Die Bochumer – (k)eine Erfolgsgeschichte?

Oder: Bald Leerstand in Onkel Toms Hütte

Wer sich aus Gelsenkirchen auf den Weg ins „Kreativquartier Bochumer Straße“ aufmacht, der kommt zwangsläufig bei „TOMs Corner“ an der Ecke zur Bergmannstraße vorbei. Thomas Udovic ist vor etwa zwei Jahren mit seinem Vintage-Laden von Bochum nach Ückendorf gekommen und geht jetzt wieder zurück. Kaum Kundschaft und das Ende der Mietfreiheit sind die Gründe für den Ortswechsel. Bisher waren nur die Nebenkosten fällig, und eine Miete sollte dann folgen, wenn es im Stadtteil richtig losgeht. Es hat sich in den letzten Jahren einiges getan, aber von einem lebhaften „Kreativquartier“ mit konsumfreudigen Bewohnern ist die Straße noch weit entfernt. Mit ähnlichen Konditionen hat auch Toms Nachbar, die Cocktailbar „DJammeh Juices“, zu kämpfen. Beide Läden sind ein kleiner Baustein im großen Ganzen und sollten erhalten bleiben.

Weitere Mietfreiheit und günstige Bedingungen sollten kein Problem sein. Mit Subventionen hat die zuständige Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) und die Lokalpolitik in der Regel keine Schwierigkeiten. Die Heilig-Kreuz-Kirche hat stolze 18 Millionen  Euro verschlungen, und die Sanierung von Haus Reichstein immerhin zwei Millionen Euro. Finanziert wird die Geschichte durch öffentliches Geld und den Verkauf von Grundstücken am Buerschen Waldbogen. Wenn sich die politische Klasse der Stadt dort das ein oder andere weitere und teure Grundstück gönnt, wäre die Unterstützung solcher Läden auf der Bochumer kein Problem. Jeder zusätzliche Leerstand ist ein Schritt zurück.

Kehrt mit seinem Laden und allen Vintage-Kostbarkeiten bald von der Bochumer Straße nach Bochum zurück: Thomas Udovic, Inhaber von „TOMs Corner“

Ein Häuptling und viele Indianer – oder: Wer hat hier
den Hut auf?

Die Entwicklung der Straße ist an vielen Punkten Stückwerk so wie ein Puzzle, wo die einzelnen Teile nicht zusammenpassen wollen. Es gibt hier mehr Fragen, als wirkliche Antworten. Was ist der große Plan, und für wen soll hier was entwickelt werden? Bestimmt die SEG mit der Geschäftsführerin Helga Sander die Richtung oder doch Harald Förster von der Gelsenkirchener Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GGW)? Was ist mit Stadtbaurat Christoph Heidenreich, der seit 2019 im Amt ist und bisher nicht wirklich die Initiative ergriffen hat? Außerdem ist da noch der Landschaftsplaner Siegbert Panteleit, der als „Kümmerer“ der Bochumer Straße aufgetreten ist und sich schon länger nicht mehr zu Wort meldet. Was ist mit Irja Hönekopp, der Abteilungsleiterin im Referat Stadtplanung? Was macht der Souverän – also die gewählten Vertreter im Rat der Stadt Gelsenkirchen? Wo ist die Beteiligung der in Ückendorf lebenden Menschen, und wo sind die Akteure auf der Bochumer? Es fehlt an einem Plan, an einer Beteiligung der Menschen, und es fehlt an Transparenz.

 

Eine der vielen problematischen, auf die Sanierung wartenden Immobilien im Quartier ist das Haus an der Ecke Bochumer- / Bergmannstraße. Auch hier war „TOMs Corner“ schon einmal einquartiert

Ist das Kultur,
oder kann das weg?

Es gibt viele gute Argumente dafür, dass die vorhandenen finanziellen Mittel und personellen Ressourcen nach Ückendorf fließen. Es sind auch andere Standorte für kulturelle Angebote wichtig. Zum Beispiel hat der Kulturraum „die flora“ am Rande der Altstadt natürlich eine Existenzberechtigung, aber es gibt immer wieder Gerüchte über eine anstehende Schließung.
Da ist die KAUE an der Wilhelminenstraße schon ein Stück weiter. Im Jahr 2021 hatten die Stadtwerke den Mietvertrag für die traditionelle Spielstätte schon gekündigt und vergessen, die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Oberbürgermeisterin Karin Welge hat die Kündigung des Mietvertrages der KAUE nach öffentlichem Druck wieder zurückgenommen. Etwas nebulös hieß es in einer offiziellen Stellungnahme:
„Es geht uns dabei nicht um die Rücknahme einer Kündigung, sondern um die Möglichkeit, mit einem neuen Vertrag die Rahmenbedingungen für eine ausgewogene Kulturszene neu zu gestalten“.
Aus der neuen Ausrichtung ist bisher nicht viel geworden, und das verschwurbelte Bekenntnis beinhaltet alle Möglichkeiten, den Betrieb langsam auslaufen zu lassen.

 

Die unklare Entscheidungsstruktur und die behäbige Stadtverwaltung gefährden in schöner Regelmäßigkeit die Entwicklung der Bochumer Straße. So konnten die Kindertagesstätte erst knapp drei Jahre nach dem eigentlich geplanten Termin  von der Heidelberger Straße in den Neubau an der Bochumer Straße ziehen. Der rechtzeitige Auszug wäre für die Mitglieder der genossenschaftlichen Initiative „Heidelbürger“ wichtig gewesen, die seit 2018 Besitzerin des Kita-Geländes an der Heidelberger Straße ist. Wegen der jahrelangen Verzögerung bestand die Gefahr, dass Genossenschaftsmitglieder abspringen. Die Stadt hatte bei den Verträgen mit dem Bauträger der neuen KiTa wohl versäumt, ein verbindliches Datum für die Fertigstellung zu vereinbaren. Die Kommunikation zwischen Stadt und Genossenschaft war faktisch nicht vorhanden. Erst auf öffentlichen und medialen Druck kam Bewegung ins Rathaus.

Neue Läden hatten Probleme mit Schanklizenzen, das Veterinäramt führte kleinliche Kontrollen durch, und die Politessen machen gerne Überstunden vor der Trinkhalle. Der Reitverein ETUS beklagte sich über mangelnde Transparenz und die Rolle der Wirtschaftsförderung beim Verkauf des angemieteten Grundstücks an der Dessauer Straße. Der Vorschlag, von Start-ups die Gründerhäuser für Studenten-WGs herrichten und im Erdgeschoss Raum für Unternehmensgründer schaffen zu lassen, winkten die Wirtschaftsförderer nur müde ab.

 

Das System Rommelfanger

Stefan Rommelfanger war bis 2016 Abteilungsleiter im Referat Stadtplanung in Gelsenkirchen. Zu dieser Zeit wurde im Rathaus eine Art „Runder Tisch“ betrieben mit allen relevanten Abteilungen und Experten der Verwaltung. So konnte bei neuen Projekten eine gemeinsame Lösung erreicht werden, ohne die bekannten Eitelkeiten und Reibereien. Das geschah mit Unterstützung des Oberbürgermeisters Frank Baranowski. Die Bürgerbeteiligung in den Quartieren stand ganz oben auf der Tagesordnung. Es sollte in die Bürger investiert werden, und so wurde zum Beispiel das „Rotterdamer Modell“ für Ückendorf vorgeschlagen. „Schrottimmobilien als Chance – diesen Ansatz verfolgt das Rotterdamer Projekt ‚Klushuizen‘“, heißt es dazu in einer Beschreibung des Ansatzes auf der Internetseite Baukultur NRW. „Vernachlässigte Häuser, deren Sanierung für die Eigentümer eine zu große Belastung darstellt, werden von der Stadt aufgekauft und im unsanierten Zustand zu günstigen Konditionen weiterverkauft an Menschen, die sich im Gegenzug verpflichten, die Wohnungen zu renovieren und drei Jahre lang selbst zu bewohnen.“
Dieser innovative Ansatz ist dann in Gelsenkirchen still und heimlich in den Archiven der Verwaltung verschwunden.
Aktuell hat die Stadt mit dem Land das Projekt Zukunftspartnerschaft vereinbart, und 100 Millionen Euro sollen in die Stadt fließen, um etwas gegen die rund 500 Schrottimmobilien zu unternehmen. Vielleicht hat das Rotterdamer Modell in Gelsenkirchen eine zweite Chance.

young, urban and rough

o soll es sein, das schöne neue Ückendorf in der Version der Planer. Wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass zumindest die Eigenschaft „rau“ zutrifft. Die Akteure und Betreiber der Läden sind sicherlich viel, aber in der Regel nicht jung. Das ist eine Frage der Definition, und in Deutschland zählen auch die Menschen jenseits der 70er zu den Aktivposten. Menschen unter 30 Jahren tauchen im Kreativquartier kaum auf. Das gilt auch für die Besucher, denn das Angebot richtet sich an ältere Menschen.
In der Kulturkirche geben sich Comedians die Klinke in
die Hand, und das ist nur für eine eingeschränkte – zumeist ältere – Zuschauerschar von Interesse.
Ateliers und Ausstellungen sind zwar ein wichtiger Faktor, aber sie bringen kaum Leute aus anderen Regionen ins Quartier.
Mehr als 70 % der jungen Menschen im Stadtsüden haben eine Zuwanderungsgeschichte, für sie gibt es ebenfalls keine Angebote. Clubs und soziale Zentren wären eine gute Idee. Zwar kann die mit öffentlichem Geld sanierte Heilig-Kreuz-Kirche für Veranstaltungen aus dem Stadtteil genutzt werden, aber nach der aktuellen Nutzungsordnung sind damit für jeden Termin rund 2.000 Euro fällig. Das schränkt den Kreis der Nutzer ein, und außerdem entscheidet über die Vergabe das „Entscheidungsgremium Programmatik“.

 

Großer Bahnhof an der Heilig-Kreuz-Kirche zum Frühlingsempfang der Oberbürgermeisterin im Mai 2022

Das aus der Gründerzeit stammende „Haus Reichstein“ wurde als exemplarische Altbausanierung aufwendig in Stand gesetzt

Mit beschränkter Haltbarkeit 

Ohne Förderung läuft bisher nicht viel rund um die Bochumer Straße. Das Geld ist knapp, und da ist es keine gute Idee, wenn sich die kommunale Tochtergesellschaft SEG um die knappen Ressourcen bewirbt und andere Akteure aussticht.
Viele Angebote im Quartier arbeiten mit einer Landesförderung, die im Sommer 2023 ausläuft. Wie es dann weitergeht, ist offen. Die Stadt Gelsenkirchen leistet sich eine kostspielige Förderung der Hochkultur im Musiktheater. Eine ähnliche Förderung für das „Kreativquartier“ sollte ganz oben auf der Tagesordnung stehen. 

Alles wird gut

Wenn in dieser Stadt jemand etwas nicht gut findet, dann wird das von den Verantwortlichen gerne als Meckern abgetan. Das ist eine Schutzbehauptung, um das eigene Handeln und die schlechten Ergebnisse nicht zu hinterfragen. Denn Kritik ist der Motor der Veränderung, und die wird nötig sein – sogar eine radikale Veränderung.
Klar ist, dass es ohne Förderung hier keine Entwicklung geben wird, die sich eines Tages auch wirtschaftlich zumindest in Teilen selber trägt. Was mit dem Geld gemacht wird, muss immer transparent sein und einem guten Plan folgen. Der muss nicht teuer sein, und die Menschen in der Stadt müssen einbezogen werden. Leider zeigen sich die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung meist resistent bei guten Ratschlägen. Zuletzt wurde der Masterplan Mobilität (für etwa 400.000 Euro) und das Gutachten zur Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung (für 70.000 Euro) in den politischen Gremien völlig verwässert.

Michael Voregger
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Der freie Gelsenkirchener Journalist Michael Voregger arbeitet für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten. Sein eigenes Projekt ist der Ruhrgebiets-Podcast „Emscherbote“.
www.emscherbote.de

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