AMSTERDAM

theater glassbooth
präsentiert neue Eigenproduktion

Sie stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer Beziehung. Ein Liebespaar erhebt ein letztes Mal die Gläser auf die zusammen verbrachte Zeit. Nachdem ihr gemeinsames Lied ertönt, tritt ein mysteriöser Mann in ihr Leben, der mehr über die beiden zu wissen scheint, als sie sich eingestehen wollen. Es beginnt eine Reise in die Vergangenheit, in der viele Schlüsselmomente des Paares erneut durchlebt werden – und doch scheint alles anders zu sein, als es früher war.
Das theater glassbooth ist bekannt für seine bunten, skurrilen und dramaturgisch intelligenten Produktionen. Stücke wie Willems wilde Welt, der Reichsbürger oder Zeit der Kannibalen waren nicht zuletzt deshalb beim Publikum so beliebt. So ist es kein Wunder, dass auch das Beziehungsdrama Amsterdam eine ähnliche Richtung einschlägt. Beim Besuch im kleinen und charmanten AmVieh-Theater in der Essener Nordstadt sprach das Ensemble über die Idee zum Stück, die Vorbereitung auf die Schauspiel- sowie Regiearbeit und warum dieses Mal auf die klassische Bühnensituation verzichtet wird.

isso.: Amsterdam ist eine vollkommen neue Produktion.
Woher kommt die Idee für die Geschichte?

Dominik Hertrich (Autor/Regisseur): Tatsächlich rief mich Jens Dornheim Heiligabend 2020 an und erzählte mir von einer Idee für ein neues Stück, inspiriert vom Film Der Rosenkrieg (The War of the Roses, US-amerikanische Tragikomödie von 1989; Anm. d. Red.). Nach diesem halbstündigen Telefonat beschlossen wir beide, uns ab Januar ein Mal pro Woche zu treffen und an diesem Stück zu schreiben. Am 15. Juni 2021, also ungefähr ein halbes Jahr später, waren wir fertig – und sehr glücklich!

Schreiben im Duo – das ist bestimmt nicht immer leicht gewesen, oder?

Jens Dornheim (Autor/Darsteller): Am Anfang hatten wir noch keine komplette Story vor Augen, sondern nur bestimmte Stationen, die vorkommen sollten. Die Idee war: Wir haben ein Paar, das sich trennt. Welche Szenen sind da interessant? Als erstes schrieben wir eine Szene, bei der die gemeinsamen Güter getrennt werden. Diese Szene war sozusagen der Ausgangspunkt beim Schreiben und für uns der Startpunkt, von wo aus die Reise beginnt. Hand in Hand zu schreiben und an dem Text zu arbeiten, fiel uns tatsächlich recht leicht, da wir zusammen immer wieder neue Ideen hatten, die rückwirkend im Stück Sinn machten. Das Stück spielt nämlich nicht chronologisch – so viel möchte ich an dieser Stelle schon einmal verraten.

Ist es eine besondere Herausforderung, eine Geschichte auf diese Weise auf der Bühne zu präsentieren?

DH: Tatsächlich war die letztendliche Chronologie erst kurz vor dem Abschluss klar. Wir haben bei Amsterdam zwei Ebenen: Die klassische und zeitliche Abfolge der Narration steht auf der einen Seite. Daneben gibt es zudem die Möglichkeit des assoziativen Nebeneinanders von einzelnen Ereignissen innerhalb der Chronologie. Das Stück wird auf beiden Ebenen erlebbar sein. So ist zumindest mein Gedanke. Die Zuschauer*innen werden dann die Möglichkeit haben, die Geschichte „nur“ assoziativ auf sich wirken zu lassen, oder doch schon früh damit anzufangen, die einzelnen Szenen miteinander zu verbinden.

Sind persönliche Einflüsse im Text zu finden?

JD: Mit Sicherheit! Aber nicht eins zu eins. Autobiografisch ist es nicht. Viele Einflüsse stammen auch aus anderen Filmen oder aus dem musikalischen Bereich. Es gibt einige Musikstücke, die für die Beziehung im Stück sehr wichtig sind.

DH: Viele Motive im Stück beschäftigen sich damit, was Beziehungen eigentlich ausmachen. Vielleicht schöpfen wir an dieser Stelle ja tatsächlich aus privaten Erfahrungen. Die Frage ist ja die: Worum ringt man in Beziehungen? Natürlich um Gemeinsamkeit. Aber dann gibt es auch die Motive der Flucht, Hoffnung oder Ehrlichkeit. Mit Beziehungen meine ich übrigens nicht nur die klassische Paar-Beziehung. Da etikettieren wir ja immer sehr leicht. Nein, eine Beziehung kann auch unter Freund*innen stattfinden. Was die Grundlage für Beziehungen ist oder sein sollte, wird dementsprechend auch im Stück verhandelt. Humor ist dabei auch ein wichtiges Thema. Ich finde es sehr wichtig, dass man in einer Beziehung miteinander lachen kann.

Stichwort Humor: Ist Amsterdam ein lustiges Stück?

Julie Stearns (Darstellerin): Ich denke, dass die Leute schon an vielen Stellen lachen werden. Ich selbst bin beim Spielen oft überrascht, wie lustig einzelne Sequenzen doch sind. Natürlich ist es auch immer eine Sache der Interpretation. Und es gibt auch viele dramatische Momente. Vor allem, wenn die Figuren in ihre Vergangenheit reisen und reflektieren.

Mira Kohli (Darstellerin): Es gibt auf jeden Fall dramatische und tragische Momente. Trotzdem besitzt das Stück eine gewisse Leichtigkeit und spiegelt das Leben in all seinen Gefühlen und Facetten wider – vor allem, wenn man schon einmal eine Trennung durchlebt hat.

JD: Und es wird an manchen Stellen surreal…

Inwieweit?

JD: Auf der Bühne werden auch traumartige Szenen zu sehen sein. Neben dem Paar gibt es zudem noch andere Figuren, die als unterschiedliche Gestalten auftreten. Auch der Bühnenraum wird sich schnell wandeln, was surreal wirken kann.

Herr Hertrich, wie ist Ihr Ansatz, wenn es um die Regiearbeit mit den Schauspieler*innen geht?

DH: Wir reden zunächst einfach miteinander und hören uns zu. Dabei ist mir wichtig, dass wir einen achtsamen und professionellen Umgang miteinander pflegen. Aus dem Zuhören entsteht für mich die wichtige Frage: Was braucht diese Person, um in den einzelnen Szenen glaubwürdig spielen zu können? Wenn ich das verstehe, kann ich als Regisseur auch unterstützend wirken. Ich habe bei dieser Produktion das Glück, mit einem Ensemble zu arbeiten, welches bereits nach wenigen Proben das Verständnis besitzt, wie man das Stück gestalten kann.

Anschlussfrage an die Darsteller*innen: Wie bereiten Sie sich auf die Rollen und die Proben vor?

MK: Ich versuche, mich in ein Wesen hineinzuversetzen. Wie gibt sich beispielsweise eine Schaustellerin auf einem Jahrmarkt? Gefühle spielen bei mir und meiner Vorbereitung eine große Rolle. Privat bin ich eine eher schüchterne Person, deshalb ist das Theaterspielen eine wunderbare Gelegenheit aus meiner Komfortzone herauszukommen.

JS: Ich lerne zunächst einmal den Text! (lacht). Danach kommen verschiedene Phasen. Als Schauspielerin ist für mich „Zuhören“ das Schlüsselwort. Das betrifft meine Kolleg*innen, die Atmosphäre und mich selbst. Ich muss offen dafür sein, in dieser Rolle zu wachsen. Dafür brauche ich natürlich auch eine vertraute Basis, die ich hier bei den Proben jedes Mal erlebe. Wenn ich mich so wohlfühle, vertraue ich meinem eigenen Körper und meinen Impulsen noch einmal mehr. Später kommen dann Struktur und Energie von ganz alleine.

JD: Bei mir ist es bei diesem Stück ein Sonderfall, da ich ja selbst daran mitgeschrieben habe. Deswegen habe ich den Charakter, den ich jetzt spiele, bereits anders kennengelernt. Für mich ist es deswegen jetzt besonders spannend, wenn ich sehe, was das Stück nun mit einem gesamten Ensemble für eine Dynamik entwickelt.

JS: Jens, bist Du ein typischer Method-Actor? (Schauspielkunst nach Lee Strasberg, bei der Darsteller*innen mit eigenen Erinnerungen sowie Entspannungstechniken arbeiten; Anm. d. Red.)

JD: Das würde ich so nicht sagen. Ich habe zwar eine gewissen Vorstellung, bin aber trotzdem offen für andere Blickwinkel aus der Regie.

Frau Gröning, was dürfen die Zuschauer*innen erwarten, wenn es um das Bühnenbild geht?

Gesa Gröning (Bühnen- und Kostümbildnerin): Als mir das Stück vorgetragen wurde, war für mich und Dominik sehr schnell klar, dass wir von der klassischen Bühnensituation weggehen und den Raum in seiner Gänze nutzen wollen. Die Schauspieler*innen werden dadurch sehr nah am Publikum sein können, was der Atmosphäre viel geben wird.

Erschwert dieser Umstand die Erstellung eines Bühnenbilds?

GG: Dabei kommt es immer auf den Bühnenraum an. In diesem Fall finde ich es sogar sehr unterstützend. Dadurch, dass wir hier im AmVieh-Theater nicht die klassische Rampe, also die erhöhte Bühne haben, bietet es sich gut an, die Bühne zu verlassen und den ganzen Raum zu bespielen. Die Herausforderung kommt wahrscheinlich eher bei den Gastspielen, wie beispielsweise in der Flora in Gelsenkirchen. Wobei ich das beim Bau der Kulissen bereits mit einplane.

Im Hintergrund sehe ich gerade das Plakat zum Stück. Ein Rorschach-Test, nicht wahr? Was hat es damit auf sich?

MK: Die psychologische Komponente spielt im Stück natürlich auch eine große Rolle. Wir beschäftigen uns beispielsweise mit Traum und Surrealismus – alles Elemente, die nah mit der Tiefenpsychologie verwandt sind. Jens hatte tatsächlich die Idee, dass wir deswegen den Rohrschach-Test miteinbeziehen. Für die Gestaltung des Plakats habe ich alte Tintenpatronen ausgedrückt und mir meine eigene Sammlung an Rorschachtests erstellt. (lacht)

Zum Abschluss eine Frage, die man bereits zu Beginn hätte Stellen können – Stichwort Chronologie! Warum heißt das Stück Amsterdam?

DH: Amsterdam kann man auch assoziativ begreifen. Sehr viele Menschen kennen diese Stadt. Ich verbinde mit Amsterdam stets, dass etwas Überraschendes passieren kann. Ich konnte mich immer fallen lassen und habe mich ergeben gefühlt. Freudvolle Erlebnisse mit Menschen, die später vielleicht nicht mehr Teil meines Beziehungsgefüges sind – damit ist auch Schmerz verbunden. All das passt auch zu diesem Stück und zum Titel.

Vielen Dank an das gesamte Ensemble für dieses tolle Gespräch!

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