Der Innenhof des Wohnzimmers wird auch als Bühne genutzt

Zehn Jahre auf der Couch

WOHNZIMMER GE feiert Jubiläum!

Am 3. September feiert das WZ an der Wilhelminenstraße endlich sein großes Fest zum zehnjährigen Bestehen!

Mit einem liebevoll zusammengestellten Musik-Line up, begleitet von Aktionen der Künstlerin Claudia Lüke und dem Graffiti-Artist SPONK, spielen ab nachmittags die Bands il Civetto, The Planetoids und The Day in der rostroten Backstein-Kulisse der ehemaligen Zeche Wilhelmine Victoria 1/4 in Schalke. Zelebriert werden ganze zehn Jahre, in denen das Wohnzimmer Gastgeber von über 1.250 Veranstaltungen war, 3.500 Künstler*innen empfangen hat, die aus 40 verschiedenen Ländern angereist sind. In all der Zeit geführt von einem engagierten Team aus ehrenamtlichen Helfer*innen.

Warum eigentlich nicht?

Die Initialzündung zu diesem Projekt in dieser einzigartigen Lage kam von Paul Pillath und Madeleine Lobodda, die 2011 einen neuen Ort für Jung und Alt schaffen wollten, der Kulturaffine und Kulturschaffende als Anlaufpunkt für Veranstaltungen und zum kreativen Austausch dienen sollte. 

Zunächst waren beide in die Veranstaltungsreihe „Rosa Bühne“ in der alten Rosamunde involviert, die sie selbst initiiert hatten und die viel Potenzial versprach. Als nach prompter Schließung des Ladens diese Spielstätte wegfiel, lag die Idee nahe, etwas Eigenes zu schaffen, da es an Angebot und Möglichkeiten zu dieser Zeit massiv in Gelsenkirchen fehlte. 

Die eigenen Lebenssituationen und zeitlichen Freiräume der beiden stimmten mit dem Plan, einen eigenen Kulturort aus der Taufe zu heben, zu diesem Zeitpunkt überein, also warum es nicht wagen? So wurde zunächst ein Konzept aufgesetzt, um einen Fahrplan für die Zukunft zu erstellen. Madeleine brachte dabei ihre Erfahrungen aus der Gastronomie mit, und Paul ließ sein Wissen zu Technik, Musik und Veranstaltungen einfließen. 

Glücksort

Mit etwas Glück wurden sie schon nach kurzem Suchen durch den befreundeten Architekten Martin Güldenberg auf die leerstehende Immobilie direkt neben der Kaue aufmerksam und waren schon nach der ersten Besichtigung hellauf begeistert. 

Kulturort in einzigartiger Lage Foto: © Paul Pillath

„Die Bühne war schon drin, die Fenster waren gemacht, der Boden war schick. Wir konnten quasi direkt starten“, erinnert sich Paul an die ersten Eindrücke vor 10 Jahren. Man wurde sich schnell mit den Vermietern einig und konnte voller Elan loslegen. Aber welche Schritte sollten die nächsten sein, mit einem Startkapital von 0 Euro?

Alles muss rein

Zunächst gründeten sie einen Verein. Das erschien als beste Lösung, um auch auf einer der wichtigsten Säulen des Projekts aufzubauen: Gemeinschaft. 

„Wir brauchten Leute, die Bock auf das Projekt hatten, sowohl was das Mitmachen angeht als auch zunächst das Einrichten. Unsere erste Aktion war eine Bringt-euer-Zeug-mit-Party, zu der jeder Stühle, Tische oder Gläser, oder was auch immer im Keller oder auf dem Dachboden übrig war, beisteuern konnte“ erzählt Paul von den Anfängen. Angereichert mit weiteren Möbeln und Fundstücken brauchbaren Sperrmülls aus dem Stadtgebiet entstand in kurzer Zeit ein Setup, mit dem sie starten konnten. 

Von den Möbeln der ersten Stunde sind tatsächlich noch Überbleibsel in den Räumlichkeiten zu finden. Zwei braune Sessel, die jetzt in der Lüfterhalle ihren Platz gefunden haben und eine komplette Couchgarnitur. Alles andere wurde nach und nach ausgetauscht – auch die anfänglichen Lichtkannen aus dem Fundus des Musiktheaters. 

„Technik hatten wir zum Glück noch aus eigenem Bestand, so dass wir unmittelbar Konzerte veranstalten konnten. Durch Fördermittel oder Sponsoring gab es zwischenzeitlich ein bisschen Budget für neue Technik. Gerade in diesem Bereich sind wir heute sehr stolz auf unser Equipment, das wir vor Ort einsetzen können“, weiß Paul Pillath zu berichten, der selbst als Musiker großen Wert auf eine gute Anlage und hochwertige technische Gegebenheiten legt.

Engagement mit Herzblut

Madeleine: „Wenn du hier hinkommst, merkst du auch, dass niemand hier stehen muss und keine Lust hat, hier zu sein. Alle sind Teil des Ganzen, ob hinter dem Tresen, am Einlass oder am Mischpult. Die Leidenschaft für den Ort ist da, die Gemeinschaft – oder man kann es auch Familie nennen, wenn man möchte. Ein fester Kern von
20 Leuten ist einfach geblieben, und die werden wir auch nicht mehr los – Gottseidank.“

Nach einer Phase des Mitgliederwerbens merkten die beiden relativ schnell, dass es auf Qualität, nicht Quantität ankommt. Alle Funktionen müssen, wie in einem großen Unternehmen, abgedeckt sein – dazu gehören u. a. Service, PR, Booking und Catering genauso wie die Buchhaltung. Wer Mitglied sein möchte, muss auch aktiv mitmachen. Heute finden sich Menschen jeden Alters im Team wieder. Vom Studierenden bis zur Rentner*in. Ebenso viele für so einen Betrieb nötige Qualifikationen, vom Journalisten über Pädagogen bis zu Techniker*innen. Eines eint aber alle, so Madeleine und Paul: Die Leidenschaft für Kultur und diesen Ort. Dies zeigt sich auch an liebevoll hergerichteten Backstageräumen, stets selbstgekochtem Essen vor einem Gig und dem Wissen darum, wie man als Künstler*in begrüßt werden möchte. Wohl eines der wichtigsten Gründe für den langfristigen Erfolg.

Das Konzept geht also auf und der Betrieb läuft. Nicht immer ohne Hürden. 

„Die Finanzierung war und ist stets ein großes Thema für uns. Gemeinnützige Kulturarbeit ohne Trägerschaft funktioniert nicht ohne Förderung. Wenn man sich ähnliche Institutionen in angrenzenden Städten anschaut, stecken dort öffentliche Gelder dahinter, die diese Betriebe am Laufen halten. Auch wenn Möglichkeiten und Mittel in einer Stadt wie Gelsenkirchen leider begrenzt sind und vielleicht auch ungleich verteilt, ist die Nachfrage nach kulturell vielfältigem Angebot hoch, und Initiativen aus der Stadtgesellschaft mit langfristiger Beständigkeit sind rar gesät. Deshalb war die Diskussion hinsichtlich finanzieller Unterstützung eine Zerreißprobe für uns“, berichten Paul und Madeleine.

Hut ist gut

Andere Einnahmequellen wie einen Ticketverkauf möchte das Wohnzimmer aber weiterhin nur in Ausnahmefällen anwenden, da das Konzept „Hut“ sehr gut funktioniere: 

„Es wäre Quatsch, zu sagen, wir arbeiten jetzt mit Eintritt, weil nur so funktioniert unser Modell: dass auch Leute kommen, die nicht so viel haben. Und die, die mehr haben, geben auch mehr in den Hut. Das kommt aufs Gleiche raus und funktioniert.“

Neue Räume

Mit der Erweiterung der Räumlichkeiten durch die Lüfterhalle ergeben sich ebenfalls neue Möglichkeiten. Zurzeit gibt es Angebote für Yogastunden und „Intuitives Bogenschießen“. Die Nutzlast der Halle wird nach weiteren baulichen Veränderungen und Abnahmen bis zu 160 Leute erlauben – momentan sind 25 die maximale Obergrenze. Größere Kulturveranstaltungen, Seminare, Shootings, Workshops und Empfänge bieten sich an. Die Anfrage ist jetzt schon enorm. Mit der Anmietung der Räumlichkeit in 2019 wollte man bereits durchstarten –
das Jahr 2020 machte bekanntlich nicht nur hier einen Strich durch die Rechnung. Umso mehr freut sich das Team des Wohnzimmers endlich wieder in die Normalität zurückkehren zu können. Es bleibt abzuwarten, wie Herbst und Winter laufen. Das WZ ist vorbereitet: Bereits in der ersten Corona-Phase haben sie sehr schnell reagiert. 

„Als alles geschlossen wurde, haben wir direkt umgeswitcht und bereits nach wenigen Tagen mit diversen Livestreamangeboten begonnen. Anfangs aus den Wohnzimmern der Künstler*innen heraus, später auch live von der WZ-Bühne. Auch die Formate mit den DJ-Livestreams sind wahnsinnig gut angekommen“ resümiert Madeleine.

Freiluft-Veranstaltungen wurden realisiert, als die Lockerungen es wieder möglich machten. Dazu wurden die Open-Air-Möglichkeiten im Hof genutzt. 

„Es hat durchaus Spaß gemacht, neue Formate auszuprobieren, zu improvisieren. Eben nur nicht auf Dauer“, sagt Paul, der auch einfach froh ist, dass der Normalbetrieb seit ein paar Monaten endlich wieder aufgenommen werden kann. 

Man fühlt sich vorbereitet, hofft aber das Beste für das laufende Halbjahr. Die Planungen für die nächsten Konzerte und Veranstaltungen bis Mitte 2023 stehen. Mit Ausfällen und Änderungen muss leider immer gerechnet werden. Diese werden immer „up to date“ auf den Social-Media-Kanälen kommuniziert. Auch dort hat sich viel getan. 

Die sozialen Netzwerke bieten viele Möglichkeiten, sind aber nur schwer mal eben nebenher zu bedienen. Paul: „Wir haben Social Media gerade in Corona-Zeiten noch einmal neu für uns entdeckt, erzielen mittlerweile große Reichweiten, und das alles on top im eh schon vollen ehrenamtlichen Alltag.“

Highlights

Mit Formaten wie der „Open Stage Gelsenkirchen“ oder dem Live-Stream zum neunjährigen Geburtstag über YouTube konnten Paul und Madeleine mit der Community vor den Bildschirmen sogar interagieren, es gab Gewinnchancen auf Jubiläumseintrittskarten, und der Kontakt zu den Künstler*innen und dem Publikum war beinahe greifbar. 

Für Madeleine nach wie vor ein Highlight: „Für mich war es total fantastisch, das Neunjährige live zu streamen. Eine ganz neue Erfahrung. Die Vorbereitung, Moderation, wie viele Menschen daran beteiligt waren – in der Corona-Zeit, wo nicht viel ging, haben wir zum allersten Mal eine richtig große Show auf die Bühne gebracht, ohne wirklich die Bühne zu benutzen. Ich gucke es mir immer noch gerne zwischendurch an.“

Paul erinnert sich gerne an die 3-Tage-wach-Aktion von 1Live: „Zwei Veranstaltungen haben im WZ selbst stattgefunden, drei Tage lang war hier echt Trubel. Bülent Ceylan, Daniel Danger, Catrin Altzschner, Alle Farben… Revolverheld haben das Wohnzimmer als Backstage genutzt. Auch Bastian Bielendorfer ist schon zweimal aufgetreten, quasi als Secret Show vor seinen Touren. Aber eigentlich sind es weniger die großen Namen oder Berühmtheiten, die das Besondere oder den Erfolg definieren, es sind vielmehr die vielen großartigen, eher unbekannteren Acts, von denen man dann auch einige ein paar Jahre später auf großen Bühnen oder im Fernsehen wieder sieht. Genauso wie die vielen Menschen, die seit zehn Jahren immer wieder zu uns kommen und tolle Momente erleben lassen.“ 

Das WZ ist zudem Kulisse für Videodrehs von Weekend, Sport1 oder dem WDR. Mittlerweile sind viele Freundschaften zu Künstler*innen entstanden, und es hat sich ein Riesen-Netzwerk aus vielen kulturinteressierten Menschen zusammengefunden. Auch über die Grenzen der Stadt hinaus. Das WZ versteht sich nach wie vor als Ort für Kultur, Kulturschaffende, Kulturaffine, Kulturliebhaber. Das zwanzigköpfige Team ist weiterhin mit Herz und Leidenschaft dabei und schaut nach vorne!

Programm und Infos rund ums Wohnzimmer GE: www.wohnzimmer-ge.de

Und hier könnt ihr auch nochmal die Streams anschauen:  www.youtube.com/wohnzimmerge

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