Zerstörung als Chance

von Kirsten Lipka

Was haben eine ehemalige Fleischerei an der Hauptstraße, ein Garagenhof in der Feldmark und eine Domina aus Berlin gemeinsam? Die Antwort: Zerstörung! Um die Verwirrung komplett zu machen, bringe man noch einen Bestatter und einen Nothammer mit ins Spiel.
Alle Komponenten verbindet das Kunstprojekt „art destruction to art protection“, kurz ad2ap. Die Akteure dahinter sind die Künstlerin Claudia Lüke und der Fotograf Uwe Jesiorkowski.


Sichtbarkeit

Im März 2020 standen viele Menschen vor dem Problem, von jetzt auf gleich völlig handlungsunfähig zu sein. Die Kunst- und Kulturlandschaft kam fast gänzlich zum Erliegen und Existenzängste machten sich breit. Es mussten neue Wege und Mittel gefunden werden, um sich über Wasser zu halten, sichtbar zu bleiben und weiter nach vorn zu gucken, ohne zu wissen, wie lange diese Phase andauern wird.
Diese zerstörerische Auswirkung der Corona-Krise auf den Kunstbetrieb nahm Claudia Lüke zum Anlass, die eigenen bemalten Leinwände zu zerschneiden und zu Mundmasken umzufunktionieren. Sie kam damit der Zerstörung ihrer Kunst durch die Pandemie zuvor, in dem sie eigenhändig für eine Umnutzung sorgte und daraus einen Schutz schuf, der wiederum andere vor dem Virus bewahren sollte. Die bunten Masken verteilte sie unter Kollegen, Kunstfreunden, Galeristen und Sammlern in aller Welt, die wiederum Claudias Kunst sichtbar machten, indem sie im Gegenzug ein Foto von sich mit diesem Mundschutz zurückschickten – quasi als lebende Ausstellungsfläche. So wurden sie in dieser Krisenzeit selbst sichtbar und Teil eines großen Ganzen.

 

Sichtwechsel

Uwe setzte mit seinen Fotografien besonders Menschen in Szene, die in der Corona-Krise für eine funktionierende Gesellschaft sorgten. Der Fokus lag dabei auf denjenigen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und ansonsten geringe Aufmerksamkeit erfahren. Die bunte Schutzmaske kam hier als Markierung zum Einsatz, um die gesellschaftliche Relevanz in diesen wichtigen, aber kaum wahrgenommenen Rollen zu verdeutlichen.
Mit diesem Projekt sind die beiden multimedial und interaktiv seit gut zwei Jahren unterwegs und entwickeln das Format stetig weiter. Auf allen erdenklichen Social-Media-Plattformen sind sie vertreten, es gibt einen Katalog (auch zum Download), eine Internetpräsens, ein Diskussionsformat (AD2AP trifft) und reichlich Videomaterial. Fester Ausstellungsort war für geraume Zeit die ehemalige Fleischerei Thelen an der Hauptstraße. An den Schaufensterflächen waren überdimensionale Fotografien der Mitwirkenden zu sehen. Das Ladenlokal bot Platz für Aktionen in analoger Form und schlug so den Bogen von digitaler Kommunikation zum Austausch direkt vor Ort.
Ein „Emergency Art Kit“ gehört zu den erwerbbaren Kunstobjekten – im akuten Notfall ist mit dem Nothammer die Scheibe des Bilderrahmens einzuschlagen, um an die dahinter verwahrte Kunstmaske als Schutz gelangen zu können. Und auch die Politik war gefragt: Während des Wahlkampfs erhielten die damaligen OB-Kandidaten jeweils eine der Masken-Unikate. Susanne Cichos (FDP) und Malte Stuckmann (CDU) beteiligten sich sogar am Aufruf.

 

Aussichten

Das Projekt geht nun auf Reise: Aktuell ist es noch bis Ende Juli an der Wilhelminenstraße in der Feldmark zu bestaunen. In unmittelbarer Nähe des Rewe-Parkplatzes ist der Garagenhof großflächig mit den Drucken der Kunstaktion dekoriert. Auf der Wiese hinter den Garagen sind vier ausgewählte Bilder auf einer Fläche von 24 x 9 Metern gespannt. Kurz nach dem ersten Aufbau machte ein Sturm dem Auftakt dieser Aktion einen Strich durch die Rechnung. Aus Sicherheitsgründen musste die Gerüstinstallation noch einmal angebaut werden. Seit einigen Wochen sind diese imposanten Drucke wieder zu begutachten und waren bereits Gegenstand einer Projektwoche der Gesamtschule Ückendorf.
Weitere Aktionen im Zusammenhang mit diesem Gelände sind eingeplant. Mitte des Jahres geht die Reise dann weiter nach Dortmund ins Kreativ.Quartier, um neue Mitstreiter zu gewinnen.


Alle Entwicklungen und tiefergehende Infos findet ihr unter und unter ad2ap –
art destruction to art protection auf den gängigen Social-Media-Plattformen.

www.ad2ap.online

Fotos: Uwe Jesiorkowski

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