser Artikel in der aktuellen isso Juli/August 2022 hat mich sehr aufgebracht. Ich schätze das Magazin isso grundsätzlich sehr, es bringt immer wieder interessante, spannende, gut recherchierte Artikel über Gelsenkirchen, dessen Bürger. Gebäude, Kultur, Politik und füllt damit dankenswerterweise eine von der WAZ gelassene Lücke.
    Umso verwunderlicher ist es, wenn in dieser Ausgabe durch Denise Klein erneut eine Geschichte aus dem Privatbereich mehrerer miteinander verbundener Menschen ausgebreitet wird, die man in dieser Detailfreude eher in den BUNTEN Gazetten als in isso verorten würde. Welches Interesse der Öffentlichkeit unterstellen Sie, wenn Sie auf vier Seiten eine mehrjährige Geschichte erzählen, die überaus viele Einzelheiten aus dem Leben eines Kindes und einer jungen Frau offenbart, die jedenfalls nach meinem Verständnis nicht in die Öffentlichkeit gehören ? Es handelt sich nicht um Prominente, bei denen man ein übergeordnetes Interesse der Öffentlichkeit auch an privaten Informationen unterstellen könnte, sondern um Bürger*innen dieser Stadt, die anscheinend schwierige Zeiten miteinander und mit den städtischen Behörden erlebt haben. Wenn Sie die Arbeit des Jugendamtes oder anderer Institutionen kritisch hinterfragen wollen: ginge das nicht genauso gut oder vielleicht sogar besser mit weniger Details über das Leben der Betroffenen ? Ich frage mich, ob es wirklich im Interesse von Juliana und ihrem Kind liegen kann, wenn eine große Leserschaft privateste Einzelheiten aus ihrem Leben erfahren. Ich jedenfalls möchte so etwas nicht veröffentlicht sehen.
    Es wäre wünschenswert, wenn Sie Ihre Veröffentlichungspraxis in derartigen Angelegenheiten kritisch hinterfragen würden. Ich finde, dass Ihr Magazin an solchen indiskreten Publikationen Schaden nimmt.

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