Pütt und Kunst – Der Bergbau als Motiv in Bildern und Skulpturen

von Hildegard Schneiders (Heimatbund Gelsenkirchen e.V.)

Zum Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus im kommenden Dezember sind vielfältige Aktionen durchgeführt und Publikationen geschrieben worden. Überregional besonders interessant sind die Sonderausstellung „Vom Zeitalter der Kohle“ in der Kokerei Zollverein (noch bis 11. November) und die Aktion „Kunst und Kohle“ der 17 RuhrKunstMuseen. Der Heimatbund Gelsenkirchen hatte schon früher in Heft 10 seiner Schriftenreihe „Glückauf, wie der Bergbau ins Dorf Gelsenkirchen kam“ Bergbaugeschichte und Bergbautechnik beschrieben. Nun bot es sich an, den Bergbau aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und damit eine andere Form der Würdigung zu wählen: Wie haben sich Künstler mit dem Thema auseinandergesetzt? Was waren ihre Beweggründe, Zechengebäude, Bergleute und sogar den Arbeitsplatz unter Tage als Motiv zu wählen? Solch eine systematische Bestandsaufnahme für den Bereich Gelsenkirchen fehlte bisher und wurde nun mit dem aktuellen Heft des Heimatbundes präsentiert – zusammen mit einem ausführlichen Bildervortrag im Kulturraum „die flora“ am 10. Oktober.

Oben links: Friedrich G. Einhoff: Wilhelmine Victoria um 1929

Oben rechts: Bergmann von Jürgen Goertz vor der Propsteikirche an der Ahstraße

Unten: Durch Prof. Roland Günther zur „Sixtinischen Kapelle“ des Ruhrgebietes erklärt: die von Untertagezeichner Alfred Schmidt ausgestaltete Stadtbahnhaltestelle „Bergwerk Consolidation“.

Pütt und Kunst – das können offizielle Würdigungen des Bergbaus im Stadtwappen, in Glasfenstern, in Denkmälern oder auch an Hausfassaden sein, es können neben Skulpturen auch Grafik und Malerei, aber auch ästhetisch reizvolle Bergbau-Relikte sein. Gerade in Gelsenkirchen gibt es ein großes Spektrum an Kunstwerken in unterschiedlichsten Techniken und an teilweise ungewöhnlichen Orten.

Zum kollektiven Gedächtnis der älteren Gelsenkirchener gehören der alte Bahnhof und das alte Rathaus am Machensplatz. Die beiden Würdigungen des Bergbaus im Mosaik des Rathauses (von F. Stummel aus Kevelaer, nach 1894) und im Bahnhofsfenster (von Prof. Marten, Halfmannshof, 1950) sind vor dem Abriss der Gebäude als Spolien gerettet worden und heute immer noch öffentlich sichtbar, allerdings an anderem Ort: am Anfang der Zeppelinallee und über dem ehem. Boeckerhaus.

Auch im Stadtnorden lassen sich Darstellungen von Bergleuten finden: als Eckfigur am Polizeipräsidium Buer, als eine von vier Relief-Figuren an der Travertinfassade des Weiserhauses (Springemarkt, 1928), als kleine Figur unter der Schutzmantelmadonna (Hans Dinnendahl) am St. Marien-Hospital und in einem der drei Bronzereliefs über dem Rathausanbau (Hubert Nietsch, Halfmannshof, 1958).

Besonders berührend sind die Denkmäler auf den Friedhöfen für die Opfer von Grubenunglücken, insbesondere auf der „Unglückszeche“ Dahlbusch (1943, 1950, 1955). Unterschiedliche Bronzeskulpturen namhafter Künstler sollen hier der Trauer über die vielen Bergbauopfer Gestalt geben. Während in Rotthausen vier aufrechtstehende Bergleute (Adolf Wamper) zwischen den Reihengräbern der 78 Toten von 1950 eine Ehrenwache halten, so beugt in Horst ein einzelner junger Knappe (Joseph Enseling, 1956) sein Knie wie zum Gebet vor den Grabstellen der Unglücksopfer von 1937/1955. Am eindrucksvollsten ist wohl der liegende Bergmann (Robert Propf, 1956) auf einem Steinsockel neben dem Hauptweg des Friedhofs Heßler. Hier wird nicht ein trauernder Kumpel dargestellt, sondern das Unglücksopfer selbst, lebensgroß im Todeskampf am Boden liegend. Eine Initiative des Friedhofsgärtners Konrad Herz sen. hat jetzt auch zu einem Denkmal mit drei Bergleuten auf dem Hauptfriedhof Buer geführt (Christiane Hellmich, Augsburg, Einweihung 22. Sept. 2018).

Von den vielen im neu erschienenen Schriftenreihe-Heft vorgestellten Künstlern waren einige in Gelsenkirchen aufgewachsen (die Maler Hermann Peters, Josef Arens, Wilhelm Nengelken, Friedrich G. Einhoff), andere kamen ins Ruhrgebiet und erlagen dann der Faszination des Bergbaus (Hermann Kätelhön, Alfred Schmidt, Werner Thiel). Der einzige, der seinen Brotberuf unter Tage ausübte und dann als Autodidakt berühmt wurde, war Many Szejstecki, der kunstvolle Bergbaupanoramen geschaffen hat, die heute z.B. in der Stadtbahnstation am Trinenkamp zu sehen sind.

Peters, Arens und Kätelhön lieferten im Auftrag der Bergwerksgesellschaften präzise Darstellungen von Zechengebäuden für Aktien sowie Urkunden an die Beschäftigten, sie malten aber auch die Bergleute selbst: als Charakterköpfe oder an ihrem Arbeitsplatz bei körperlicher Anstrengung unter Tage.
Ganz anders der junge Maler Einhoff, Lehrersohn in Heßler. Er erledigte keine Auftragsarbeiten, sondern ließ in spätexpressionistischer Malweise die Industriekulisse von Zeche Wilhelmine Victoria immer wieder in kräftigen Farben leuchten.

Laut Professor Roland Günter besitzen wir in Gelsenkirchen eine „Sixtinische Kapelle“: Er meinte damit die unterirdische Stadtbahnstation „Bergwerk Consolidation“, deren Seitenwände von je 100 x 4 Metern mit Bergbaumotiven ausgemalt wurden. Einem Michelangelo ähnlich hat Alfred Schmidt diese Fläche von 800 m² gestaltet. In halber Größe zeichnete er die Entwürfe für die endgültige Gestaltung als Emaille-Tafeln vor. Zuvor hatte der einstige Art Director in Düsseldorf sein Interesse am Bergbau entdeckt und über 20 Jahre lang unter Tage gemalt. Zu sehen sind seine Bilder heute für jeden Bahnbenutzer im Untergrund unter der Marschallstraße. Diese Station wirkt wie ein Gesamtkunstwerk: ausgebaut wie ein Streb mit abgehängten Versorgungsleitungen und einer „Verladestation“ am Ende mit zwei Kohlewagen.

Freund und Nachbar von Alfred Schmidt in der Bergmannsglücksiedlung in Hassel war Werner Thiel. Er fotografierte die Ruinen aufgegebener Zechen und sammelte Relikte, von Badeschlappen bis zu rostigen Maschinenteilen. Aus ihnen baute er Collagen, eine Ästhetik des Verfalls. Ihm zu Ehren gestaltete posthum ein Künstlerkollege, Helmut Bettenhausen, die nördliche Maschinenhalle auf Zeche Consol mit lauter Fundstücken aus Thiels Nachlass. Jedes Wochenende kann man dort in der „Sammlung Thiel“ in authentischer Umgebung eine kreative Inszenierung dieser objets trouvés betrachten – eine Fundgrube an ungewöhnlichen Fotomotiven.

Auch zwei ganz prominente Künstler sind zu nennen: Markus Lüpertz mit seinem gigantischen Herkules in 100 Metern Höhe über dem Nordsterngebäude, nach dem Hermannsdenkmal und der Bavaria die drittgrößte figürliche Skulptur Deutschlands. Auf einem neuen Entlastungsturm steht dieser 18 m hohe Aluminiumkoloss, der in 244 Einzelteilen gegossen und dann zusammengeschweißt wurde – gerade noch rechtzeitig zum Ende des Kulturhauptstadtjahres 2010.

Fast ähnliche Berühmtheit genießt der Künstler Jürgen Goertz, dessen geistvoll verfremdete Skulpturen überall in Deutschland zu finden sind. Der ehemalige Propst Sternemann hatte diesen Künstler aus Angelbachtal beauftragt, ein „Glückauf-Denkmal“ zur Ehrung der Bergleute im Ruhrgebiet zu gestalten, und es mit gesammeltem und privatem Geld finanziert. Direkt neben der Propsteikirche findet sich seit 1996 ein interessantes Ensemble von Figuren, Tafeln und Geräten, die den entkräfteten Bergmann, die Patronin Barbara, Arbeitsgeräte und einen Taubenschlag erkennen lassen.

Kunst über Tage –
Bergbaumotive in Gelsenkirchen

Heft 18 in der Schriftenreihe „Gelsenkirchen in alter und neuer Zeit“
Erhältlich für 5 € in der Buchhandlung Junius, Sparkassenstr. 4.

www.heimatbund-gelsenkirchen.de

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