Umdenken über die „ärmste Stadt Deutschlands“

Susanne Pohlen und Bernd Zimmermann sind im letzten Jahr mit dem Preis „Applaus“ für gute Programmplanung unabhängiger Spielstätten ausgezeichnet worden. Mit ihrer Eventagentur PublicJazz gehören sie seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten Unternehmern in ihrer Branche. So installierten sie die internationale Konzertreihe FineArtJazz, die regelmäßig hochkarätige Jazzer in die Stadt holen. Nun planen sie mit dem New Colours Festival einen weiteren Schritt, Gelsenkirchen als Jazzstandort zu etablieren und über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen. 

isso.: PublicJazz Events ist, wie der Name schon vermuten lässt, in der Welt des Jazz zuhause. In Eurem Genre seid Ihr bestens bekannt und vernetzt. Nun plant Ihr mit dem NEW COLOURS FESTIVAL 13 Konzerte an vier Tagen an verschiedenen Orten in Gelsenkirchen. Das ist ambitioniert, denn Gelsenkirchen ist zwar für vieles bekannt, aber nicht für eine große Jazz-Community. Da Ihr viele internationale Größen der Szene hierher holt, eine naive Frage: Was ist Eure Idee hinter dem Festival?

Bernd Zimmermann: Ja, es werden tatsächlich über 40 Musiker*innen aus 14 Nationen auf dem Festival spielen. Darunter große Namen und Geheimtipps. Das NEW COLOURS FESTIVAL soll ein Festival in und für Gelsenkirchen sein, und natürlich würden wir uns sehr freuen, wenn die Gelsenkirchener selbst das vielfältige und spannende Konzertangebot annehmen. Schon jetzt kommen zu unseren FineArtJazz-Konzerten weitaus mehr Leute, als nur aus den Städten, in denen unsere Reihe spielt. 

Susanne Pohlen: Hinter dem Festival steckt aber auch ein weiterer Plan, nämlich ein Kultur-Highlight mit großer Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus zu schaffen. Damit wollen wir zeigen, dass Gelsenkirchen mehr zu bieten hat, als einen Fußball-Verein und Großveranstaltungen in der Veltins-Arena.

Es soll ja Leute in Gelsenkirchen geben, die die Stadt bereits aufgegeben haben. Zweifellos gibt es dafür Gründe, aber man kann das auch anders sehen?

Susanne Pohlen: Es kommt einem so vor, als ob niemand schlechter über Gelsenkirchen redet als die Gelsenkirchener selbst. Dabei kommt es natürlich auf den Blickwinkel an, denn wer nicht nur zum Arbeiten nach Gelsenkirchen kommt, sondern seinen Lebensmittelpunkt hier hat, weiß, dass die Stadt durchaus auch Potenzial hat. Man muss es nur sehen, was draus machen und dann auch nach außen tragen. Für uns ist deshalb das Festival nicht nur ein musikalisches Großereignis, sondern auch ein Anlass, für unsere Heimatstadt zu werben und einen Beitrag zur Verbreitung eines anderen Images zu leisten. New Colours eben. Deshalb hoffen wir auf große mediale Aufmerksamkeit und möglichst viele Gäste aus der gesamten Bundesrepublik und dem benachbarten Ausland. Das Festival-Programm hat zweifellos das Potenzial.

Der Name des Festivals deutet nicht eindeutig auf den Jazz hin. Gibt es Crossover oder gar andere Musikrichtungen?

Bernd Zimmermann: Es wird wohl eine Zeit dauern, bis wir mit dem Festival den „Makel“ Jazz abstreifen, denn Jazz ist alles andere als das, was die Leute sich darunter vorstellen. Der heutige Jazz ist offen für alle möglichen musikalischen Richtungen, und er beeinflusst wiederum alle möglichen Musikrichtungen. Wer weiß zum Beispiel schon, dass der HipHop seine Wurzeln im Jazz hat? Wem die Mainstream-Musik, bei der alles gleich klingt oder nach irgendwem, auf die Nerven geht, der ist bei NEW COLOURS richtig. Wer nur hören will, was er eh schon kennt, ist bei uns fehl am Platze. Ja, die Mehrheit der Musiker*innen auf dem Festival bezeichnen sich stolz als „Jazzer“, aber letztendlich stehen sie allesamt für sehr gute Musik auf allerhöchstem Niveau. Deshalb kann man sagen, dass auf dem Festival Jazz, aber auch Blues Pop, Rock, Weltmusik und Klassik zu hören sein werden. 

Die Locations für die Konzerte sind durchweg sehr schöne Gelsenkirchener Perlen, die etwas hermachen. Ist das die Message: Wir haben hier etwas zu bieten?

Susanne Pohlen: Ja klar. Von den Konzerten unserer Reihe FineArtJazz, zu denen mittlerweile die große Mehrzahl der Besucher*innen nicht aus den jeweiligen Städten kommen, wissen wir ja, wie verblüfft sie sind, welche wunderbaren Orte wir in Gelsenkirchen haben; übrigens viel mehr im Vergleich zu anderen Städten. Schon allein hierdurch führt jeder Konzertbesuch zu einem Umdenken über die „ärmste Stadt Deutschlands“.

Bernd Zimmermann: Aber uns geht es nicht nur um die Spielorte. Auf unserer Festivalseite www.colours-festival.de stellen wir unter dem Punkt „Erkundungen“ weitere spannende Orte in Gelsenkirchen vor und laden die Gäste zu einer Stadtrundfahrt ein.

Ihr seid Gelsenkirchener und seit Jahren mit Eurer Agentur aktiv, kennt Euch in der Kunst- und Kulturszene aus und seid in ganz Europa vernetzt. Wie waren die Reaktionen seitens Stadt und Zivilgesellschaft auf die Idee, ein großes Festival zu starten? Hier geht doch sonst nur um Schalke.

Susanne Pohlen: Da müssen wir leider zustimmen, und wenn wir jetzt Stimmen hören, dass es durch den direkten Wiederaufstieg von Schalke auch zu einem Aufschwung in Gelsenkirchen kommt, fragen wir uns, wie die, die das sagen, eigentlich ticken?

Bernd Zimmermann: Aber zur Frage: Zu Beginn war die Reaktion der Stadt und vor allem des Stadtmarketings zurückhaltend. Das hat möglicherweise zwei Gründe. Zum einen wird zu sehr darauf geschaut, ob das jeweilige Kulturangebot etwas für die Gelsenkirchener Stadtgesellschaft ist. Dies ist seitens der Kulturverwaltung noch verständlich, seitens des Stadtmarketings aber schon befremdlich. Zum anderen fehlt unseres Erachtens die Wertschätzung des Know Hows für so manche Gelsenkirchener Kulturschaffende. Nicht selten sind so private Kulturinitiativen gescheitert. 

Susanne Pohlen: Mittlerweile erfahren wir allerdings seitens der Stadt die Unterstützung, die man als Veranstalter braucht. Darüber freuen wir uns.

Bernd Zimmermann: Und ja, nach zehn Jahren und fast 200 international hochkarätigen und unübersehbaren Konzerten erlauben wir uns festzustellen, dass das Interesse an qualitativ hochwertiger Kultur in der Gelsenkirchener Stadtgesellschaft nicht sonderlich ausgeprägt ist. Und was darüber hinaus nahezu allen Kulturschaffenden in und für Gelsenkirchen zu schaffen macht, ist die oft mangelnde Bereitschaft in der Gelsenkirchener Unternehmerschaft, die Kultur finanziell zu unterstützen. Das ist in anderen Städten anders. Da braucht es noch ganz viel Überzeugungsarbeit, wie wichtig hochkarätige Kulturangebote für die weichen Standortfaktoren eines Unternehmens und die Bewältigung des Strukturwandels sind. 

Gesetzt den Fall, das Festival funktioniert: Wie geht es weiter?

Susanne Pohlen: Wir haben keinen Zweifel, dass das Festival funktionieren wird. Unsere Werbekampagne ist für ein Festival dieser Größe vielleicht sogar überdimensioniert, aber wenn man den Werbeeffekt für die Stadt mit dazu nimmt, absolut gerechtfertigt.

Bernd Zimmermann: Aber, wie geht es weiter? Im Anschluss an das Festival startet bereits am 8. Oktober die 2. Spielzeit der Reihe FineArtJazz mit fünf Konzerten, drei davon in Gelsenkirchen. Und auch im 1. Halbjahr 2023, wenn wir das 10-Jährige feiern, wird die Reihe wie selbstverständlich fortgesetzt. Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit ist in der heutigen Zeit das Gebot der Stunde.

Über das Festival:

Das Festival wird in und an acht über das gesamte Stadtgebiet verteilten besonderen Orte stattfinden. Mit dabei der ehemalige Förderturm der Zeche Nordstern (Nordsternturm), in dessen Maschinenhalle in 60 Meter Höhe ein Konzert stattfinden wird, das Schloss Horst, das als bedeutendstes Renaissance-Schloss Westfalens gilt, die zu einem Veranstaltungsraum erster Güte umgebaute Heilig-Kreuz-Kirche in Ückendorf, der stadt.bau.raum, ein Kleinod der Industriekultur, der im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) auf Initiative des Bundes Deutscher Architekten (BDA) zu einem Veranstaltungsort umfunktioniert wurde, der Wissenschaftspark, ein Künstleratelier und sogar ein Bauernhof. Die Festivalbesucher und -besucherinnen sollen aber nicht nur spannende Konzerte kennenlernen, sondern auch die Gelegenheit haben, weitere spannende „geheime“ Orte zu entdecken. Die zeitliche Planung der einzelnen Konzerte ermöglicht es, alle Konzerte zu besuchen.

Wann: 

Vom 8. bis zum 11. September 2022

Wo: 

Nordsternturm, Heilig-Kreuz-Kirche, stadt.bau.raum, Solawi Lindenhof, Halde Rungenberg, Schloss Horst, Wissenschaftspark, Kunststation Rheinelbe

Wer: 

Kid be Kid, Jeff Cascaro, Fischermanns Orchestra, Roman Babik’s Urban Wedding Band, Kasar, Joachim Kühn, Angelo Comisso Trio, Moritz Götz Trio und Rymden

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