Auf Tauchstation

Zu Besuch beim TSC Poseidon Gelsenkirchen e.V.

 

von Alexander Welp

Der Mensch ist ein Entdecker! Seit jeher verspüren wir den Drang, in neue, unbekannte und oftmals gefährliche Sphären vorzustoßen. In der Weltgeschichte gelangen mutigen Abenteurer*innen immer wieder Durchbrüche der Entdecker-Schallmauer: Reinhold Messner und Peter Habeler bestiegen 1978 als erste Menschen ohne zusätzlichen Sauerstoff die Spitze des Mount Everest. Jacques Piccard und Don Walsh erreichten 1960 als erste Tiefseeforscher überhaupt den Grund des Marianengrabens, und auch die Mission der Apollo 11 zum Mond von 1969 ist ein Meilenstein dessen, was für unsere Spezies mittlerweile möglich ist. „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber …“ – tja, der Rest ist bekannt.

Für mich als normalsterblichen Durchschnittsbürger liegen solche Expeditionen natürlich jenseits der Vorstellungskraft, aber auch mich packt hin und wieder die Lust, mich in fremde Gefilde hervorzuwagen. So war von Anfang an klar, dass ich für den Termin beim TSC Poseidon e.V. in Gelsenkirchen-Buer nach längerer Zeit die Badehose hervorkrame und das Sporttauchen während eines Schnupperkurses selbst ausprobiere.

Freundlich und mit einem Lachen im Gesicht werde ich von Monika Goletzko,
der ersten Vorsitzenden des Vereins, vor den Toren des Hallenbads in Buer begrüßt. „Bevor ich mit dem Tauchen anfing, dachte ich zunächst, dass das ein ziemlicher Elite-Sport sei – das ist natürlich totaler Quatsch. Diese Ruhe und das Schweben in einem dreidimensionalem Raum haben mich damals schon sehr fasziniert!“, sagt Goletzko, die bereits seit 1996 begeisterte Sporttaucherin ist – ein echter Profi also. Ich fühle mich von vornherein gut aufgehoben und in keinster Weise unangenehm nervös. Als blutiger Anfänger, der in seinem Leben noch nicht einmal Taucherflossen an den Füßen trug, bin ich natürlich trotzdem aufgeregt und habe einen gesunden Respekt vor dem Element Wasser.

Nach einer kurzen Dusche betrete ich den Innenraum des Hallenbads. Im Wasser herrscht bereits reges Treiben: Ausdauernd ziehen einige Schwimmer*innen Bahn für Bahn, im seichteren Bereich macht sich gerade ein weiteres Taucher-Duo bereit, und im tieferen Gewässer sehe ich, durch die Wasseroberfläche etwas verschwommen, mehrere Taucher*innen am Boden des sechs Meter tiefen Schwimmbeckens. Doch bevor ich selbst ins Wasser darf, muss ich mich zunächst mit der Ausrüstung vertraut machen. Zum Equipment gehören Taucherbrille, Flossen, die schwere Atemluftflasche und die Tarierweste, auch „Jacket“ genannt. Mit Hilfe dieser Weste wird die Druckluftflasche auf dem Rücken befestigt, mehrere Schläuche verbinden das Atemgerät sowie den Reserveatemregler mit der Flasche und mit einem speziellen Regler kann man den eingebauten Auftriebskörper der Weste mit Luft befüllen oder entleeren – das hilft Taucher*innen, die gewünschte Tiefe zu halten.
Da man unter Wasser logischerweise nicht miteinander reden kann, erklärt Goletzko mir noch einige wichtige Handzeichen: Daumen und Zeigefinger geformt zu einem Kreis, die übrigen drei Finger nach oben gestreckt, bedeutet „alles OK!“. Daumen nach unten, beziehungsweise nach oben, heißt Ab- und Auftauchen. Sobald man die offene Handfläche wackelnd hin- und herbewegt, signalisiert man, dass etwas nicht in Ordnung ist und man ein Problem hat.
„Es ärgert mich immer sehr, wenn ich in einem Spielfilm Szenen sehe, wo getaucht wird. Im Film geht immer etwas schief und es kommt zu Unfällen. Ich denke, wenn man seinen gesunden Menschenverstand einschaltet, ist das Tauchen genauso gefährlich oder ungefährlich wie Fußball spielen. Die Ausrüstung erfüllt einen immens hohen Sicherheitsstandard und stellt bei ordentlicher Wartung und Überprüfung kein Problem dar“, erzählt Goletzko.
Beim Anziehen der Weste samt Atemluftflasche hilft mir meine Tauchpartnerin. Das ist auch gut so, denn ohne ihre Hilfe wäre ich wohl sofort wieder nach hinten umgekippt – knapp 15 Kilogramm sind eben doch nicht wenig für den Rücken. Während wir in voller Montur zur Treppe des Schwimmbeckens gehen, wird mir noch ein Profi-Trick verraten. Vor dem Tauchgang ist es wichtig, ordentlich in die Taucherbrille zu spucken. Ein Scherz? Auf keinen Fall! Der Speichel dient zur Reinigung der Innenseite und sorgt dafür, dass die Brille unter Wasser nicht beschlägt – man lernt eben doch nie aus.


Zusammen gehen wir die ersten Stufen der Treppe hinab, bis mir das Wasser auf Brusthöhe steht. Auf einmal fühlt sich meine eigentlich schwere Weste viel leichter an. Unter Wasser ziehen wir uns zudem noch die Flossen über die Füße. Noch ein Profi-Trick: Den linken Fuß auf das rechte Knie legen. Dann hat man eine relativ stabile Haltung, um sich die Taucherflosse überzustreifen. Das gleiche Spiel danach noch einmal auf der rechten Seite. Anschließend setze ich mir die Taucherbrille auf und muss das Atemgerät über der Wasseroberfläche testen. Es funktioniert tadellos. Jetzt muss das Gerät unter Wasser, zunächst in der Hocke, getestet werden. Es kommt der Moment, auf den ich am meisten gespannt war. Goletzko gibt mir mit „Daumen runter“ das Zeichen zum Abtauchen. Ich gehe langsam in die Hocke, bis mein Kopf unter Wasser ist, und schaue mich um. Dann atme ich ein und wieder aus. Dann noch einmal, und noch ein weiteres Mal. Ich gebe meiner Partnerin das „alles OK“-Signal, gefolgt von dem Daumen nach oben. Ein faszinierender Augenblick. Eigentlich weiß man ja, worauf man sich einlässt, und dass man mit der Ausrüstung unter Wasser atmen kann, doch bleibt dieser Gedanke bis zuletzt so theoretisch, dass der erste wirkliche Atemzug unter Wasser etwas sehr Besonderes ist.
Der nächste Schritt. Beim erneuten Abtauchen soll ich versuchen, mich mit dem ganzen Körper auf den Beckenboden zu legen und mit Hilfe der Flossen einige Meter nach vorne zu schwimmen. Auch das klappt. Ich weiß zwar nicht wohin mit meinen Armen, denn beim Tauchen schwimmt man nur durch die Bewegung der Beine, aber es geht. Ein kleines Lob darf ich mir danach von meiner Tauchpartnerin abholen:
„Für einen blutigen Anfänger sieht das schon recht vernünftig aus. Ruhige Lage im Wasser, keine Drehung nach links oder rechts und keine Anzeichen von Nervosität – das gefällt mir!“

Danach wird es etwas anspruchsvoller.
Beim dritten Tauchgang soll es weiter ins tiefere Wasser gehen.


„Wenn man tiefer abtaucht, ist es sehr wichtig, den Druck auszugleichen. Das erreicht man durch ein Zusammendrücken der Nasenflügel und einem anschließenden Pusten aus der Nase. Ähnlich, wie man es in einem Flugzeug macht“, erklärt Goletzko. Als Faustregel kann man sich merken, dass pro 10 Meter Tiefe der Druck um ein Bar ansteigt. Dieser Druckausgleich ist wichtig, um Schäden der Gehörgänge zu vermeiden.
Gesagt, getan. Unter Wasser nähern wir uns der Kante, an der es steil und tiefer ins Becken hinabgeht. Ich versuche, durch kontrolliertes Ein- und Ausatmen meine Höhe zu verringern. Die menschliche Lunge verfügt über ein durchschnittliches Fassungsvermögen von sechs Litern – auch damit kann man unter Wasser seine Tauchhöhe kontrollieren. Zusätzlich erhalte ich immer wieder Unterstützung durch meine Tauchpartnerin, die für mich die Luft in meiner Weste reguliert. Alles auf einmal zu beachten, fällt mir dann doch etwas schwer. In einer Tiefe von ungefähr drei Metern gebe ich das Zeichen zum Auftauchen. Ich erlebe erneut einen faszinierenden Moment, aber komplett bis zur tiefsten Stelle zu tauchen, ist mir dann doch ein wenig zu viel.

Zum Abschluss unternehmen wir einen letzten Tauchgang, bei dem wir in einer Runde und an der Kante zum tiefen Gewässer einen Kreis ziehen. Ruhig und gelassen absolvieren wir die Übung, bei der ich abermals versuche, alle Eindrücke mitzunehmen und zu verarbeiten. Am liebsten würde ich danach noch weitermachen, aber nach einer Dreiviertelstunde im Wasser wird es doch ein wenig kalt. Beim Verlassen der Schwimmbeckens spüre ich noch einmal stärker, wie schwer die Gerätschaften auf meinem Rücken wiegen. Dennoch, das Grinsen auf meinem Gesicht kann ich nicht verstecken; in diesem Moment fühle ich mich selbst ein klein wenig wie ein Entdecker.

 

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