Scheidungsdrama als Mediensensation

MiR zeigt Hindemiths lustige Oper „Neues vom Tage“

Nicht ein Tag vergeht, an dem keine neuen und pikanten Details rund um den Verleumdungsprozess zwischen Amber Heard und Johnny Depp das Internet überfluten. „Flirt zwischen Depp und seiner Anwältin. Er als Kind geschlagen. Neue Aussage von Heards Schwester belastet ihn schwer“ und so weiter und so fort. Was der unschöne Rosenkrieg der Hollywood-Promis jedoch zeigt: Unsere sensationslüsterne Gesellschaft leckt sich die Finger nach Geschichten über Schlammschlachten zwischen ehemals verliebten Menschen. Schlagwörter wie „Blitzlichtgewitter“, „Klatschpresse“ sowie „Shitstorm“ gehören dabei zum täglichen Vokabular der nie enden wollenden Diskussionen in sozialen Netzwerken – und genau hier setzt Paul Hindemiths Werk „Neues vom Tage“ an. Obwohl die Uraufführung bereits 1929 stattfand, ist die Handlung der sozialkritischen Oper wohl nie aktueller gewesen. 

Laura und Eduard sind frisch verheiratet und glücklich. Doch der Schein trügt, denn schon bald führt der alltägliche Stress zu Verdruss und Streitereien. Der Entschluss steht fest – das Paar möchte sich scheiden lassen. Doch im Standesamt wird den beiden der Wunsch verwehrt, da ein triftiger Grund für die Scheidung fehlt. Der Vorgesetzte des Büros für Familienangelegenheiten, der schöne Herr Hermann, schmiedet einen gewieften Plan: Durch eine fingierte Affäre mit Laura will er den Scheidungsgrund liefern. Doch die Eifersucht Eduards, Lauras Eskapaden im Hotel Savoy und die, zunächst vorgetäuschte, Liebe von Hermann führen zu einem medialen Zirkus und die Schlagzeilen über das junge Paar überschlagen sich.

Eine Oper für Kenner*innen

Sonja Trebes Inszenierung lebt vom brisanten Libretto, welches den Nerv der Zeit vollends trifft und die Perversion der boulevardesken Medienlandschaft widerspiegelt. Gekonnt schafft sie es, die chaotische Wechselwirkung zwischen Liebe und Trauer, Tragik und Komik sowie Banalität und Ernsthaftigkeit lebendig auf die Bühne zu bringen. Dramaturgische Schachzüge, beispielsweise der Auftritt der nackten Schaulustigen oder der bieder choreografierte Ablauf auf dem Standesamt, zünden und lassen die Augen der Zuschauer*innen fast permanent von links nach rechts sowie von oben nach unten tanzen. Ein besonderes Lob gilt es an dieser Stelle für die Statisterie des Hauses auszusprechen, welche in dieser Produktion an vielen szenischen Umbauten beteiligt ist und die Schlussnummer zu einem großen Fest werden lässt.

Darstellerisch geben sich die Hauptakteur*innen keinerlei Blöße: Piotr Prochera als Eduard und Eleonore Marguerre als Laura mimen glaubwürdig das verzweifelte Ehepaar, welches sich letztendlich dem medialen Druck unterwirft. Neben der stimmlich anspruchsvollen Aufgabe verlangen die Partien auch schauspielerisch eine große menge Präsenz. Das gleiche gilt auch für Martin Homrich, welcher die Partie des aalglatten und schmierigen Herrn Hermanns schnörkellos zum Besten gibt. Auch in den Nebenrollen präsentiert sich das Ensemble von einer glanzvollen Seite. Almuth Herbst und Tobias Glagau als Ehepaar M. sowie der gesamte Chor des Musiktheaters strotzen vor Spielfreude und sorgen des Öfteren für Schmunzler. 

Als Fluch und Segen zugleich entpuppt sich die Musik aus der Feder von Paul Hindemith, welche unter der Leitung von Giuliano Betta fehlerfrei gespielt wird. Hindemiths Ansatz einer musikalischen Persiflage ist freilich nichts für jedermanns Gehör. Ein bisschen Wagner, ein bisschen Strauss, ein bisschen Strawinski – das Potpourri an überzeichneten Einflüssen ist zweifelsohne eine kompositorische Meisterleistung, fühlt sich während mancher Sequenzen jedoch an wie ein zielloser Stift, der konfus auf einem weißen Blatt Papier hin- und herzieht. 

Ein eindrucksvoller Applaus war dem gesamten Ensemble zum Schluss dennoch sicher.

Neues vom Tage

Musiktheater im Revier
Kennedyplatz, 45881 Gelsenkirchen

Fr 10. Juni, 19:30 Uhr
Sa 25. Juni, 19:30 Uhr

Eintritt: 15 – 45 €

www.musiktheater-im-revier.de

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