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WM22 Katar: Foulspiel mit System

Ende November wird die 22. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Katar ausgetragen. Um die Infrastruktur in dem Golfstaat bereitzustellen, werden Millionen Arbeiter*innen ausgebeutet. Schätzungen zufolge starben bisher 6.500 Menschen auf den WM-Baustellen. Es gibt viele Gründe mehr, die WM kritisch zu sehen: Die Klimaschädlichkeit der Veranstaltung; der Bau von Stadien, für die es keinen Bedarf gibt; die Rechte der LGBTIQ Community und von Frauen… Das hat die Funktionäre des Fußball-Weltverbandes FIFA nicht davon abgehalten, die WM an das Emirat zu vergeben. Doch es mehren sich die Stimmen, die dagegen protestieren. 

Die Speakers Tour mit vier Gästen aus Nepal und Kenia, die über die Arbeits- und Lebensbedingungen migrantischer Arbeiter*innen in Katar aufklärt, machte am 23. September Station im Wissenschaftspark Gelsenkirchen. Veranstalter waren die Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie die Schalker Fan-Initiative, das Schalker Fanprojekt und das Anno 1904 e. V.

Eine Simultanübersetzung ermöglichte es den rund 100 Interessierten den Berichten gleichermaßen zu folgen. Der Begriff der „modernen Sklaverei”, der des Öfteren fiel, gibt die Situation, in der sich Malcolm Bidali, Jeevan KC und Krishna Shrestha befunden
haben, am ehesten wieder. 

Als migrantische Arbeiter waren sie auf Baustellen in Katar im Einsatz, verließen dafür die Heimat, um ihre Familien zu unterstützen und fanden sich in untragbaren Verhältnissen wieder, die von Willkür und Unrecht geprägt waren. Einschüchterung und Angst galten als probate Mittel, um Gefügigkeit und Gehorsam zu erzwingen. Schilderungen über den Einbehalt von Reisepässen, bindende Bürgschaften durch den Arbeitgeber, Verbote von Ruhepausen, Urlaub oder Ausreise, Verweigerung von Krankheitstagen sowie Nichtauszahlung von Gehältern, machten deutlich, unter welchen Bedingungen migrantische Arbeiter*innen ihren Arbeitsalltag bestreiten mussten.  

Malcom Bidali aus Kenia arbeitete drei Jahre als Wachmann in Katar. In dieser Zeit begann er über die unmenschlichen Verhältnisse vor Ort zu bloggen. Er selbst sah sich bis dahin nie als Aktivisten, brauchte aber ein Ventil, um seine Erlebnisse zu verarbeiten. Die öffentliche Kritik an einem Mitglied der Königsfamilie brachte ihn für einen ganzen Monat ins Gefängnis, ein paar Tage davon sogar in Isolationshaft. Nach zahlreichen Verhören kam er gegen eine Geldstrafe frei und konnte schließlich das Land verlassen.

Auch Jeevan KC und Krishna Shrestha, die ihre Gesichter bei der Speakers Tour durch Deutschland aus Angst konsequent vor der Öffentlichkeit schützten, berichteten von beklemmenden Ereignissen, die der Leibeigenschaft sehr nahe kommen. Alle drei Männer sind mittlerweile in Netzwerken organisiert, um sich für bessere Arbeitsbedingungen in Katar und gerechte Behandlung einzusetzen. Die Veranstaltungen nutzen sie als Sprachrohr, um die Öffentlichkeit über die Missstände aufzuklären.

Binda Pandey war für den nepalesischen Gewerkschaftsdachverband GEFONT (General Federation of Nepalese Trade Unions) an den Verhandlungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) mit der katarischen Regierung zu Arbeitsrechtsreformen beteiligt. Heute ist sie Abgeordnete im nepalesischen Parlament. Sie betonte, dass es leider nicht ausreiche, Reformen zu verabschieden. Die Diskrepanz zwischen jetzt schon geltendem, bereits erstrittenem Arbeitsrecht und der Realität ist weiterhin enorm groß. An den vorherrschenden Zuständen habe sich kaum etwas geändert, da sich Arbeitgeber schlichtweg nicht an die Richtlinien halten würden.

Ob der Verzicht die WM zu schauen oder zu zeigen, helfen würde, wird zwiespältig gesehen. Die einhellige Meinung und Bitte vom Podium selbst lautete, den Druck auf Katar weiter hochzuhalten und sich bei der Regierung und den Verbänden dafür einzusetzen, die Arbeitsbedingungen und -rechte vor Ort zu verbessern. 

In der „zweiten Halbzeit” gingen Dr. Susanne Franke von der Schalker Fan-Ini, Jonas Burgheim vom „Zentrum für Menschenrechte und Sport e.V.” und Moderator Hubertus Koch mit dem Publikum unter dem Motto „Wie viel Katar steckt in der Bundesliga?” in den Austausch. Viele Eindrücke aus der vorherigen Runde knüpften an Missstände in Deutschland an – nicht nur im Fußball, sondern im gesamten Breitensport. Sexismus, Rassismus, Mißachtung von Arbeitsrechten oder auch mangelnde Nachhaltigkeit. Bei diesen Themen war man sich einig, dass Deutschland selbst noch am Anfang steht. 

Der Appell auch hier: Jeder sollte sich seiner Macht als Konsument bewusst sein. Warum nicht auch mal als Kunde unbequem sein? Fragen stellen. Den eigenen Verein um Positionierung bitten.  

An diesem Abend stand die Sensibilisierung für das Thema im Vordergrund, um weiterhin ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was um uns herum geschieht und was wir als Einzelne, aber auch in Vereinen, Verbänden und Organisationen gemeinsam für Gleichheit, Recht und Freiheit tun können.   

Weiterführende Infos zum Thema findet ihr hier:
www.rosalux.de/fairplay
www.boycott-qatar.de/
www.back2bolzen.de/supporter

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